Mittwoch, Juli 28, 2021
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Standpunkt Breiter Weg: Sehnsucht nach “Altem”

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Neue Bauvorhaben kommen nie ohne Gegenwind aus. Magdeburg kann da auf „gute“ Beispiele in der Vergangenheit schauen. Hätten sich Kritiker durchgesetzt, gäbe es keinen NORD/LB-Neubau am Domplatz, kein Hundertwasserhaus und vielleicht auch gar kein Allee-Center. Über die Architektur eines jedes Gebäude kann man geteilter Meinung sein. Daran wird sich nichts ändern, und deshalb werden die Kontroversen zu stadtbildprägenden Häusern bleiben. Am Prämonstratenserberg plant die städtische Wohnungsbaugesellschaft Wobau ein Ensemble historischer Fassenden mittelalterlicher Magdeburger Gebäude.

Die Architektenkammer hat darauhin eine Umfrage bei ihren Mitgliedern gemacht und ermittelt, dass zwei Drittel dagegen seien. Architekten wollen natürlich immer etwas Neues bauen und Impulse für die Gegenwart setzen. Aber auch das trifft nicht jeden Geschmack. Gewiss würden dort nur architektonische „Zitate“ der Vergangenheit entstehen. Und andere wiederum vergleichen das Vorhaben mit einer Art Magdeburger „Disney World“. Bürger aus der Nachbarschaft fordern den Erhalt der Grünflächen. Für alles gibt es ein Für und Wider. Aber es existiert eben auch eine starke Sehnsucht nach dem alten, untergegangenen Magdeburg. Bildbände, Geschichtsbücher, Postkarten und Kalender mit historischen Motiven stehen hoch in der Gunst der Magdeburger. Die Facebook-Seite „Magdeburger Stadtgeschichte“ hat fast 8.000 Mitglieder. Dort werden lebendig Detailinformationen vor allem über Häuser, Straßen und Einrichtungen ausgetauscht.

Als Anfang der 1990er Jahre Oberbürgermeister Willi Polte an der Regierungsstraße schon einmal mit Wohnungsbaugenossenschaften so ein Vorhaben initiieren wollte, scheiterte dies an den finanziellen Möglichkeiten der Unternehmen. Die mussten zunächst Modernisieren, Sanieren und Altschulden abtragen. Damals war die Kritik an allem Entstehenden groß und Wünsche für ein wenig altes Stadtbild zahlreich. Ich glaube, daran hat sich nichts geändert. Frankfurt/Main hat seine historische Altstadt neu gebaut und erfreut sich eines großen Besucherstroms. Wer Autos aus der Innenstadt verbannen möchte, muss gleichsam für mehr Anziehungskraft, Urbanisierung, Angebotsvielfalt und bauliche Abwechslung in Magdeburgs Mitte sorgen. Dafür ist das Vorhaben am Prämonstratenserberg ein richtig gutes Signal. Wenn der Nachbar im Garten eine Hecke oder einen neuen Baum pflanzt, passt das einem anderen manchmal auch nicht. Das ist ebenso. Nichts tun, nichts verändern, ist keine Alternative. Das wäre immer Stillstand, der sich jedoch später negativ auswirkt. Und niemand sollte die Sehnsucht vieler Magdeburger nach ein paar weiteren baulichen Erinnerungen an ihre große mittelalterliche Geschichte unterschätzen.

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