Dienstag, September 21, 2021
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Standpunkt Breiter Weg: Vom Verlieren und Gewinnen

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Das Spiel war längst abgepfiffen, aber Heimgehen wollte einfach keiner der fast 15.000 Zuschauer. Der Beifall fegte nach dem FCM-Pokalspiel am vergangenen Sonnabend durch die Arena wie ein schwerer Gewittersturm. Immer und immer wieder angepeitscht von den Fans. Stehende Ovationen. Manche auf den Traversen hatten Tränen in den Augen. Man meinte, eine Zauberhand oder eine imaginäre Macht von oben hätte die Fans in eine Art Trance versetzt.

Was war also passiert da unten auf dem Rasen? Eigentlich alles, was dafür gesprochen hätte, genau die gegenteilige Reaktion auszulösen: Der FCM war nach einer 2:3-Niederlage gegen den FC St. Pauli ausgeschieden, zum vierten Mal in Folge passierte das gleich in der ersten Runde, die DFB-Pokal-Tristesse setzt sich also fort. Und trotzdem riesiger Jubel? Ja und nochmals ja – und völlig zu Recht.

Was der Drittligist da über 90 Minuten abzog, gehört zum Besten, was in den zurückliegenden Jahren hier zu beobachten war. Zumindest in der Offensive. Was da an Kombinationen geboten wurde, an Ideen zu sehen war, an Kampfeslust – altgediente Anhänger trauten ihren Augen nicht: Wohin ist er denn entschwunden, der Rumpelfußball der letzten Jahre? Die klassenhöheren Hamburger wurden regelrecht an die Wand gespielt. Hinterher gab es Zahlen, die die Überlegenheit der Blau-Weißen nur untermauerten: 41:10 (!) bei den Torschüssen, 20:3 bei den Ecken, 84:71 Prozent bei der Passquote, 62:38 Prozent beim Ballbesitz.

Und da ist noch ein Punkt, der über die Pokal-Aus hinausgeht: Mit seiner attraktiven Spielweise setzte der FCM ein dickes Ausrufezeichen für die Liga. Es ist schon erstaunlich, was Trainer Christian Titz binnen weniger Monate aus dieser Truppe gemacht hat, wie hier plötzlich Fußball gespielt wird. Während die Fans draußen weiter sangen, gab es in den Katakomben bemerkenswerte Statements der Spieler. Tenor: Wir werden an unserem Stil festhalten. Es klang wie eine Kampfansage an die Konkurrenz.

Wer nach dieser Vorstellung nun immer noch davon redet, Ziel in der Meisterschaft müsse es sein, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben, der hat an diesem Abend beide Augen geschlossen gehalten – oder er will einfach nur tiefstapeln. Besser als St. Paulis Coach Schultz kann man es eigentlich nicht sagen: „Wenn der FCM die Leistung bestätigt, können wir mit ihm nächstes Jahr in der 2. Liga rechnen.“
Jubel bei den Handballern über den Gewinn der European League, grenzenlose Begeisterung jetzt bei den Fußballern – Magdeburg wird seinem Ruf als Sportstadt einmal mehr gerecht. Eigentlich nur schade, dass die olympischen Sportarten mangels Heimwettbewerben davon nie so richtig profitieren können. Und es passte ins Bild der Sportstadt, dass vor Anpfiff SCM-Schwimmstar Florian Wellbrock über die Lautsprecher zu seinem Olympia-Gold gratuliert wurde. Auch dafür gab es Beifall. Die Pflicht zur Wahrheit gebietet hinzuzufügen: Die Jubelgesänge später, sie waren einfach noch viel lauter. Aber das mag vielleicht mit der Vorliebe der Einheimischen für Bälle zusammenhängen …

Rudi Bartlitz

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