Montag, November 28, 2022

Standpunkt Breiter Weg: Vorholen ohne nachzuholen

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Sachsen-Anhalts Bildungsministerin Eva Feußner wagte Anfang Juli einen kuriosen Vorstoß: An zwölf Schulen soll das Modellprojekt „4-plus-1“ erprobt werden. Der Bildungsnachwuchs erhält an vier Tagen pro Woche Präsenzunterricht und einen Tag fürs Distanzlernen. Dass dahinter das Motiv stecken könnte, mittelfristig die fehlenden Lehrkräfte zu kaschieren, bestreitet die Ministerin. Den Vorwurf kann sie trotzdem nicht wegwischen. „Mit dem Modellprojekt soll Schulen im Rahmen ihrer jeweiligen Bedingungen mehr Flexibilität bei der Unterrichtsplanung und -durchführung gegeben werden.“ Die Teilnahme der Schulen sei freiwillig. Aber „Flexibilität bei der Unterrichtsplanung“ inkarniert geradezu den Vorwurf, kurzfristig kein Konzept für mehr Lehrer zu haben.

Alle Untersuchungen zu Homeschooling während der Pandemiemaßnahmen förderten Wissens- und Kompetenzlücken in allen Klassenstufen zutage. Welche Gründe für Präsenzunterricht braucht es noch? Etwa, dass Angriffe von Schülern gegenüber Lehrern zunehmen? Auch das ist ein Trend, der in staatlichen Schulen verzeichnet wird, insbesondere in deutschen Ballungsgebieten. Arbeitgeber klagten schon vor Corona bei Schulabsolventen über mangelndes Wissen. An Universitäten und Hochschulen hört man denselben Aufschrei. Eva Feußner ist Jahrgang 1963. Sie kennt also noch die Sechs-Tage-Unterrichtswoche und dürfte als Pädagogin und als Bildungspolitikerin die Entwicklung seit 1990 verfolgt haben. Wissens- und Bewertungsstandards wurden teilweise zurückgefahren. Bessere Notendurchschnittswerte sind häufiger ein Ergebnis der Niveaureduzierung und weniger Ausdruck einer klügeren Generation.

Orientierungszeiten, längeres Studieren führen zu späteren Berufseinstiegen und das gleichzeitig bei Forderungen nach verkürzten Arbeitszeiten oder früheren Renteneintritten. Die Menschen, die bei den älteren Erwerbstätigen fehlen, kommen bei den jüngeren später in den Beruf. Auf diese Weise bekämpft man den Fachkräftemangel in die entgegensetzte Richtung.
Bei der Qualität der Bildung soll – wollte man Feußners Vorstoß folgen – nun weiter in die Negativrichtung gesteuert werden. Alle Lehrer, die ich kenne – und als Lehrerkind kenne ich viele –, habe ich zu der Idee befragt und ausschließlich Kopfschütteln und Unverständnis geerntet. Da ist eine Pädagogin Ministerin und agiert, sollte das Modell Schule in den Schulen machen, an Kollegen, Kindern, Eltern, der Wirtschaft und den Hochschulen vorbei.
Kein Wunder, dass an der Basis vielfach die Kompetenz in politischen Führungsetagen bezweifelt wird. „Überholen ohne einzuholen“ – so lautete 1957 das Motto von SED-Chef Walter Ulbricht für die Wirtschaft. Auf einem ähnlichen Kurs scheint nun Frau Feußner in Sachen Wissenserwerb zu segeln: „Vorholen ohne nachzuholen“.

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