Standpunkt Breiter Weg: Welt und Spiegelwelt

Standpunkt Breiter Weg von Thomas Wischnewski mit “Welt und Spiegelwelt”

Die zweite Covid-19-Welle ist da. So heißt es. Gleichzeitig ist die Partystimmung in deutschen Großstädten riesig. Unter dem Tourismusansturm auf Urlaubsorte werden viele Neuinfektionen registriert. Bundesregierung und EU-Kommission winken mit Aufbau-Milliarden – für welche Zerstörung eigentlich? – und stürzen die Gesellschaft gleichzeitig in immer tiefere Schuldenabgründe. Die Türkei und Griechenland schlittern wegen eines Streits um Gas gefährlich nah an einen militärischen Konflikt heran. Zwischen China und den USA spitzt sich die Auseinandersetzung zu. Im Nahen Osten knistert es ohnehin dauerhaft. Auf Lampedusa landen täglich neue Boote mit Migranten an. Naturkatastrophennachrichten kommen aus Indien und Sibirien. Die Schweden galten mit manchem Projekt als Vorbild für Deutschland. Als sie unter der Corona-Pandemie einen anderen Weg einschlugen, zeigten viele mit dem Finger auf sie. Ach und die Briten wollen die EU-Bedingungen über ein Handelsabkommen nicht akzeptieren und leben ihren Brexit konsequent. Wurde Jahre lang auf Mängeln unseres Bildungssystems herumgehackt, ist es unter Corona-Einschränkungen gar kein Problem, die Wissensvermittlung zu durchlöchern.

Die Aufzählung der Konflikte ist unvollständig. Aber die Problem-Ressourcen der deutschen Gesellschaft spielen sich scheinbar auf anderen Gebieten ab. So lange Menschen über Zeit und Muße verfügen, sich über den einen oder anderen angeblichen Diffamierungs- oder Sexismus-Satz in virtuellen Kanälen aufzuregen, können die Probleme der Welt eigentlich nicht sehr bedeutsam sein. Jedenfalls bekommt man den Eindruck, wenn man die Daueraufregungen in Kommentaren über Veröffentlichungen und Äußerungen verfolgt.

Real entwickeln sich Differenzen zwischen Nationen, Ethnien und natürlich passieren schreckliche Naturkatastrophen. Wirklich sind die wirtschaftlichen Auswirkungen – und für viele Unternehmen und Selbstständige fangen die Probleme erst noch an. Man kann noch so bitter über Infektionszahlen oder Problem-Äußerungen von wem und auf welcher Plattform auch immer streiten – was sich offline entwickelt, passiert nicht durch Kommentarspalten in der Onlinewelt. Mittlerweile scheint eine wachsende Zahl an Menschen zu glauben, dass sie mit ihren Debatten-Blasen wirklich etwas bewegen. Im Übrigen bewegt mein Kommentar ebenso wenig, wie die von vielen anderen. Allerdings habe ich den Nachrichten- und Debattenkonsum im Internet stark eingeschränkt. Manche Probleme aus der Spiegelwelt der Welt sind deshalb aus meinem Leben verschwunden. Eine Erkenntnis sollte lauten: Wir erregen uns über Dinge, nur weil wir uns die Zeit nehmen, sie im Spiegel des Spiegels unzähliger anderer Spiegel spiegeln zu wollen.

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