Standpunkt Breiter Weg: Zukunft träumen

Wie alles werden wird, darum machen sich viele Gedanken. Meistens kommt es anders, als man denkt. Doch millionenfache Hobby-Propheten sind deshalb nicht von ihren Prognosen abzubringen. Die Akteure der „META architektur GmbH“, die für das sechs Wochen stattfindende „Freiraumlabor“ mit verantwortlich zeichneten, posteten bei Facebook, dass die Ära der Einkaufsstraßen zu Ende ginge. Ich finde die Bemerkung voll daneben. Bei täglichen Stippvisiten im Nordabschnitt Breiter Weg habe ich keine zusätzliche Besucherdichte wahrgenommen. Dass versprach das Laboratorium aber. Auch finde ich beschämend, dass es für fleißige Künstler auf der Bühne am Ratswaageplatz aus der 150.000-Euro-Förderung nicht einen Cent Gage übrig war. „… unsere Städte müssen wieder viel mehr in ihrer Funktion als sozialer Raum gestärkt werden“, so schrieb man bei META weiter. METAs soziale Verantwortung scheint eher verkümmert zu sein. Dass die Gewerbetreibenden dort, zumal Mieter der städtischen Wohnungsgesellschaft, mit ihrem Dasein eine soziale Funktion haben, erschließt sich den Architekten nicht. Ein kommunales Wohnungsunternehmen, dass jedes Jahr Gewerbesteuer und Gewinn in Millionenhöhe an die Stadtkasse abführt, hätte wohl nur eine geringfügige soziale Funktion, folgte man den META-Argumenten.

Mit welchen tollen Ideen sollen die Ladenflächen in einer Nach-Shopping-Zeit langfristig gefüllt werden? Können Kulturcafés, Musikclubs, Kleinkunstbühnen und bunte Gastronomieangebote wirklich ersetzen, was wegbräche? Und ich frage mich, wer sollen die Betreiber sein? Wo kommen Hunderte mutige Existenzgründer her, die noch während der Pandemie-Einschränkungen Lokale eröffnen sollen? Traum und Wirklichkeit fallen bei Freiraum-Laboranten weit auseinander. Visionen – ja, die brauchen wir dringend! Aber hohle Phrasen, die ein Morgen orakeln und die sich jenseits von realen Möglichkeiten bewegen, gehören ins Reich der Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Am neuen Domviertel kann man den aktuellen Mix an Gewerbemietern kritisieren und natürlich den im Norden des Breiten Wegs. Es wäre schön, wenn es die Freiraum-Versuchsgestalten besser machten als die Vermieter. Vielleicht haben sie solche Mieter auf dem Reißbrett. Aber Reißbrett ist nicht Realität.

Unter der Pandemie sind die Digitalisierungsrufe noch lauter geworden. Dringlich soll sich alles an Bildschirme anschließen und Marktplätze möchte man offenbar komplett in die Welt der Bits- und Bytes verbannen möchte. Soziale Funktionen, ein Mehr an Begegnungen mitten in der Stadt sind bisher nicht entstanden. Die wachsende Nutzungszeit vor smarten Flimmerkästchen nagt unablässig an realen Interaktionspotenzialen. Das geschieht so unbemerkt, wie man das eigene tägliche Ältern nicht registriert. Vor Bildschirmen entstehen vielleicht schöne META-Traumwelten, mit denen man wertvolle Förderanträge stellen kann. Die Zukunft wird anders als erträumt, außer man lebt in Scheinraumlaboren.

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