Standpunkt Breiter Weg: Zweifeln verlernt?

Am 19. Februar hatte die Pandemie in Europa ihren ersten Jahrestag. Seither schlagen wir uns mit Prognosen, Infektionen, Inzidenzen und anderen statistischen Angaben herum. Was kommt dabei heraus? Nur vage Vermutungen mit Blick auf die nächsten Tage. Niemand will bzw. kann sich festlegen. Man müsse abwarten, stillhalten und auf keinen Fall kritisieren, was verordnet ist. Ganz schnell zeigen andere mit dem Finger auf Kritiker und stellen sie quasi unter Mordverdacht, weil sie mit einem kritischen Einwand für den Tod Tausend anderer verantwortlich sein würden.
Folgte man so einer komischen Logik, müssten Eltern für den Tod ihrer Kinder verantwortlich gemacht werden. Schließlich haben sie in Kauf genommen, dass ihr Nachwuchs nicht lebend aus diesem Leben herauskommt.

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Solche Erzählungen über Schuldzuweisungen, über nicht existierende Virus-Gewissheiten machen mir Angst. Das Virus mag mit seinem Auftritt in der Welt in manchem Wirkmechanismus unbekannt sein. Trotzdem haben es Wissenschaftler geschafft, Impfstoffe zu entwickeln. Ob diese dauerhaft der Weisheit letzter Schluss sind, bleibt wiederum ohne letztgültige Antwort. Und weil alles vage bleibt, gibt keine Regierung planbare Handlungsempfehlungen. Erst sollten die Inzidenzen unter 50 fallen, dann wurde die Grenze mit 35 neu definiert. Wir alle, Wissenschaftler, Politiker, Bürger – Kritiker wie Verteidiger der verordneten Maßnahmen – stochern in dieser Viruswelt herum und müssen ausharren, müssen warten, bis Aussagen getroffen werden können, die jegliche Gefahr ausschließen.

Prognosen über diese Virus-Winzigkeit bleiben nebulös, das wird immer und stets beteuert. 1882 entdeckte Robert Koch den Erreger der Tuberkulose. Seither beschäftigt sich die Medizin mit bakteriellen und Virus-Infektionen. Etwa zur selben Zeit, im Jahr 1881, begannen alle Wetteraufzeichnungen und Temperaturmessungen. Seither stützen darauf bis heute alle errechneten Klimamodelle. Und Wissenschaftler trauen sich Prognosen für die nächsten 30 bis 50 Jahre über durchschnittliche Temperaturentwicklungen auf der Erde. In diesem Bereich wollen wir bereits ziemlich genau Bescheid wissen, wie alles miteinander zusammenhängt. Bei Covid-19 ginge das aber nicht.

Es muss wieder mehr über tatsächliche Gewissheiten und vage Vermutungen geredet werden. Zu schnell soll etwas feststehen, was bei differenzierterer Betrachtung noch gar nicht abschließend feststehen kann. In der Folge werden dann Meinungen politisch einsortiert. Sowohl an den Gewissheiten als auch an politischen Schubladen ist zu zweifeln. In dieser Beziehung darf die Corona-Pandemie ein Lehrstück für den gesellschaftlichen Zustand sein. Es steht eben vieles nicht endgültig fest, vor allem wenn es sich um Voraussagen über die Zukunft handelt. Propheten müssen wir mit mehr Skepsis begegnen und weniger mit Gläubigkeit. | Thomas Wischnewski