Samstag, Mai 21, 2022
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„Stare” ziehen gen Norden

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Zwei skandinavische Vereine „wildern“ in der Handball-Bundesliga. Die deutsche
Eliteklasse könnte einen Teil ihrer Attraktivität einbüßen. Der SCM verliert Gullerud,
behält aber Saugstrup.

Von Rudi Bartlitz

Jim Gottfridsson, Schwedens begnadeter Handballer, war sauer. Sauer auf seinen deutschen Arbeitgeber SG Flensburg-Handewitt. Der Grund: Der dreifache deutsche Meister und Champions-League-Gewinner (2014) zeigte sich wenig gewillt, seinem Star und Spielmacher nachträglich eine Ablösesumme in den bis 2025 gültigen Vertrag zu schreiben. Damit interessierte Klubs wissen, in welcher Höhe sie einen Scheck ausstellen müssen, um den Abwanderungswilligen gegebenenfalls loszueisen. Hintergrund des Ganzen: Gottfridsson erwägt offenbar, sich dem Nordflug skandinavischer Spitzenspieler, vor allem aus der Bundesliga, anzuschließen. Kronen statt Euro – unter den Ballwerfern ist dies seit einiger Zeit eine gängige Floskel.

Hiobsbotschaften dieser Art gab es zuletzt genügend. Einige Vereine wurden kalt erwischt. So wie eben Flensburg, das in 15 Monaten Göran Sögard (ans norwegische Kolstad) und Simon Hald (Aalborg) abgeben muss. Vorher hatten schon der Kieler Sander Sagosen und noch ein Flensburger, der junge Magnus Röd, ihren Weggang nach Kolstad im Sommer 2023 verkündet. Damit noch längst nicht genug. In diesen Tagen schreckte die Nachricht Handball-Kiel auf, dass der beste Spieler des deutschen Champions den THW verlassen wird: Der dänische Torwart Niklas Landin schließt sich ab 1. Juli 2023 für vier Jahre Aalborg Handbold an. Mit einem Vertrag bis Mitte 2025 in Kiel ausgestattet, nutzt der 33 Jahre alte zweifache Welthandballer eine Ausstiegsklausel, die ihm eine Heimkehr aus familiären Gründen ermöglicht. Der THW verliert seine Lebensversicherung, die Bundesliga eine Attraktion.
Es sind vor allem zwei Vereine, die sich derzeit in der deutschen Szene nicht gerade beliebt machen und nicht FC Barcelona oder Paris St. Germain heißen: der norwegische Provinzklub Kolstad IL und Aalborg Handbold aus Dänemark. In Kolstad sorgt eine landesweit agierende Supermarktkette für die nötigen Kronen. Aalborg statten zwei handballbegeisterte Multimillionäre aus, die viel mehr als Mäzene sind und schon den Isländer Aron Palmarsson (aus Barcelona) und Mikkel Hansen (Paris) nach Nordjütland gelotst haben. Um die skandinavischen Stars der Bundesliga abzuwerben, haben beide Klubs, so schrieb die „Frankfurter Allgemeine“, „Angebote in der Auslage, denen niemand widerstehen kann – Spitzengehälter auf hiesigem Niveau, Auswärtsfahrten als simple Tagestouren mit Übernachtung im eigenen Bett und, unschlagbar, ein Leben in der Heimat. Hygge trifft Höchstleistung.“ Hygge bedeutet auf Deutsch übrigens so viel wie Wohlbefinden.
Zumindest für einen Teil jener Spieler, die es nach Dänemark zieht, kommt als Booster ein fettes finanzielles Lockmittel hinzu. Ein Förderprogramm der Regierung in Kopenhagen sieht erhebliche Steuererleichterung für Fachkräfte – dazu zählen eben auch Spitzenhandballer – vor, die nach zehn Jahren im Ausland in die Heimat zurückkehren. Ihre Steuerlast wird deutlich unter dem dänischen Durchschnitt liegen. Für Mikkel Hansen, dreimal bei einer Weltmeisterschaft als bester Akteur ausgezeichnet, beispielsweise bedeutet dies, sieben Jahre lang werden für ihn nur 32 Prozent Einkommensteuer fällig – auch über die sportliche Karriere hinaus. Normalerweise müsste er weit über 50 Prozent auf sein Gehalt berappen.
Die Nordwanderung der skandinavischen Stars macht auch um den SC Magdeburg keinen Bogen. Im Sommer verliert der Bundesliga-Spitzenreiter seinen norwegischen Kreisspieler Magnus Gullerud, der sich Kolstad anschließt. Sicher ein Verlust für die Grün-Roten, selbst wenn mit dem Schweizer Nationalspieler Lucas Meister bereits ein Nachfolger feststeht. „Magnus wird uns nicht nur spielerisch, sondern besonders auch menschlich fehlen“, so Trainer Bennet Wiegert. „Unsere Gespräche waren sehr offen und zu 100 Prozent transparent, daher sind wir seinem Wunsch nach einer Veränderung auch nachgekommen.” Dass es jedoch kein Naturgesetz des Handballs sein muss, künftig Jahr für Jahr bangen zu müssen, regelmäßig Ausnahmespieler aus dieser Gegend der Welt zu verlieren, beweisen die Sachsen-Anhalter fast in gleichem Atemzug. So verlängerte der dänische Nationalspieler Magnus Saugstrup seinen Kontrakt an der Elbe langfristig bis 2026.

Sollte sich neben Aalborg HB – der neuen sportlichen Heimat von Landin – mit Kolstad eine zweite Handballmacht im hohen Norden etablieren, könnte das den Markt für die deutschen Teams gehörig durcheinanderwirbeln, wie THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi in den „Kieler Nachrichten“ bestätigte. „Man sieht, dass sich mehr Konkurrenz auftut. Mit Aalborg und Kolstad gibt es in der Handballwelt zwei neue Global Player.“ Die hiesigen Top-Klubs werden sich daran gewöhnen müssen, ihre besten Spieler im besten Alter (und nicht erst zum Karriereende) dahin zu verlieren, wo Handball ähnlich lukrativ, aber weniger anstrengend ist. Abhilfe gäbe es nur durch eine rigorose Verkleinerung der Liga plus der Einführung eines Play-off-Systems. Dieser Vorschlag ist jedoch nicht mehrheitsfähig.

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