Steffen Schüller: Kunst als Start- und Schlusspunkt

KOMPAKT ZEITUNG: Herr Schüller, am 6. September (10 bis 17 Uhr) wollten Sie die Magdeburger Stadthalle mit einem „Flohmarkt der Showgeschichte(n)“ in den großen Umbau verabschieden. Jetzt findet in der darauffolgenden Woche noch die Messe für zeitgenössische Kunst KUNST/MITTE statt. Ist das der Rücktritt vom Rücktritt?

Steffen Schüller: Nein. Definitiv ist nach der KUNST/MITTE Feierabend. Dann wird die Baustelle eingerichtet. Dass wir der Kunstmesse kurzfristig die Stadthalle zur Verfügung stellen, unterstreicht unser Anliegen, Menschen zu unterstützen, die Mut haben, unter den komplizierten Bedingungen der Corona-Pandemie etwas auf die Beine zu stellen. Der ursprünglich geplante Veranstaltungsort, das AMO Kultur- und Kongresshaus, hätte nur Platz für wenige Besucher erlaubt und damit die Messe in Gefahr gebracht. Man könnte aber auch sagen, dass damit aus der Not eine Tugend wird. Schließlich eröffnete die Stadthalle 1927 mit der Deutschen Theaterausstellung mit einem künstlerischen Anlass. Jetzt schließen wir sie für die nächsten drei Jahren wiederum mit einem Kunst-Event. Da schließt sich ein schöner inhaltlicher Bogen. Trotzdem bleibt der 6. September als Chance für Magdeburgerinnen und Magdeburger, ihrer Stadthalle Adieu zu sagen.

Was kann man an diesem Tag erleben?
Im Großen Saal können Besucher Vintage-Technik, Ausstattungsgegenstände mit Geschichte, aber auch Schallplatten, gastronomisches Retro-Equipment und Erinnerungs- und Sammlerstücke erstehen. Man kann mit der Kunsthistorikerin Sabine Ullrich auf architektonische Reise durch die Historie des markanten Monumentalbaus aufmachen, allerdings nur mit Voranmeldung. Oder man erkundet das Haus auf eigene Faust auf einer ausgeschilderten Foto-Tour vor und hinter der Bühne über fast einen Kilometer Länge.

Wann rücken denn nun die Bagger an?
In diesem Jahr wird gar nicht so viel zu sehen sein. Zunächst geht es um die Baustelleneinrichtung. Abgerissen wird nur der Anbau aus den 1970er Jahren. Die eigentlichen Rückbauarbeiten stehen 2021 im Mittelpunkt. Ich hoffe nur, dass Magdeburger nicht erschrecken, weil die Halle bis auf die Grundmauern entkernt wird. Wahrscheinlich zeigt sich dann ein Bild, dass dem der Zerstörung von 1945 ähnelt.

Sind so tiefe Eingriffe nötig?
Ja. Wie wollen die Halle fit für die Zukunft machen. Es wird Pfahlbohrungen geben, um die Gründung der Stadthalle zu stabilisieren. Es kann sein, dass die ursprüngliche Gründung beschädigt ist. Natürlich birgt so ein umfassendes Bauvorhaben immer Überraschungen. Wer an die Substanz geht, kann Schäden entdecken, die von außen niemals sichtbar würden. Allerdings haben wir dann die Gewähr, dass die Halle nach der Fertigstellung für die kommenden Jahrzehnte funktioniert.

Innen wird der Veranstaltungsbereich auch völlig neu gedacht?
Die alte Situation, dass Besucher unter der Bühne in die Halle kommen, begrenzt die Möglichkeiten für Veranstalter, Technik und große Bühnenbilder aufzubauen. Das Bühnenhaus auf der entgegenliegenden Seite wird andere, viel aufwendigere Inszenierungen in der Stadthalle ermöglichen. Wichtig ist mir, dass wir mit der Modernisierung ursprüngliche architektonische Elemente wieder herstellen können. Das Dach wird in der ursprünglichen Form leichter wirken. Die Lichtbänder und Lichtelemente in der Fassade werden z. B. wieder entstehen. Die Lichthöfe an den Wandelgängen bekommen wieder ihre Funktion zurück. Das wurde nach der Zerstörung alles nicht orginalgerecht wieder hergestellt.

Drei Jahre haben Sie für die Modernisierung geplant. Werden Sie den Zeitplan halten?
Das hängt von den Überraschungen während der Bauphase ab. Aber wir wollen schon den Terminplan halten. Wir brauchen ein Jahr Vorlauf, um Veranstaltungen für die Halle zu gewinnen. Da müssen wir auch für Veranstalter Termintreue bieten.
Fragen: Thomas Wischnewski

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