Stiel und Stil

Auch die hier vor Ihnen liegende Kompakt-Zeitung kann es sich nicht erlauben, jegliche Werbung kos-tenlos darzubieten. Es passt aber zu dem in der Überschrift genannten Thema über Stil und Stiel, den gegenwärtig von einem Einkaufszentrum angebotenen Stielseiher etwas zu beschreiben, denn es könnte sein, dass vielleicht nicht alle interessierten Leserinnen und Leser das Bild im Werbeprospekt gut erkennen. Und nebenbei erweitern Sie Ihren Wortschatz mit Bezeichnungen, die vielleicht in anderen Regionen unseres Landes üblich sind. Der Stielseiher ist also ein Küchengerät, das bestens geeignet ist zum Abgießen von Nudeln, zum Waschen von Salat und Gemüse oder ganz einfach zum Abtrennen von konservierten Früchten vom Aufguss. Er sieht aus wie ein kleinerer Kochtopf mit Löchern, kann aus Metall oder Plaste sein, und anstelle von Henkeln gibt es einen Stiel. Meine Mutter nannte ein solches Gerät einen Durchschlag.

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In unserem Land Sachsen-Anhalt haben wir die Straße der Romanik. In rund 65 Orten finden wir alte Kirchen, Klöster und andere Bauwerke, die im Baustil der Romanik vor vielen Jahrhunderten erbaut worden sind oder zumindest Elemente dieser Stilrichtung aufweisen. Kennzeichen der Romanik sind runde Formen der Bögen über relativ kleinen Fens-tern und Türen in wuchtigem Mauerwerk. Der gotische Stil hingegen ist mehr durch Spitzbögen und filigrane Streben geprägt.

Von Stilen und Stilrichtungen sprechen wir nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Malerei, bei Skulpturen, in der Musik, kurz gesagt in der Kunst überhaupt. Im Sport kann ein Läufer einen besonderen Laufstil bevorzugen, ein Schwimmer hat mit seinem neuartigen Schwimmstil alle bisherigen Rekorde gebrochen. Auch bei der Art, wie man sich kleidet, wird vom Kleidungsstil gesprochen. Ein klassischer Kleidungsstil soll sich durch Zeitlosigkeit und Eleganz auszeichnen. Junge Bloggerinnen versuchen, einen Unterschied zwischen Stil haben und stylish oder stylisch herauszustellen. Im Duden wird stylisch als besonders schick und modern erklärt. Und als Adjektiv (Eigenschaftswort) lässt stylisch sich sogar steigern: Positiv (Grundform) stylisch, Komparativ (erste Steigerungsstufe) stylischer, Superlativ (höchste Steigerungsform) am stylischsten. Ursprung ist das englische stylish, wofür im Englisch-Deutschen Wörterbuch elegant, modisch, stilvoll angegeben wird.

Zusammengefasst können wir sagen, dass Stil eine typische, d. h. wiederkehrende und wiedererkennbare, Ausdrucksform für die Gestaltung von Kunstwerken, Bauten, Möbeln und Kleidung ist. Die Frage ist, ob dies auch auf unsere Sprache zutrifft. Ja, genau. Und es ist sogar umgekehrt zu dem, wie wir es oben versucht haben darzustellen. Zuerst war da der Stil der sprachlichen Äußerungen, und erst in zweiter Linie kamen die Anwendungen dieses Worts auf Baustil, künstlerischen Stil usw. Denn der Begriff Stil ist abgeleitet vom lateinischen stilus, wofür im Wörterbuch die Äquivalente Spitzpfahl, Schreibgriffel, Schreiben, Schreibart angeführt sind. Der Griffel, an einem Ende angespitzt, diente dazu, Buchstaben in eine weiche Masse, z. B. Wachs, zu kratzen. Wenn wir uns dieses Wort und die damit bezeichneten Gegenstände aufmerksam betrachten, dann können wir sogar einen Zusammenhang zu dem in der Überschrift genannten Besenstiel herstellen. Ein Schreibgriffel, sei es auch unser moderner Kugelschreiber, hat von seiner Form her Ähnlichkeit mit einem Stiel: Er ist langgestreckt, stabförmig, nicht ver-dickt, und hat an einem Ende etwas zum Ausführen einer Tätigkeit, z. B. einen Hammer, einen Besen oder eben einen Seiher.

„Los, komm, Alter, wir machen uns hier aus dem Staube!“ So könnte sich das Ende eines Gesprächs von zwei gelangweilten Jugendlichen bei einer Diskoveranstaltung anhören. Dabei haben beide ungefähr das gleiche Alter. Alter also ist die Anrede an den anderen Kumpel, und der nachfolgende Satz „wir machen uns aus dem Staube“ zeugt zusätzlich von der Stilebene, auf der sich die beiden bewegen, nämlich der ganz gewöhnlichen Umgangssprache. Vielleicht würden sie auch sagen: „Los, wir hauen hier ab.“ Auch das wäre umgangssprachlich. Und jeder von uns versteht die Aussage. Trotzdem ist die Frage, ob wir das auch so in einem Schriftverkehr, den wir, sagen wir, mit einer Behörde oder einem Unternehmen führen müssen, schreiben würden. Nehmen wir an, Sie sind in einen Verkehrsunfall verwickelt und die Versicherungsgesellschaft fordert Sie auf, einen kurzen schriftlichen Bericht über das Geschehen anzufertigen. Würden Sie dann tatsächlich schreiben, dass sich der Fahrer des Pkw X aus dem Staube gemacht hat oder dass er abgehauen ist? abhauen ist stark umgangssprachlich gefärbt. Vor 1990 wurde zwar gesagt, der oder der ist nach dem Westen abgehauen, aber eine solche Ausdrucksweise gab es nur im Alltagsgespräch unter uns einfachen Bürgern. In den Nachrichtensendungen des Rundfunks oder des Fernsehens war, je nachdem auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs der Sender stand, entweder von Republikflucht oder Flucht oder eben nur von Verlassen der DDR die Rede. Die Verwendung von Begriffen aus einer neutralen Stilebene strahlt mehr Objektivität, Sachlichkeit und Seriosität aus. Der Gebrauch von stark umgangssprachlichen Elementen, wie die gerade angeführten, scheint aber mehr und mehr in den Massenmedien zuzunehmen. Wir meinen nicht Spielfilme oder ähnliches, sondern Nachrichten und Dokumentarberichte. So gab es kürzlich im MDR-Fernsehen einen Dokumentarfilm über ein Mädchen, das wegen des ungelösten Streits seiner geschiedenen Eltern um das Sorgerecht zwangsweise in einem Kinderheim festgehalten wurde. „Das Mädchen haute aus dem Heim ab“ hieß es in dem ansonsten durchaus sach-lich und neutral gehaltenen Bericht. In meinen Augen handelt es sich mit einer solchen Darstellungsweise, also abgehauen, um einen Stilbruch. Es hätte besser geklungen „Das Mädchen floh …“, „…ergriff die Flucht“ oder „… verließ das Heim ohne Erlaubnis.“

Jüngstes Beispiel zum Thema Stil: In den Nachrichten von MDR-Aktuell Anfang März 2021 über die Zurückweisung der Firma Haenel aus Suhl, die das neue Sturmgewehr für die Bundeswehr liefern sollte, wurde berichtet, die Firma habe Patentrechtsverletzungen begangen und die Technik vom bisherigen Lieferanten Heckler & Koch „abgekupfert“. Sie, liebe Leserinnen und Leser, mögen dieses Wort vielleicht anders bewerten als ich. Ich halte das „Abkupfern“ für Industriejargon und damit für stilistisch nicht neutral. Meine Einstellung hängt eventuell auch damit zusammen, dass ich dieses Wort bisher nicht sehr häufig gehört oder gelesen habe. Und damit haben wir es hier auch mit einer Grundfrage oder einem Grundproblem zu tun: Je häufiger ein Wort auftaucht, umso mehr gewöhnen sich die Menschen an dieses Wort, sie machen es sich eventuell sogar zu eigen, und damit verliert das Wort seine frühere Besonderheit. Mit „Abkupfern“ war im 17./18. Jahrhundert das Vervielfältigen von Kupferstichen gemeint. Synonyme zu diesem Wort sind abschreiben, imitieren, kopieren, plagiieren, nachahmen. Nach meiner Meinung hätte der Radiosender sich für die Nachricht über das Sturmgewehr hieraus ein Verb wählen sollen.

Zu Fragen des Stils gehört auch das Verwenden von sogenannten Bildern, sprachlichen Bildern. Wieder Nachrichten des Radiosenders: „Deutschland hat das Ticket zur Fußball-WM gelöst.“ Da ist also der Kapitän der Fußballmannschaft zur Kasse des Stadions gegangen und hat gesagt: „Hier sind 300.000 Euro, ich will dafür das WM-Ticket.“ Natürlich war das nicht so, die Jungens müssen sich schon ganz schön anstrengen. Die Frage ist immer wieder, wie die Hörer dieses sprachliche Bild – ein Ticket lösen – empfinden. Es ist schon mehrere Jahre her, als ich diese Meldung zum ersten Mal im Radio gehört habe. Ich fand das unangemessen, vor allem angesichts der Anstrengungen, die die Mannschaft an den Tag legen muss, um eine solche Stufe im Kampf gegen nicht weniger talentierte und bestens trainierte Gegner zu erreichen. Ein Ticket zu lösen, das ist jedoch im Allgemeinen eine einfache Sache, wenn Sie mit der Straßenbahn oder mit dem Zug fahren wollen. Dagegen ein mindestens 90 Minuten lang dauerndes Fußballspiel, da fließt viel Schweiß. Natürlich können die Verfasser der Nachrichten in den Massenmedien erwidern, dass sie sich der Vielfältigkeit und Anpassung an ihre Nutzer, also an uns Hörer, Leser und Zuschauer, verpflichtet fühlen. Die Frage ist natürlich, wo sind die Grenzen? Welche Rolle spielen die Medien in unserer auf Information und Kommunikation getrimmten Welt in Bezug auf eine gewisse Vorbildwirkung?

Stil, Stilempfinden – das ist, so können Sie urteilen, doch mehr eine subjektive Angelegenheit. Es lassen sich zwar objektive Kriterien für die Beurteilung eines Stils finden, aber maßgebend sind das Gefühl oder das Empfinden der Leserinnen und Leser. Wobei diese aber beeinflussbar sind. Vielleicht gibt es noch Leserinnen und Leser, die sich an die ersten „Tatort“-Filme mit Götz George als Kommissar Schimanski im Ruhrpott Anfang der 1980-er Jahre erinnern. Da war doch sicherlich mancher Fernsehzuschauer entsetzt über die „Fäkaliensprache“, die damals Einzug hielt. Inzwischen ist das Wort mit Sch zumindest in Spielfilmen gang und gäbe, von der allgemeinen Umgangssprache brauchen wir gar nicht zu sprechen, und das bewusste Wort wird nicht nur als Substantiv (Dingwort) verwendet, sondern grammatisch auch als Adjektiv oder als Adverb in der Bedeutung schlecht („Er spielt aber heute sch…“).

Es sprengt den Rahmen unserer Kolumne, all die Einflüsse und Auswirkungen auf die bisher geltenden Stilebenen unserer Sprache, deren Vermischung und Aufweichung, aufzuzeigen. Bezüglich des Wortschatzes sei hier erinnert an den ununterbrochenen Eingang von aus dem Englischen stammenden Wörtern, die Anhäufung von beschönigenden Ausdrücken aus der Werbesprache (es gibt nur noch Traumreisen, Traumautos, wunderschöne Hotels, spannende Erlebnisse, „die Köche zaubern tolle Gerichte“) und den zunehmenden Gebrauch von Fremdwörtern in bildungsnahen Kreisen. In vielleicht nicht ferner Zukunft können wir sicherlich auch feststellen, ob und wie sich die modernen digitalen Mittel, z. B. das Smartphone, auf die Grammatik und damit verbunden die Syntax (Satzbau), auswirken, da ja in der Kommunikation zwischen Menschen häufig nur noch in Kurzformen und ohne Bildung von echten Sätzen geschrieben wird. | Dipl.-Dolmetscher u. Übersetzer – Ihr Dieter Mengwasser