Stilles Jahr

Erst ein Kreis, dann ein Dreieck und als nächstes ein Viereck. Gedankenversunken zeichnete Simon mit der Spitze seines rechten Schuhs Formen und Muster in den Sand. Das Knirschen der winzigen Körner war das einzige Geräusch, das er vernahm. Er hielt inne, betrachtete sein Werk mit gesenktem Blick. Stille. Keine Motorengeräusche. Kein Vogel-zwitschern. Keine Stimmen. Nichts. Milena? Wo steckte sie? Wieso war von ihr nichts zu hören? Simon ließ seinen Blick über den verlassenen Spielplatz wandern. Bevor Panik in ihm aufkeimen konnte, entdeckte er seine Tochter oben auf einem Klettergerüst. Sie hatte sich am Anfang einer Rutsche hingehockt und starrte auf das kühl-glänzende Metall – als ob sie abwägen müsste, zu rutschen oder es doch lieber sein zu lassen.
Simon stand von der hölzernen Bank auf und ging ein paar Schritte auf das Klettergerüst zu. Er hatte vorher kaum gemerkt, wie sehr er fror. Mit fröhlicher Stimme und einem Lächeln im Gesicht rief er Milena etwas zu. Es mochte ziemlich aufgesetzt wirken. Doch sein kleines Mädchen schien das sowieso nicht wahrzunehmen. Nur sehr langsam hob sie ihren Blick – an ihm vorbei. Ins Leere. Oder vielleicht schaute sie die Muster an, die er im Sand des Spielplatzes hinterlassen hatte. Vielleicht starrte Milena auch auf den Baum, der am Rande des Areals stand. Vielleicht starrte sie auch einfach nur …

Seitdem seine Frau und er ihr erklärt hatten, dass Weihnachten dieses Jahr leider anders ablaufen müsse als gewohnt, hatte sie nicht mehr gelacht. Und kaum ein Wort mit ihnen gewechselt. Als seien sie, die Eltern, schuld an dieser Misere. Ob ihre Großeltern sie nicht mehr liebhätten, hatte sie gefragt. Mit Tränen in den Augen und zitternder Stimme. Seine Frau hatte die Kleine daraufhin in den Arm genommen und ihre Unterstellung vehement verneint. Er hatte nur danebengestanden und nach Worten gesucht. Wie sollte er seiner 7 Jahre jungen Tochter erklären, dass die Bundes- beziehungsweise Landesregierung festgelegt hatte, wie viele Menschen aus wie vielen Haushalten das Fest der Feste miteinander verbringen durften. Welche Sätze sollte er finden, um ihr verständlich zu machen, dass ihre Oma und ihr Opa – mütterlicherseits – zu große Angst vor dem Coronavirus hatten und deshalb ihre eigenen vier Wände so gut wie gar nicht mehr verließen und daher kaum noch andere Menschen trafen. Und wie konnte er ihr vermitteln, dass ihre anderen Großeltern – seine Mutter und sein Vater – hinter all dem die große Verschwörung witterten und man sich mit ihnen über nichts anderes und vor allem nicht vernünftig unterhalten konnte.

Ein Politikverbot hatte seine Schwester bei Familienfeiern bereits vor einigen Jahren ausgesprochen – um des Familienfriedens Willen. Denn egal, ob es um die Aufnahme von Flüchtlingen, um die Anschläge am 11. September 2001 oder um den Tod Jürgen Möllemanns ging. Seine Eltern ließen ihren kruden Theorien stets freien Lauf, ohne jedoch anderen Meinungen Raum zu geben. Bislang konnten politische Themen stets mit Geschichten aus dem Urlaub, von der Arbeit oder über die Nachbarn gedeckelt werden. Und wenn nichts mehr half, wurde irgendein Gesellschaftsspiel hervorgeholt. Doch Corona war zu mächtig, zu wichtig, zu allgegenwärtig. In diesem Jahr gab es nur dieses eine Thema und das konnte nicht so einfach weggewürfelt werden.
Simon trat von einem Bein auf das andere. Er konnte seine Zehen kaum noch spüren. Während Milena noch immer regungslos mit gesenktem Kopf am oberen Rutschenrand hockte, versuchte er seinen Gliedmaßen Leben einzuhauchen, indem er die Hände aneinander rieb, die Arme kreiste und ein bisschen hin und her hüpfte. Vergebens. Ebenso vergebens war es, andere Gedanken zuzulassen. Er konnte nicht verstehen, wieso 2020 so schnell vergangen war, obwohl im Grunde nichts passiert war. Arbeit, Hausaufgaben, essen, schlafen und immer wieder dieses eine Thema. Am Jahresanfang noch der Blick nach Asien, mit einer leicht überheblichen Distanz, als würde sie das nie etwas angehen und ab März in Europa, in Deutschland nur noch Corona, Corona, Corona … In den Fernsehnachrichten, in den Zeitungen, in den „sozialen“ Netzwerken, im Gespräch mit der Familie, im Gespräch mit Freunden, bei der Arbeit, in der Schule, zu Hause – nur dieses eine Thema.

Wütend trat Simon gegen einen Stein, der vor ihm lag. Mit hoher Geschwindigkeit flog er durch die Luft und prallte mit einem sehr lauten „Klooong“ von der Rutsche ab. Erschrocken über die Richtung, die das Geschoss genommen hatte, blickte er nach oben, doch Milena war ob des Geräusches nicht einmal zusammengezuckt. In seinem Kopf hallte es noch lange nach. Nur dieses eine beschissene Thema … Ständig und überall. Alles wurde dem untergeordnet. Simon versuchte sich daran zu erinnern, welches das letzte Konzert war, das er mit seiner Frau besucht hatte. Der letzte Film – im Moritzhof, irgendwann im Februar – aber wie lautete der Titel? Welches war das letzte Theaterstück, das sie sich angesehen hatten? Die Karten für das Puppentheater – er wollte sie noch gegen einen Gutschein umtauschen, weil die Veranstaltung im November natürlich ausfallen musste. Selbst an den letzten Urlaub konnte er sich in diesem Moment nicht erinnern. Und all die Pläne für dieses Jahr? Egal … Simon schüttelte unmerklich den Kopf.

Es gab keinen Höhepunkt in diesem Jahr, der ein wenig Freude bereitet hätte. Nichts, woran man sich festklammern konnte. Selbst vermeintlich schöne Ereignisse wie Geburtstage wurden von Corona überschattet. Feiern? Ja, ein bisschen. Aber bitte nur zu Hause. Möglichst mit wenigen Gästen. Oder am besten ganz ohne. In den Sommermonaten hatten sie versucht, Abwechslung für Milena zu schaffen. Damit sich die Ferien auch ein bisschen wie Ferien anfühlten. Danach wieder der alte Pandemie-Trott. Und obwohl es nichts gab, was den Alltag auch nur ein wenig auffrischte, war die Zeit seit März im Galopp vorbeigerast. Dabei ist aus der Psychologie bekannt, dass die Zeit umso schneller zu vergehen scheint, je größer die Ablenkung ist. Doch die einzigen Themen, die in diesem Jahr von Corona ablenkten, waren politische Aufreger wie die US-Wahl oder der kürzlich eskalierte Streit um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Beide Themen, hauptsächlich aber das letztere, kamen Simon absolut absurd vor. Das Verhalten aller – ausnahmslos aller – Parteien: lächerlich. Und dann wunderte man sich über die Politikverdrossenheit der Menschen?

Simon war versucht, gegen den nächsten Stein zu treten. Seine Hände hatte er in den Jackentaschen zu Fäusten geballt. Statt sich in etwas hineinzusteigern, beschloss er, sich lieber seiner Tochter zu widmen. Milena war inzwischen langsam und beinahe geräuschlos die Rutsche heruntergekommen. Mit traurigen Augen sah sie ihn an, offenbarte ihm, dass sie fror und bat darum, nach Hause zu gehen. Simon war erleichtert. Er hatte befürchtet, seine Tochter wolle – aus Angst, dass die Spielplätze bald wieder gesperrt würden – den ganzen Tag auf dem Klettergerüst ausharren. Er nahm ihre Hand und startete einen neuen Versuch, ihre Vorfreude auf das Weihnachtsfest und auf das kommende Jahr zu entfachen. Irgendwie würde es nächstes Jahr besser werden. Er wusste zwar nicht, wie, aber er hoffte es – für seine Tochter, für seine Familie. Wie zur Unterstützung hallte der dumpfe Knall eines Böllers über die Elbe zu ihnen herüber. Es war das erste Geräusch, das Simon seit einer Weile wahrnahm … | Tina Heinz