Samstag, Juni 25, 2022
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Strahlend rein: mit Sportwäsche

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Sportswashing greift immer mehr um sich. Mit ihm wollen sich Staaten, Vereine und Einzelpersonen mit zweifelhaftem Ruf ein positives Bild in der Öffentlichkeit verschaffen. | Von Rudi Bartlitz

Es verging In den zurückliegenden Wochen eigentlich kaum ein Tag, an dem große europäische Blätter nicht über Chelsea London berichteten. Um genau zu sein: mehr über dessen (Noch)Eigentümer, den russischen Oligarchen Roman Abramowitsch. Der Milliardär (geschätztes Vermögen: 13,5 Milliarden Euro), der auch die israelische und portugiesische Staatsbürgerschaft besitzt, ist durch die gegen Russland ausgesprochenen Ukraine-Sanktionen schwer in Schlagseite geraten. Ihm drohen Kontensperrungen und im – für ihn – schlimmsten Fall Enteignungen diverser Art. Quasi zu seinen Kronjuwelen zählt eben jener Verein, der (mit vier Deutschen: Trainer Thomas Tuchel sowie die Nationalspieler Kai Havertz, Timo Werner und Antonio Rüdiger) zuletzt in der Fußball-Champions-League triumphierte und sich den Weltpokal holte. Seit Anfang März nun dürfen die Londoner nur noch mit einer speziellen Lizenz in der englischen Premier League mitspielen.

Weit über zwei Milliarden Euro soll Abramowitsch seit 2003 in den Verein gesteckt haben. Geld, da sind sich viele Betrachter einig, das jedoch nicht sauber verdient ist, weil es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion durch Ausbeutung und zweifelhafte Aneignung russischer Ressourcen zusammengerafft wurde. Aus dem einstigen Waisenjungen, der mit fünf Jahren beide Eltern verlor, wurde einer der vermögendsten Männer der Welt. Noch als ganz junger Mann machte er seine erste Million mit dem Einstieg ins boomende Ölgeschäft.

Spätestens wenn es um die aktuellen Vorgänge bei Chelsea und um Abramowitsch geht, taucht in den Spalten nicht nur der Sportzeitungen, sondern ebenso auf den Wirtschaftsseiten häufig ein Schlagwort auf: Sportswashing. Einfach gesagt, damit ist Folgendes gemeint: Der Begriff – der sich aus einer Kombination der beiden englischen Wörter „sports“ und „whitewashing“ (Weißwaschen) ergibt – umschreibt das Bemühen einer Person (oder eines Landes), sich in gutem Licht darzustellen, sein Ansehen in der Öffentlichkeit zu verbessern. Indem auf die positive Ausstrahlung des Sports generell spekuliert wird. Zum anderen wird damit oft auch die Absicht verbunden, die Herkunft diverser Gelder zu verschleiern. „England ist zur Spielwiese für ausländische Eigentümer geworden“, schrieb dieser Tage der britische Publizist Bob Hughes, „die versuchen, ihr Vermögen durch Sportswashing reinzuwaschen.“ Die englische Premier League sei „ein Hafen für das dreckige Geld von Despoten, Tyrannen und Gangstern geworden“, so einer der profiliertesten Sportkolumnisten des Landes, Oliver Holt, in der „Daily Mail“: „Es ist an der Zeit, dass wir uns unsere Klubs zurückholen!“

Noch ist der Begriff des Sportswashings relativ neu im allgemeinen Sprachgebrauch. „Von Hitlers Olympischen Spielen über die Fußball-WM 1978 in Argentinien, die während der Militärjunta stattfand, bis hin zu den Olympischen Spielen in Peking – jedes Mal haben sich diese Staaten um diese großen Sportevents bemüht und man kann argumentieren, dass es sich immer um eine Form von Sportswashing gehandelt hat“, meint etwa Felix Jakens von Amnesty International. So richtig populär wurde der Begriff erstmals 2019, als sich der europäische Fußballverband (UEFA) zur Verblüffung vieler Fachleute entschieden hatte, das Finale der Europa League nach Baku zu vergeben. Obwohl Sicherheitsprobleme in Aserbaidschan wegen des kriegerischen Konflikts um die Region Berg-Karabach unübersehbar waren, setzte sich die UEFA darüber hinweg. Finanzielle Vorteile wogen mehr. Denn ein staatlich kontrolliertes aserbaidschanisches Energieunternehmen namens Socar zählt zu den größten Sponsoren des Verbandes. Den juckte es eben so wenig, dass Aserbaid-schan als ein autoritär geführtes Land gilt, in dem Menschenrechte und Meinungsfreiheit wenig zählen, aber die Führung die Bühne des Sports gern für sich nutzt, von Fußball bis zur Formel 1.

So sehr auch Einzelpersonen und deren Spielzeug, zum Beispiel prominente Fußballklubs, im Sportswashing eine unrühmliche Rolle spielen – noch mehr sind es Staaten, die sich dieses Mittels bedienen. Dass es sich dabei vorrangig um Autokratien und totalitäre Regimes handelt, muss nicht besonders betont werden. In den letzten Jahren taten sich dabei vor allem Katar und Saudi-Arabien hervor. Schaut man allerdings insbesondere auf Olympia, so sind China und Russland, gerade was die Winterspiele von Sotschi 2014 und Peking 2022 angeht, eben so wenig zu übersehen. Gerade in Peking wurde vom autoritären China und dessen Staatspräsident Xi Jinping versucht, beim „Waschen“ heftig zu rubbeln, um die Bühne der Spiele zu nutzen, sich als weltoffener Gastgeber zu inszenieren. Die Menschenrechtsverletzungen -im Land wie die Verfolgung der Minderheit der Uiguren, die Einschüchterung von Sportlern sowie die chinesische Zensur sollten durch emotionale Bilder des Sports verschleiert werden. Sportswashing als Propaganda-Show.

Allerdings, kein Land betreibt derzeit wohl das Sportswashing so konsequent wie Katar. Das Emirat spinnt mit mehr als 500 internationalen Sportveranstaltungen binnen 15 Jahren ein globales Netzwerk. Einige Beispiele: die Ausrichtung der Handball-WM 2015, der Leichtathletik-WM 2019 und der Fußball-WM 2022. Hinzu kommen Einladungen an prominente Teams (Bayern München), Sponsoring (ebenfalls Bayern München), Rekrutierung alternder Starspieler (Pep Guardiola, Xavi und andere) sowie das Milliardeninvestment beim französischen Fußballmeister Paris Saint-Germain. Die Pläne der Herrscherfamilie al Thani, mit dieser Strategie politisch und wirtschaftlich engere Banden zu schmieden und sich so als kleines, aber aufgrund der Gasvorkommen sehr reiches Land in der arabischen Nachbarschaft Sicherheit zu verschaffen, haben sich weitgehend erfüllt. „Es gibt kaum ein anderes Land, dessen Strategie des Sportswashing so aufgegangen ist“, stellte der „Spiegel“ fest.

Geradezu exemplarisch ist die Vergabe der Fußball-WM, die in acht Monaten im Golf-Emirat beginnt. Wegen der Menschenrechtsverletzungen im Wüstenstaat ist sie eine der umstrittensten Großveranstaltungen aller Zeiten. Vielleicht vergleichbar noch mit der WM 1978 in Argentinien, wo die Militärdiktatur Zehntausende ermorden ließ und trotzdem um den Weltcup gekickt wurde. Die Katar-WM, daran gibt es nur wenige Zweifel, war unter höchst mysteriösen Bedingungen und offenkundiger Korruption an einen Zwergstaat ohne Ki-cker-Tradition vergeben worden, dessen extreme klimatischen Bedingungen sogar dazu zwingen, das spektakulärste Sportevent der Welt erstmals in den Winter zu verlegen. 22 FIFA-Männer stimmten 2010 mit großer Mehrheit für Katar als Austragungsort. 14 von ihnen wurden später als korrupt entlarvt, angeklagt oder mit zum Teil lebenslangen Ämtersperren belegt: Weil sie sich bestechen ließen, selbst bestochen haben oder anderweitig in schmutzige Geschäfte verwickelt waren. Gier frisst Hirn.

Noch liegt Katar in einem imaginären Sportswashing-Rennen vorn. Aber die Saudis holen mächtig auf. Im vergangenen Dezember wurde erstmals ein Formel-1-Rennen in der Wüste in Dschiddah veranstaltet. Nach Angaben der in Großbritannien ansässigen Nichtregierungsorganisation „Grant Liberty” hat Saudi-Arabien seit 2014 rund 1,5 Milliarden US-Dollar investiert, um mit dem Glanz des Sports Menschenrechtsverletzungen zu übertünchen – sei es mit dem Box-WM-Kampf im Schwergewicht zwischen Anthony Joshua und Andy Ruiz Jr., der Austragung der einstigen Rallye Dakar, hoch dotierten Pferdesport-, Golf- oder Schachveranstaltungen. Imagepolitur über den Sport. Dazu gehört auch die Austragung der inoffiziellen Vereinsweltmeisterschaft im Handball, die im Oktober 2021 erstmals in Saudi-Arabien ausgetragen wurde und bei der sich der SC Magdeburg den Titel holte.

Eines sei unmissverständlich festgehalten: Ohne die Duldung und zuweilen sogar direkte oder indirekte Zustimmung der großen Welt-Sportverbände – ob es nun das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist, die Fußballorganisationen FIFA und UEFA oder Weltverbände anderer Sportarten sind – wäre Sportswashing in der heutigen Form nicht möglich. Weil für sie, in Abwandlung eines berühmten Brecht-Zitats, in der Regel erst das Geld kommt, dann die Moral.

Mittlerweile beginnen auch Teile der Wissenschaft, sich der Sache mit dem Sportswashing anzunähern, Für und Wider miteinander abzugleichen. Vieles ist noch ungeklärt. So beispielsweise, wo eventuelle Grenzen zu PR und Imagepflege zu ziehen sind. Dennoch verweisen einige Autoren darauf, dass sich in dem Begriff zuvorderst eine westliche Betrachtungsweise ausdrücke. Staaten wie eben Katar oder Saudi-Arabien könne und dürfe nicht von vornherein die Möglichkeit abgesprochen werden, sich für den Sport zu engagieren, heißt es. Für dieses Ansinnen wird u. a. der Begriff der „Versportlichung“ in Umlauf gebracht. Im „Journal für korporative Kommunikation“ schrieb Autor Lennart Kallewegge jedoch: „Es muss festgehalten werden, dass die Länder Saudi-Arabien und Katar den Sport ausnutzen und dass die Aktivitäten als Sportswashing bezeichnet werden können. Der Sport wird dafür benutzt, ein positives Bild der Länder aufzubauen und um sich progressiver und liberaler darzustellen. Die tatsächlichen Aktivitäten zeigen aber, dass noch deutliche soziale Fortschritte nötig sind, um sich an die Werte und Normen der westlichen Gesellschaft anzupassen. Da in diesen beiden Ländern noch keine Demokratisierung stattgefunden hat, kann die These nicht bestätigt werden, dass Versportlichung auch mit Demokratisierung einhergeht.“

Dass selbst eine Wiege der Demokratie und des Parlamentarismus, als die sich England unzweifelhaft sieht, sich Auswüchsen des Sportwashings schlimmster Sorte nicht erwehren kann (oder etwa will?), zeigt das Beispiel Newcastle United. Der Premier-League-Fußballklub aus dem Nordwesten gilt seit einiger Zeit als der reichste Verein der Welt. Fest in den Händen saudischer Scheichs. Und das kam so: Umgerechnet rund 350 Millionen Euro ließ sich eine Investorengruppe, die maßgeblich von einem saudischen Staatsfonds unter der Kontrolle des Kronprinzen Mohammed bin Salman (Spottname: „Blut-Scheich“) beeinflusst wird, die Übernahme von Newcastle United kosten. Die Bilder jubelnder United-Fans, die in Scheich-Kostümen und den Durchmarsch ihres Teams an die Tabellenspitze schon vor Augen, durch die Newcastle-Arena toben, gingen vor einigen Monaten um die Welt. Sie haben, werfen Kritiker Verein und Jublern gleichermaßen vor, ihre Kultur weggeworfen und sich in die Hände saudischer Eigentümer begeben.

Fast schon sympathisch und zumindest ein wenig ehrenhafter wirken da im Vergleich zwei andere Klub-Eigner, die ebenfalls auf Millionärs- oder gar Milliardärstatus verweisen können. Delia Smith ist eine bekannte britische TV-Köchin und Besitzerin von Norwich City. Über den einstigen schlagzeilenträchtigen Suff-Auftritt der heute Achtzigjährigen in einer Halbzeitpause im Stadion der „Kanarienvögel“ schlagen sich englische Fans heute noch auf die Schenkel. Und West-Ham-Besitzer David Sullivan, der stolze 1,6 Milliarden Dollar auf die Waage bringt, gelangte als Sexshop-Besitzer und Porno-Produzent zu Reichtum. Vergliche man ihn mit einem der Blut-Scheichs, würde er wahrscheinlich höchstens cool entgegnen: So what?

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