SWM Magdeburg: Der Reiz des Ostens

Helmut Herdt, Sprecher der SWM-Geschäftsführung, verabschiedet sich nach 27 Jahren in den Ruhestand. Unter seiner Leitung wurden die Städtischen Werke Magdeburg zu einem der größten Sponsoren der Landeshauptstadt. | Von Rudi Bartlitz

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Strom, Gas und Wasser – statt Berge tro-ckener Akten und verzwickter Strafprozessordnung. Was auf den ersten Blick nach einem eher abenteuerlichen beruflichen Wechsel ausschauen mag, für Helmut Herdt ist es gelebte Geschichte. Seine Geschichte. Die Geschichte des Mannes, der sich jetzt, nach 27 Jahren an der Spitze der Städtischen Werke Magdeburg (SWM), in den Ruhestand verabschiedet.

„Ja“, sagt der 65-jährige Sprecher der SWM-Geschäftsführung, im KOMPAKT-Gespräch, „so, wie sich später alles entwickelte, war das 1991 nicht gedacht und geplant. Als ich am 1. Mai nach Magdeburg kam, war der Aufenthalt auf sechs Monate angelegt. Ich sollte als Jurist dabei mithelfen, die diffizilen offenen Vermögensfragen, die sich nach den gesellschaftlichen Umwälzungen aufgetan hatten, in den Griff zu bekommen. Das reizte mich.“ Als die Wende kam und im Osten alles – nicht nur die Eigentumsverhältnisse – schier auf den Kopf stellte, schien Herdts Lebensweg, einige Hundert Kilometer weiter westlich, längst vorgezeichnet. Er war ein junger Anwalt in der väterlichen Sozietät im ostwestfälischen Detmold. „Und das sollte nach dem Willen meines Vaters auch so bleiben, ich die Kanzlei irgendwann später einmal übernehmen.“ Wie das eben Usus ist in westdeutschen Anwaltsfamilien.

Herdt enttäuschte seinen Vater, zumindest in dieser Sache. Er blieb in Magdeburg. Wie heute zu sehen, weit über das halbe Jahr hinaus. „Einen gewissen Hang zum Osten hatte ich ja als Jura-Student an der Freien Universität Berlin eigentlich schon immer“, räumt er ein und lächelt. Im Magdeburger Rathaus, wohin es ihn dann bei seinem juristischen „Hilfs“-Einsatz verschlug, war er zunächst in seinem Amt der einzige Westdeutsche: „Aber das spielte für mich kaum eine Rolle. Ich hatte mit so vielen tollen Kollegen aus dem Osten zu tun, es machte einfach Spaß. Es war eine spannende Zeit, man konnte, anders als meist in anwaltlicher Tätigkeit, etwas Neues aufbauen und mitgestalten.“

Das Gestaltungsvermögen des jungen Detmolders sprach sich schnell bis zu Alt-Oberbürgermeis- ter Willi Polte herum. „Sie müssen bleiben“, forderte er Herdt mehr oder weniger unmissverständlich auf. „Mit uns weitermachen.“ Spätestens im Frühjahr 1992 war es im Rathaus zu einem drängenden Thema geworden, beim Aufbau der Städtischen Werke voranzukommen. Ein schwieriges Unterfangen, galt es doch, ein Unternehmen aufzubauen, in dem Kommune und Privatwirtschaft gemeinsam Anteile halten. Diesen Prozess federführend zu begleiten, so die Überlegungen der Rats-Spitze, das wäre doch etwas für den Herdt. Gesagt, getan. Sehr gut getan sogar, muss wohl hinzugefügt werden.

Das Unternehmen wuchs Stück für Stück zusammen, wurde größer. Herdt in der Rückschau bescheiden: „Wir haben es auf die Reihe bekommen.“ Im März des darauffolgenden Jahres wurde der einstige juristische Berater, eigentlich folgerichtig, zum ersten Geschäftsführer der SWM berufen. „Natürlich musste ich mich in die Materie Energieversorgung Stück für Stück einarbeiten. Das gehörte dazu. Learning By Doing – das allein hätte sicher nicht gereicht.“ Wer nun auch noch wissen will, wie es der Chef eines der Schlüsselbetriebe der Landeshauptstadt mit Humor und Selbstironie hält, dem genügt ein Blick auf die Wand hinter dem Arbeitsplatz. Da prangt ein Foto von Papst Franziskus. „Das Geschenk eines Freundes, eines bekennenden Katholiken“, schmunzelt der Hausherr. Versehen ist das Bild mit einem Zitat, das möglicherweise gar nicht um Galaxien an der Wirklichkeit vorbeischrammt; was wiederum nur die Mitarbeiter beurteilen können. Der fiktive Ausspruch des Ponticus, dem Unfehlbarkeit zugeschrieben wird, lautet: „Ich bin genau derselben Meinung wie Helmut Herdt.“

Szenenwechsel. Frühjahr 2015, Loge des Energiedienstleisters in der MDCC-Arena. Herdt, inzwischen Sprecher der Geschäftsführung, hat Kunden und Vertreter von Partnerfirmen zum Drittliga-Aufstiegs-Relegationsspiel des 1. FCM eingeladen. Ein großer Tag für den Magdeburger Fußball. Unten auf dem Rasen wird gegen Ki-ckers Offenbach der Grundstein für den ersehnten späteren Einstieg in den Profifußball gelegt, 30 bis 40 Meter Luftlinie weiter oben nimmt der SWM-Chef, äußerlich eher still und leise, aber dennoch nicht minder erfreut zur Kenntnis, welch erfolgreichen Weg die Blau-Weißen in den zurückliegenden Jahren gegangen sind. Sicher auch, weil den Städtischen Werken als einer der Groß-Sponsoren der Kicker (Platinpartner) ein gewisser Anteil am Aufschwung zweifellos nicht abzusprechen ist. Zum anderen, weil er aus eigener Erfahrung wusste, welche Kärrnerarbeit – finanziell wie sportlich – zu leisten ist, um einen Klub, zumal im wirtschaftlich schwachen Osten, nach oben zu bringen. In einer Zeit, „als es sportlich überhaupt nicht lief“ (Herdt), war er unter turbulenten Umständen, ohne es je gewollt zu haben, über Nacht an die Spitze des Aufsichtsrates gespült worden. Tja, da stand er nun, der Mann aus Ostwestfalen, und sollte Reportern erklären, wie um alles in der Welt es zu der Misere im Magdeburger Fußball kommen konnte.

Nach einer Restrukturierung zog er sich aus diesem Amt bald wieder zurück, die Rolle des Sponsors blieb. Da wurde sogar noch etwas draufgepackt. „Wir als SWM haben es uns seit unserer Gründung 1993 auf die Fahnen geschrieben, als Förderer des Sports tätig zu sein“, erklärt Herdt heute. „Wir setzen dabei auf Werte wie sportlichen Wettbewerb, Engagement und Fairness.“ Wobei, fügt er an, es beim SWM-Sponsoring nicht allein um die Leibesübungen gehe, Hochleistungssport ebenso wie Breitensport. „Es ist vielmehr ein Dreiklang, aus dem sich unsere Sponsorentätigkeit zusammensetzt: Sport – Soziales und Bildung – Kultur.“ Jährlich unterstützt das Unternehmen auf diese Art etwa 300 Projekte. Zahlen nennt er nicht, spricht aber von „einem substantiellen finanziellen Beitrag“, mit dem seine Firma den unterschiedlichsten Partnern zur Seite steht. Und schiebt dann noch hinterher: „Die Welt des Spitzensports in Magdeburg sehe ohne die Hilfe der Sponsoren heute jedenfalls anders aus.“ Worte, die für den aufmerksamen Zuhörer keinesfalls sybillinisch klingen.

Die Motive, die dem SWM-Sponsoring zugrunde liegen, umreißt der Sprecher der Geschäftsführung so: „Als städtisches Unternehmen sehen wir eine hohe Verpflichtung darin, auf den drei genannten Gebieten unterstützend tätig zu sein. Das kann durchaus auch einmal die Hilfe bei kleineren Dingen sein, die sich eine Sportgemeinschaft eben gerade nicht leisten kann. Generell wollen wir der Stadt, in der wir unseren Sitz haben, etwas zurückgeben, so zur Entwicklung der Kommune beitragen.“ Er erinnert an eine Kampagne mit Spitzensportlern der Stadt Ende der neunziger Jahre. „Da haben wir großformatige Bilder von Boxer Rene Monse, Handballer Joel Abati, Schwimmerin Antje Buschschulte und Speerwerfer Raymond Hecht in Magdeburg aufgehängt. Es war eine Zeit, die für unser Unternehmen nach der Öffnung des Strommarktes sehr herausfordernd war. Die Kampagne kam sehr gut an. Unsere Kunden sahen: Da warben Sportler von hier für ein Unternehmen von hier.“
Und es ist noch etwas, worauf Herdt verweist: „Wir möchten unseren Partnern auf jeden Fall das Gefühl vermitteln, ein verlässlicher Sponsor zu sein. Einer, der zu seinen Zusagen steht, der eine längerfristige Perspektive bietet.“ Ein Satz, dem gerade in pandemischen Zeiten, in denen viele Unterstützer selbst mit schweren wirtschaftlichen Rückschlägen zurechtkommen müssen, eine hohe Bedeutung zukommt. Auch wenn es ein schmaler Grat sei, auf dem man sich derzeit bewege und „die Bäume beim Sponsoring nicht in den Himmel wachsen“, unterstreicht Herdt: „Wir sind sicher, auch in den nächsten Jahren mit unseren Partnern weiterzuarbeiten.“ Viel mehr als eine derartige Versicherung kann sich der Sport in diesen Tagen eigentlich kaum wünschen …

Von seinem Büro – schwarzes Mobiliar, pragmatisch eingerichtet, kein überflüssiger Schnickschnack oder Protz, höchstens ein paar kleine FCM-Souvenirs – im dritten Stock in der Guericke-Straße ist der Blick auf den nahen Dom versperrt. Mit ein bisschen Vorstellungskraft sind vielleicht die Turmspitzen zu erahnen. Für seinen Nachfolger könnte sich das ändern. Denn die SWM wollen im nächsten Jahr ihr neues Geschäftshochhaus gegenüber dem Allee-Center beziehen. Dort, wo sich einst Magdeburgs meistdiskutierter Schandfleck erhob, der fast schon legendäre Blaue Bock. „Wir haben, als seinerzeit die Entscheidung fiel, das Grundstück zu erwerben, das alte Gebäude abzureißen und neu zu bauen, auch im Auge gehabt, diesen Makel in der Stadt endlich zu beseitigen.“ Den Einwurf, sich damit dem vagen Vorwurf auszusetzen, ein dauerhaftes Herdtsches Vermächtnis in Magdeburg schaffen zu wollen, lässt er unkommentiert. Als habe er es geflissentlich überhört. Aber wenn der Eindruck nicht völlig trügt: Ein wenig stolz schaut er bei diesem Thema schon drein.

Ja, er ist längst Magdeburger. Durch und durch. „2021 werden es 30 Jahre.“ Und bei der Frage, ob es ihn nach der Pensionierung, wie so manch anderen hiesigen Wirtschaftslenker, wieder gen Westen ziehe, guckt er, als habe man gerade wissen wollen, wann seinem Unternehmen denn Strom und Wasser ausgehen. „Wie kommen sie denn darauf? Nein, natürlich nicht.“ Seine Frau und er fühlten sich in ihrem Heim in Hopfengarten sehr wohl. „Unsere Enkel sind schließlich schon mit Elbwasser getauft.“ Acht Wörter, die einer verkappten Liebeserklärung an die Stadt ziemlich nahe kommen.

Also wird sich Herdt künftig dem widmen, wozu in den zurückliegenden Jahren wenig bis keine Zeit blieb. „Ich werde versuchen, mich an einem Spruch von Willi Polte zu orientieren, dessen Maxime für den Lebensabend lautet: Bewegung und Begegnung.“ Und da sind ja noch, wie er sagt, seine Liebe zu den schönen Künsten, zur Kultur schlechthin sowie die Ehrenämter, denen er sich wieder stärker zuwenden will: als stellvertretender Vorsitzender der Kaiser-Otto-Stiftung und im Forum Gestaltung. Noch etwas, merkt er an, hat sich der frühere Hobby-Basketballer und Eishockey-Fan („Während des Studiums bin ich oft zu den Bundesliga-Spielen des damaligen Berliner Schlittschuh-Clubs gepilgert.“) vorgenommen: sportlich wieder etwas mehr in die Offensive zu gehen. „Golf und Schwimmen stehen auf der Liste ganz oben.“ Um eine persönliche Sponsorschaft wird er, wie es ausschaut, dafür bei seinem Ex-Arbeitgeber eher nicht nachsuchen.

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