Synchronisierung der Erregung

Wir Journalisten wollen wahrhaftig sein und berichten, was Tatsache ist. Dennoch wächst offenbar die Kritik an den Veröffentlichungen von TV, Rundfunk und Presse. In Medienhäusern igelt man sich mit der selbstverpflichtenden Losung „Qualitätsjournalismus“ ein und schießt mit Salven aus Faktenchecks auf Kritiker. Ein Blick zurück schenkt Ernüchterung. Presse war seit jeher der Schreck ihrer eigenen Konsumenten. | Von Thomas Wischnewski

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Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie viel Zeit man mit diesen Papieren verdirbt.“ Dies hat schon Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe Ende des 18. Jahrhunderts formuliert. Auch der österreichische Publizist und Dramatiker Karl Kraus ließ in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ im Jahre 1909 kein sonderlich gutes Haar an der eigenen Zunft: „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ Die Reihe der Pressekritiker ist endlos. Dass also Medien stets der Unbill ihrer Zeit seien, ist kein neues Phänomen. „Denn niemand liebt den Boten schlimmer Worte“, heißt es in einer sinngemäßen Übersetzung des antiken Tragödiendichters Sophokles.

In der aktuellen Debatte über Medienkritik wird von Kritikern bei aller berechtigten Schelte häufig vergessen, auf die entstandenen Mechanismen des vernetzten Informationszeitalters und die damit verzerrten Wahrnehmungsphänomene hinzuweisen. Man darf natürlich auf einen sogenannten Mainstream eindreschen – der Zeitgeist galt seit eh und je als schlichte Modemeinung –, darf jedoch nicht vergessen, dass Veröffentlichtes nie unabhängig von seinen Konsumenten funktioniert. Das Lied, dass Pressevertreter Manipulateure und Propagandisten seien, wird gern gesungen. Auch dieses Klischee ist ein ziemlich alter Hut.

Allerdings findet sich in jeder Kritik auch ein Fünkchen Wahrheit. Wollte man die ARD als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt auf ihre künftige gesellschafliche Ausgewogenheit beim Personal beurteilen, zeigt sich ein verengtes Meinungsbild. Würden die heutigen Nachwuchsjournalisten wählen, käme Rot-Rot-Grün auf einen Stim­men­an­teil von 92 Prozent. 57,1 Prozent votie­ren für die Grünen, 23,4 Prozent für die Links­par­tei, 11,7 Prozent für die SPD, die Union landet bei drei, die FDP bei 1,3 Prozent. Dies haben jedenfalls drei Volontäre der ARD-Länderanstalt des RBB herausgefunden. Eine möglichst diverse Repräsentanz des gesellschaftlichen Meinungsspektrums zeigt sich im Nachwuchs jedenfalls nicht. Ob sich die öffentlich-rechtlichen Redaktionen in Zukunft als unabhängig und in ihrer Meinung als vielfältig bezeichnen dürfen, ist aus solchen Trends schwer abzuleiten. Bei der Frauenquote kommt man beim Nachwuchs inzwischen auf 60 Prozent, der Akademikeranteil beträgt (allerdings ist ein Studium Voraussetzung für ein Volotariat) 95 Prozent. Ein Ungleichgewicht lässt sich auch im Stadt-Land-Vergleich feststellen. Rund 60 Prozent der Volon­tä­rin­nen und Volon­tä­re kommen aus Städ­ten mit mehr als hundert­tau­send Einwoh­nern, die meis­ten aus Berlin und München, nur elf Prozent bringen Lebenserfahrungen vom Land mit. Man darf also annehmen, dass sich die politische Diskrepanz, die bei den vergangenen Wahlen zwischen Großstädten und ländlichem Raum bereits auftat, bei Pressevertretern noch mehr hin zu den Einstellungen städtischer Sichtweisen tendiert. Ob auf solche Homogenitätsentwicklungen in der Mitarbeiterschaft der Stempel „Qualitätsjournalismus“ passt, ist fraglich.

Eine Entwicklung, die unter Pressevertretern häufiger sichtbar wird, kann im Selbstverständnis, Wahrheiten zu verbreiten, gesehen werden. Mit Faktenchecks wird die eigene Berichterstattung nachträglich gerechtfertigt und untersetzt. Das mag in vielerlei Hinsicht angebracht sein, taugt aber niemals in Berichterstattung und Diskursen über politische Themen. Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie wird eindrucksvoll deutlich, wie eine monothematische Berichterstattung die Wahrnehmung über die Pandemie beeinflusst. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnet Medienmechanismen als „monothematische Synchronisation von Erregungszuständen“. Allerdings erkennt er darin eine Art natürliche Phänomenologie der Tätigkeit von Medien in modernen Gesellschaften. Dies geschieht jedoch nicht unabhängig von den Rezipienten der Nachrichten auf der Empfängerseite. Mit „unsere tägliche Information gib uns heute“, könnte man offenbar den Hunger nach Weltgeschehensberichten bezeichnen. Diese täglichen Synchronisationsrituale sorgen dafür, dass Menschen ungefähr die gleichen Sorgen kennen. Oder anders gesagt, Menschen werden permanent mit Sorgenthemen infiziert. Darüber fehlt es innermedial jedoch angemessener Selbstreflexion.

Die Wahl zum neuen US-amerikanischen Präsidenten wurde in den vergangenen Tagen auf allen Kanälen derart reflexhaft thematisiert, dass man den Eindruck bekommen muss, Deutschland wäre der 53. Bundesstaat der USA. Im ARD Boulevardmagazin, dass sich vorrangig mit der Welt der Promis beschäftigt, wurde gar eine Live-Schaltung nach Washington vorgenommen und die Moderatorin Mareile Höppner ließ sich zu dem Satz „Wir haben einen neuen Präsidenten“ hinreißen. Insofern merkt man, dass in Medien fortlaufend epidemische Zustände herrschen. Jeden Tag machen sie uns Erregungsvorschläge, wie es Sloterdijk bezeichnet.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Informationen stets Komposita aus einem semantischen Anteil und einem affektiven Stressor sind. Ohne eine affektive Ladung würde jede Nachricht unbeachtet an uns vorüberziehen. Die neue Qualität medialer Wahrnehmung besteht weniger darin, dass irgendwie alle über das Gleiche berichten, sondern eher darin, dass diese Berichterstattung außerdem durch die Online-Netzwerke geistert und sich damit nochmals verstärkt. Da heute jeder auf mehr als eine Zeitung, einen TV-Bildschirm schaut, sondern ebenfalls auf dem Smartphone, dem Computer oder Tablett Nachrichten unter die Augen bekommt, erzeugt dies eine Unausweichlichkeit von Themen. Somit entsteht Tag für Tag eine neue Synchronisierung von Bewusstsein. Positiv betrachtet, könnte man annehmen, dass Informationen in Redaktionen am Ende in einem gemeinsamen Datenpool konvergieren, und dies sorgt dafür, dass Gesellschaften nicht gänzlich auseinanderfallen. Dieses Phänomen mündet zwangsweise in einen inhaltlichen Mainstream. Und monothematische Berichtsphasen verdrängen eben viele andere Sorgen und Erregungspotenziale aus dem allgemeinen Bewusstsein. Zu kritisieren ist also, dass eine Themenregie im Journalismus nur ein Minimum an Kohärenz erzeugt. Offenbar ist den Akteuren an den redaktionellen Regieplätzen weniger bewusst, dass sie Regie führen. Der Vorauswahl in Agenturen und das Schielen auf zahlreiche nachrichtliche Mitbewerber sorgt dafür, dass Journalisten diese Regie teils unbewusst geschieht. In einem rückgekoppelten Vergewisserungsprozess erzeugen sie somit Überzeugungscluster, die vom Informationskonsumenten mehr und mehr als Gleichschaltung oder von als „von oben gesteuerte Einflussnahme“ interpretiert wird.

Der deutsche Philosoph der Aufklärung, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sagte über das Zeitungsstudium noch, dass es ein „realistischer Morgensegen des modernen Menschen“ wäre. Also eine Art von Beten. Tatsächlich ist es jedoch mehr ein Gebetetwerden, weil die Presse sagt, was man beten soll. Genau diese kritische Selbstsicht ist bei Redakteuren nötig, um die eigene verbreitete Information im Konzert mit den vielen anderen ähnlichen oder gleichen in ihrer Wirkung zu begreifen.

Nun kennt man den Vorwurf der Medienmanipulation. Und es kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass monothematische Berichterstattung über eine gewisse Zeit genau diesen Eindruck verstärkt. Unter dem Mechanismus gegenseitiger journalistischer Vergewisserung, was allgemeine Meinung sein sollte, wird Wahrheit leider nicht wahrer, zumal diese eben nicht von Meinung abhängt. So verengt der Presse-Mainstream auch daherkommen mag, die sogenannten „alternativen Medien“ funktionieren innerhalb ihrer Phänomenologie nicht anders als die Kollegen der „klassischen Zunft“, oftnur mit umgekehrten Vorzeichen. Allerdings eröffnen sie Angebote, die offenbar im Auswahlverfahren bisher bekannter Medien öfter unter den Tisch fallen oder gefallen sind. Werden solche Themen dann von anderen aufgegriffen, reagiert die Berufszunft oft mit einem propagandistischen Gegengetöse.

Es gibt in Bezug auf den manipulierenden Vorwurf gegenüber Medien Hoffnung. Die Kommunikationswissenschaftlerin von der Uni Hamburg, Prof. Dr. Katharina Kleinen-von Königslow, hat in einer Untersuchung nachgewiesen, dass Presseberichterstattung weniger einstellungsbeeinträchtigend ist als angenommen. Wenn man den Satz sagt, die Presse hätte mit dieser oder jener Berichterstattung die Bevölkerung „verdummt“, zeigt das erstens, dass es bei diesem Informationskonsumenten gerade nicht funktioniert und zweitens sagen sich Millionen andere diesen Satz genauso. Stimmt jemand einer Veröffentlichung zu, ändert dieser seine Einstellung ebenso wenig. Medien werden also in ihren Wirkungen vielfach überschätzt. Und da kann man zum Schluss noch einmal den Kritiker Karl Kaus zitieren: „Ein frecher Kulturwitz hat die ,journalistische Hochschule’ ausgeheckt. Sozialer Ernst müsste eine journalistische Gewerbeschule verlangen.“ Das Handwerk der Nachrichtenverbreitung ist nicht schwer, sonst würden sich daran nicht millionen Internetnutzer teils erfolgreich versuchen. Schwieriger ist wohl die kritische Reflexion über die eigene Arbeit, zur Einordnung der eigenen Überzeugungen sowie die Fähigkeit, andere Ansichten zu akzeptieren und daraus nicht sofort Erregungsrituale zu synchronisieren.

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