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Reinhard Sattler – Ein Leben für die Literatur

Reinhard Sattler – Ein Leben für die Literatur Renate Sattler Kompakt Zeitung nachdenkenhinuntergespült jegliche erdegestein, nackt:deutlichnun die schönheitzerbrochen vergessener blume   schrieb Reinhard Sattler als Student in Jena. Dort war er im Dichterkreis mit Lutz Rathenow, Jürgen Fuchs und manchmal kam ein gewisser Wolf Biermann vorbei. Im Nachlass findet sich ein Heft mit Gedichten – nie veröffentlicht. Sein Schreiben wurde von anderen Interessen überlagert. Geblieben ist seine Liebe zur Literatur bis zum letzten Tag. Noch im Krankenhaus bat er mich, Bücher mitzubringen. Das letzte, was er las, war die Biografie von Che Guevara. Wenige Tage zuvor gab er mir „Kinder von Hoy“: „Musst du lesen.“ So blieb es im Arbeitszimmer auf dem Tisch wie ein Versprechen … 1951 wurde er in Unterwellenborn im Einfamilienhaus mit Garten als erstes von drei Kindern geboren, wuchs zwischen Maxhütte und Thüringer Wald auf. Sehnsucht nach den Bergen blieb bis zuletzt, auch wenn ihm das Tal an der Orla, Ölbach genannt, bald zu eng wurde. Begeistert für Geschichte entschloss er sich zum Pädagogikstudium für Geschichte und Deutsch. Innerhalb der ersten zwei Jahre seiner Lehrtätigkeit in Schwarza entschied er den Ausstieg aus der Volksbildung, weil Margot Honecker und er nicht zueinander passen, wie er oft äußerte. Viel mehr reizte es ihn, mit Gleichgesinnten einen Jugendklub in Schwarza aufzubauen. Im Kreiskabinett Rudolstadt wurde er Mitarbeiter für Klubarbeit, nahm das Fernstudium der Kulturwissenschaft an der Fachschule für Klubleiter in Meißen auf und entwickelte die Rudolstädter Folkloretour. Sein Credo: Kultur muss Spaß machen. Eine Woche im Sommer zogen fahrende Sänger auf zwei Pferdegespannen durch die Dörfer. Die Folkgruppen Brummtopf, Folkländer, Landluper, um nur einige zu nennen, traten unter der Linde auf. Nie dauerte es lange, bis das ganze Dorf tanzte. Einbezogen wurden Chöre, Tanzgruppen und alle, die mitmachen wollten. In Seniorenheimen und Betrieben gab es Kurzauftritte. Die erste Tour fand 1983 statt und wurde zum jährlichen Höhepunkt im Landkreis Rudolstadt. Die Mischung aus der Romantik vom fahrenden Volk, dem frischen Wind deftiger und besinnlicher Lieder auf uralten Instrumenten und purer Lebensfreude war das Erfolgsgeheimnis. Schließlich wurde aus dem rollenden Volksfest das Rudolstädter Folkfestival. Dass Reinhard Sattler aus der Praxis kam und von ihr die Theorie ableitete, öffnete ihm die Tür zum Dozenten für Klubarbeit an der FH Meißen. 1989 führte ihn die Liebe von Meißen nach Magdeburg. Hier wurde er Abteilungsleiter für Klubarbeit im Bezirkskabinett für Kulturarbeit. Doch bald bröckelte die Kulturlandschaft. Einrichtungen wurden aufgelöst, Jugendklubs abgewickelt. Gemeinsam mit mir orientierte er sich neu mit dem Aufbau der Infostelle Eine Welt e. V. Die Solidarität mit Nichtregierungsorganisationen indigener Völker in Nord- und Südamerika sowie Westpapua gaben ihm eine neue Lebensaufgabe. Für die Infostelle richtete er eine Fachbibliothek und einen Medienpool für die Jugendarbeit ein. Der Handel mit Büchern begann mit der Suche nach Literatur für die Bibliothek. Aus dem Auftrag des Kultusministeriums zur Ausstattung von Schulbibliotheken entstand das MODERNE ANTIQUARIAT EINE WELT als Versandbuchhandel im deutschsprachigen Raum. Zudem war es die Reaktion auf hohe Buchpreise sowie auf die geringe Finanzausstattung öffentlicher Einrichtungen. Mit Einnahmen des Antiquariats wurden Rundreisen von Repräsentanten indigener Völker und ihre Projekte in Lateinamerika und im indonesisch besetzten Westpapua unterstützt. Als er 2004 den Verein aufgrund der politischen Großwetterlage aufgeben musste, blieb das Moderne Antiquariat. Reinhard Sattler schloss mit Verlagen Exklusivverträge ab, sodass zu jedem Quartalsanfang eine Palette mit Kinderbüchern aus dem Peter Hammer Verlag und Novitäten, z. B. von Suhrkamp und dem Unionsverlag Zürich eintrafen, bei denen die Preisbindung aufgehoben war. Von Beginn an waren im Programm Bücher von Tschingis Aitmatow, Nazim Hikmet, Nagib Machfus, Nadine Gordimer, Ernesto Cardenal, Salim Alafenisch und Isabel Allende. Später kamen Autoren aus Europa und Nordamerika hinzu wie Christa Wolf, Christoph Hein, Volker Braun, Louise Erdrich und Margaret Atwood. Die Genres reichen von Romanen, Erzählungen, Krimis, Science Fiction bis zu Sachliteratur. Der palästinensische Schriftsteller und Geschichtenerzähler Salim Alafenisch nannte das Moderne Antiquariat: „Die andere Hälfte der Weltliteratur“. Für das Antiquariat gibt es keinen Nachfolger. Wir müssen das Lager auflösen. Der Lebenskreis von Reinhard Sattler hat sich am 14. Dezember 2023 geschlossen.   WinterkindSchnee lag auf dem Apfelbaumvorm Haus mit deiner Wiege.Der Hofhund zog dich auf dem Schlittenzwischen Stahlwerk und Thüringer Wald.Bist übern Ölbach gesprungen,hast im Muschelkalk nach Ammoniten gepickert.Später verschlug dich das Leben nach Meißen,von dort in die Aue der Elbe zu mir,bis dich die Krähenfeder ins Land der Ahnen trug.Noch hängt dein Anorak an der Garderobe,darunter stehen deine Schuh,doch hat sich dein Kreis schon geschlossen im Schnee. Wir laden Sie zu einem letzten Lagerverkauf ein   Am Wochenende, 10. und 11. Februar 2024, von 10.30 bis 18.00 Uhr, findet in der St.-Michael-Str. 20b in Magdeburg der letzte Lagerverkauf des Antiquariats statt. Wer Interesse an Schreibtischen und Büroschränken hat, kann ebenfalls vorbeikommen oder uns per E-Mail darüber informieren: antiquariat-eine-welt@web.de. Seite 26, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024

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