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Römers Reich: Wie rechts von links wächst

Der Kampf gegen rechts ist das Gebot der Stunde. Und wie man in jüngerer Zeit an zahlreichen Demonstrationen ablesen konnte, haben sich viele Menschen gegen rechts positioniert. Kurioserweise scheint der störrische Teil der Gesellschaft, den man als rechten erkannt haben will, nicht zu schmelzen.

Römers Reich: Rechte Jungs, linke Mädels

Römers Reich: Rechte Jungs, linke Mädels Axel Römer Kompakt Zeitung Entwicklungen in den USA kommen gemeinhin mit etwas Verspätung auch zu uns über den Teich. Aus den Vereinigten Staaten ist nun zu vernehmen, dass sich zwischen jungen Frauen und Männern im Alter von 18 bis 29 Jahren eine Kluft auftut. So sollen sich junge Frauen eher von linken, und junge Männer mehr von rechten Positionen angesprochen fühlen. Die Emanzipation der Frau ist ein linkes Ansinnen, und so verwundert es wenig, dass Frauen eine Affinität dahin entwickeln. Diesen Trend kann man seit den 1990er-Jahren auch in Europa beobachten. Inzwischen soll der Abstand dieser Rechts-Links-Vorstellungen rund 30 Prozent betragen. Der Feminismus hat sich inzwischen ebenso den Kategorien Antirassismus, Naturschutz und Diskriminierung verschrieben. Neu ist jedoch, dass sich mittlerweile junge Männer als Opfer von Diskriminierung sehen. Während sich Frauen mehr und mehr politisch engagieren, ziehen sich Männer aus dem Bereich zurück. Wegen ihres Geschlechts und der beispielsweise damit verbundenen Patriarchats-Erzählung fühlen sich Männer mehr und mehr diskriminiert. Es wachse eine verlorene Generation junger Männer heran. So lautet das Fazit einer Studie des „Survey Center of American Life“. Männer-Themen würden im linken Spektrum kaum diskutiert. Nur wenn sie sich eventuell transsexuell bekennen, werden sie positiv wahrgenommen. Alles andere gehöre in die Vorstellungswelt veralteter Rollenbilder. Die Onlinewelt trägt ihrerseits zur Forcierung dieser Spaltung bei. In der sogenannten „Manosphere“ – ein so bezeichnetes loses, vorwiegend antifeministisches Netzwerk – agierten „Incels“, also Männer, die keine Sexpartnerinnen finden und Frauen mit Hass überziehen. Andererseits bezeichnen Frauen in ihren Formaten Männer als Gift oder Abschaum. In deutschen Medien ist inzwischen häufig vom „abgehängten, jungen Mann“ zu lesen. So ein Klischee verstärkt natürlich das Opfergefühl einer jungen Männergeneration. Noch drückt sich dieses Phänomen hierzulande noch nicht in Wahlen aus. Bei der letzten Bundestagswahl lagen Frauen und Männer, die ihre Stimme der AfD gaben, nur 3 Prozentpunkte auseinander. Signifikant ist jedoch, dass junge Frauen eher die Grünen wählen. Das bestätigt zumindest die Ausgangsthese, dass die Generationen nachwachsender Frauen eher linken Projekten vertrauen. Wenn sich die Entwicklung einer Spaltung zwischen Frauen und Männern jedoch fortsetzen sollte, müsste man schlussfolgern, dass Gleichberechtigungs- und Gleichstellungsvorhaben eher Motor solcher wachsenden Differenzen sind. Es wächst also weniger zusammen, was zusammengemeint war. Die Betonung und die Förderung einer Seite, vernachlässigt die andere. Schöne gerechte ungerechte Welt möchte man ausrufen. Oder mit Goethes Zauberlehrling gesprochen: „Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los.“ Seite 3, Kompakt Zeitung Nr. 251, 6. März 2024

Römers Reich: Inflation der Besserwisser

Römers Reich: Inflation der Besserwisser Axel Römer Kompakt Zeitung „Es ist ein Jammer, dass die Besserwisser zwar alles besser wissen, aber nichts besser machen.“ So resümiert der österreichische Lehrer und Schriftsteller Ernst Ferstl über die Spezies der Besserwisser. Bösere Zungen nennen solche Leute auch Klugscheißer, und solche, die es harmloser ausdrücken wollen, nutzen das Wort naseweise. Menschen wie mir wird häufig ein Besserwisser-Etikett angeheftet. Schließlich verweise ich gern auf Widersprüche und fehlende Aspekte in einer Argumentation. Auch nehme ich Behauptungen nicht einfach so hin, selbst dann nicht, wenn mir ein Gegenüber eins mit der Wissenschaftskeule überhelfen will. Oft ist dann von Studien die Rede, die dieses oder jenes belegen sollen. Ich wende dann gern ein, dass Forschungsmethoden heute so weit entwickelt sind – egal, ob sozial- oder naturwissenschaftliche –, dass man eigentlich für jede These einen Nachweis führen kann. Das zweite Problem einer Inflation an Besserwisserei ist durch das Internet entstanden. Begriffe, Daten und Fakten, jede entstehende Frage oder eine Wissenslücke werden heute gern sofort online überprüft. Und bei gegensätzlichen Positionen wird entsprechend argumentativ zurückgeschlagen. Natürlich ist vielen klar, dass eine schnelle Suche nicht unbedingt eine verlässliche Antwort auswerfen kann. Möglicherweise findet man wichtige Informationen erst auf Hunderten Seiten hinter der Ausgabe einer Suchmaschine. Doch lange nachzulesen, ist offenbar eine schwindende Beschäftigung. Da muss das Interesse am Wissensgebiet schon enorm groß sein. Die ersten ausgeworfenen Internetseitenfunde sind häufig nur deshalb ganz vorn, weil sie entweder gesponsort sind oder eben oft aufgerufen wurden und gut vernetzt sind. Inzwischen hat eine neue Untersuchung der Postbank herausgefunden, dass Erwachsene unter 40 Jahren im Schnitt 93 Stunden – das entspricht fast vier ganzen Tagen und Nächten – pro Woche online angeschlossen sind. Allein die Smartphone-Nutzung verschlingt inzwischen einen ganzen Wochentag. Der Berliner Psychiater Jan Kalbitzer meint, dass dadurch die Kontrolle über das Nutzungsverhalten flöten geht und die Abhängigkeit, noch häufiger zum Handy zu greifen, stimuliert wird. Und ich glaube, dass außerdem die Besserwisserei weiter um sich greifen wird. Niemand möchte doch dumm dastehen. Also wird auf Teufel komm raus weiter und schneller gesucht. Für die eigentlich tieferen Informationen und die Wissensbereicherung bleibt schließlich immer weniger Zeit übrig. Das schnelle Herausposaunen von Meinungen, die fälschlicherweise oft für Wissen gehalten werden, verbreiten die allgemeine Klugscheißerei inflationär. Und ganz wichtig ist dabei der Ausspruch von Georg-Wilhelm Exler, einem Sprücheerfinder aus Rheine, zu beachten: „Besserwisser heißen Besserwisser, weil sie es nicht besser können.“ Ich weiß es nicht besser, aber ich glaube, dass wir uns hierzulande und sicher auch anderswo auf dem Weg befinden, alles immer besser wissen zu wollen, aber fürs Können einfach keine Zeit mehr finden. Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024

Römers Reich: Wege in die Einsamkeit

Römers Reich: Wege in die Einsamkeit Axel Römer Kompakt Zeitung Macht macht einsam. Wer in der Hierarchie ganz oben steht, muss Entscheidungen über Köpfe anderer hinweg treffen. Freundschaften sollen darunter beispielsweise verloren gehen. Die Bundesregierung hat nun das Thema Einsamkeit für sich entdeckt und will Projekte fördern, die Wege aus der Isolation weisen und das Miteinander fördern. Ich habe den Eindruck, dass die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Lisa Paus hier ein selbsttherapeutisches Anliegen verfolgt. Schließlich empfinden viele Bürger die aktuelle Politik als weit entfernt von realen Problemen unserer Zeit. Auch der Wirtschaftsminister Robert Habeck von derselben Partei muss sich ziemlich einsam fühlen. Im Dezember bekannte er freimütig: „Wir sind von Wirklichkeit umzingelt.“ Einen besseren Satz hätte kein Kabarettist heraushauen können, wenn Habeck ihn komisch gemeint hätte. Treffender konnte der Grüne jedoch die einsam machende Realität der politischen Akteure nicht beschreiben. Die Ampel-Regierung nimmt mit ihren Projekten vorrangig ältere Menschen ins Visier und will unter diesen Teilhabe und Gemeinsamkeit initiieren. Was sie dabei nicht beachtet, wie Bedingungen des modernen Zeitalters bereits bei jungen Menschen die Keim von Einsamkeit hervorbringt. Familienbande sind ein Garant für Zusammenhalt. Aber zunehmende Kinderlosigkeit, kleiner werdende Familien, mehr Single-Haushalte sind Einsamkeitstreibstoff. Was die Familienministerin Paus offenbar überhaupt nicht ins Auge nimmt, ist die Online-Abhängigkeit insbesondere bei Jugendlichen und Kindern. Die Nutzungsdauer hat sich von 2007 bis heute auf 224 Minuten pro Tag verdoppelt. Das heißt: weniger Zeit für reale Begegnungen, gemeinsame Unternehmungen und Erlebnisse. Echte Freundschaften bauen aber auf viele Momente gemeinsamer Erlebniszeit. Indes wächst der Anziehungsmechanismus mit noch mehr Unterhaltungsangeboten und Inszenierungen für Bildschirmgeräte ins Uferlose. Das Bundeskabinett, das die Projekte zur Bekämpfung von Vereinsamung abgesegnet hat, bekämpft Einsamkeit mit Isolationsförderung. Doch wie soll man aus einer einsamen Position auf den hohen Gipfeln der Politik, die von Normalsterblichen nicht erklommen werden können, auch in die Gemeinschaft zurückfinden? „Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine vormals feste, nicht in Frage gestellte Beziehung des Menschen aufgehoben, verkehrt, gestört oder zerstört wird.“ So steht es bei Wikipedia. Einsamkeit und Entfremdung sind wie Geschwister. Doch wenn politisch Entfremdete Vorhaben gegen Einsamkeit initiieren, ist das, als wollten sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Ich drücke jedenfalls Herrn Habeck ganz fest die Daumen, dass er den Bann der Wirklichkeit durchbricht, von der er sich umzingelt fühlt. Vielleicht kommt er dann öfter mit politischer Gemeinsamkeit in Berührung. Was wirklich einsam macht, ist, wenn Ideologie Macht hat. Das konnte man am DDR-Politbüro gut sehen. Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 247, 10. Januar 2024

Römers Reich: Mangel oben und unten

Römers Reich: Mangel oben und unten Axel Römer Kompakt Zeitung In Deutschland fällt man von einem PISA-Schock in den nächsten. Von Jahr zu Jahr sinken die Schüler-Kompetenzen in den drei Bereichen Lesekompetenz, mathematische Kompetenz und naturwissenschaftliche Grundbildung. Die PISA-Studien sind internationale Schulleistungsuntersuchungen, die seit dem Jahr 2000 in dreijährlichem Turnus durchgeführt werden. Dabei sollen die alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse und Fähigkeiten Fünfzehnjähriger gemessen werden. Für die Bundesrepublik darf man nun getrost sagen: Gute Nacht deutsches Dichter- und Denkerland! Der Aufschrei über die Kompetenzverluste geht durch alle Reihen. Mich verwundert das. Denn die Vorausschau dazu wird seit Jahren gepredigt. Die Reaktion aus der politischen Himmelssphäre war stets dieselbe: Bildung braucht mehr Geld. Oder anders gesagt: Geld ist das heilige Mittel. Allerdings kann Geld weder Mathematik noch Lesen oder Schreiben lehren. Geld arbeitet nur für jene, die es in ausreichendem Maße zur Bank tragen, um es dort vermeintlich für sich „arbeiten“ zu lassen. Schon unter diesem Aspekt beginnt der Bildungsmangel. Damit sich Geld durch Zinsen vermehrt, muss es erstens solche geben und zweitens müssen andere dafür arbeiten, damit investiertes Geld den Anteil abwirft, den eine Bank ihren Anlegern übriglässt. Jedenfalls haben zahlreiche Fehleranalysen aus den vergangenen Jahren nicht dazu geführt, dass sich Bildungsmangel in sein Gegenteil verkehrt. Wie auch? Der niedere Bildungsbürger an der Basis beklagt seit langem Kompetenz- und Wissensverluste bei Politikern. Allerdings wurden jene, die entscheiden, von solchen gewählt, die sich andere Entscheidungen wünschen. Zugegeben – die Regierung wird ja stets von denen gewählt, die es am Ende nie gewesen sein wollten. Und nun, da die Ampelkoalition im Bundestag die Wirkung von Direktmandaten zur Begrenzung der Bundestagssitze einschränkte, kann noch mehr politisches Personal auf aussichtsreiche Listenplätze kommen, ohne je eine berufliche Praxiskompetenz nachgewiesen zu haben. Damit sind wir schon beim Übel aller Übel. Theoretisierende Analysten und Propheten sind es, die gern darüber redend orakeln, wie Bildung besser gelingen kann. Nur tun können sie es nicht. Selbst die Konzepte dazu kommen wiederum aus Theoriekreisen. Wenn ich mir einen noch teureren Computer kaufe, werde ich leider nicht schlauer. Die Intelligenz sitzt immer noch vor einem Bildschirm, und wenn diese mit dem Gerät etwas Kluges anstellen will, muss zuvor einiges in den Kopf hinein, bevor wieder etwas herauskommen kann. Ich glaube, dieses Grundprinzip ist in dem Moment aufgegeben worden, als man begann, das Heiligtum der Digitalisierung anzubeten. Inzwischen kommt manches Bundesland zur Erkenntnis, dass ein Mehr an Bildschirmzeit nicht schlauer macht. Natürlich muss sich das vor allem in Elternhäusern herumsprechen. Doch wie soll ein Mensch zur Einsicht kommen, wenn er glaubt, allein durch Smartphone-Nutzung klüger zu werden? Wir müssen tiefer sinken. Seite 3, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023

Römers Reich: Universalistische Spaltung

Römers Reich: Universalistische Spaltung Axel Römer Kompakt Zeitung Das Land wird bunter und vielfältiger. So wird es gern verkündet, insbesondere von Menschen, die sich politisch eher grün oder links sehen wollen. In der vergangenen Ausgabe habe ich versucht zu zeigen, dass die Gerechtigkeit für manche Menschen mit „diversen“ Geschlechtervorstellungen häufig an der eigenen Definition aufhört. Heute blicken wir auf politische Akteure, die anderen Spaltung vorwerfen und sich selbst als universalistisch begreifen. Natürlich gibt es im „Studies-Zeitalter“ wiederum eine Erhebung, die sich mit dem Phänomen Zusammenhalt beschäftigt. Die letzte CDU-SPD-Regierung machte sich Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft und sah Spaltungstrends. Deshalb gründete man 2020 das „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (FGZ). Dies sollte ein Beitrag für den Kit der Gesellschaft liefern. Nun legte das Institut den ersten „Zusammenhaltsbericht“ vor.   Einen Zerfall der Gesellschaft wollen die involvierten Forscher vorerst nicht erkennen. Allerdings gebe es eine Tendenz zur inneren Segregation. Demnach würden sich „Blasenbildung“ und „Homophilie“ unter den Deutschen vermehren. Eine Entkopplung von sozialen Lebenswelten wäre zu beobachten und keine bunte Mischung, wie man sich das eigentlich wünschte. Man bleibe lieber unter seinesgleichen. Nun muss man den Bericht in seiner Aussagekraft nicht überbewerten. Im Bericht sind subjektive Aussagen über Gefühlslagen zum Zusammenhalt der Gesellschaft enthalten, aber keine objektiven Daten, beispielsweise zum Ausmaß von sozialer Ungleichheit anhand von Sozialstatistiken. Aber einen Trend zur Segregation (räumliche Aufteilung, Trennung oder Entmischung entlang bestimmter Merkmale) weist die Studie nach. Sich im vertrauten, eigenen Milieu zu bewegen sei unter geringer Gebildeten, Muslimen, Anhängern der AfD und vor allem bei Grünen zu erleben. Diese Gruppen haben ein Verhalten entwickelt, das sich eher vom Rest der Gesellschaft entkoppelt. Diese Erkenntnis wird wahrscheinlich bei religiösen Gemeinschaften wie Muslimen, die vielfach anders kulturell und traditionell geprägt sind als hiesige Landsleute, überraschen. Im traditionell-konservativen Verständnis wird man sich kaum an sogenannten Gender-Treffen beteiligen, die es übrigens auch in Magdeburg gibt. Geringer Gebildete suchen höchstwahrscheinlich selten wissenschaftliche oder gesellschaftspolitische Debattenräume auf, um sich über die Vielfalt von Ansichten zu informieren. Dass sich jedoch die Grünen, die sich selbst als universalistisch, weltoffen, bunt und divers verstehen wollen eher in ihren Milieus zurückziehen, anstatt auf andere zuzugehen, ist ein denkwürdiger Befund. Auf jeden Fall zeigt dies, dass die demokratische Offenheit wahrscheinlich weniger dort greift, wo sie dauernd gepredigt wird. Wer Universalität fordert, muss sie dann jedoch auch leben. Sich vor anderen zu verschließen, sägt am Zusammenhalt der Gesellschaft. Das wurde bisher eher der AfD und Muslimen unterstellt. Es sind aber auch andere. Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 245, 22. November 2023

Römers Reich: Wenn divers einseitig wird

Römers Reich: Wenn divers einseitig wird Axel Römer Kompakt Zeitung Divers wird heute als ein progressives Wort verstanden. Die ursprüngliche Bedeutung bezieht sich auf die lateinische Vokabel diversus. Was abweichend oder verschieden bedeutet. Heute taucht das Wörtchen divers in jeder Stellenanzeige auf, Unternehmen und Institutionen betonen gern, dass sie divers seien. Nun ja, dass sich Individuen von anderen unterscheiden, steckt in der Natur von Individualität. Divers wird aber aktuell für eine Geschlechterbezeichnung verwendet, bei entsprechenden Menschen, die ihre Abweichung gegenüber der sogenannten Heteronormativität benennen wollen. In letzter Zeit werden häufiger Probleme mit mancher „diversen“ Community bekannt. Ein Auftritt der Alt-Feministin Alice Schwarzer beim Leipziger Literaturfestival „Literarischer Herbst“ sollte verhindert werden. In einem offenen Brief wurden ihr „transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen und Publikationen“ vorgeworfen. Wenn Meinungen von Menschen, die sich divers bezeichnen, abweichen, mündet die Ablehnung offenbar in Feindbildbezeichnungen. Solche Tendenzen gibt es inzwischen bei zahlreichen Themen. „Alte weiße Männer“, „Rassisten“, „homophobe“, „Extremisten“, „Rechtsextreme“ und viele Bezeichnungen mehr machen derart inflationär die Runde, dass man meinen möchte, wir sind überall vom Bösen umzingelt. Diese vielen Erzählungen aus den Mündern von Leuten, die ein Selbstverständnis des allmächtig Guten in sich tragen, lassen gleichzeitig die Zahlen von Opfern und Opfergruppen anschwellen. Komisch, dass niemand bemerken will, dass die Probleme allein dadurch zunehmen, weil sie jeweils vom Standpunkt des selbstdefinierten Gutseins geboren werden. Je mehr moralisch Gutes definiert wird, umso mehr Niedertracht, Böses und Schattenseiten des Lebens kommen ans Licht. Paradox ist, dass heutige Vertreter von diversen Geschlechtern ihren geistigen Ursprung in der Philosophie des Dekonstruktivismus finden. Alles ist Konstruktion und kann deshalb dekonstruiert werden, allen voran durch Sprachänderungen. Wenn man also der konstruktivistischen Ursache letztlich mit konstruktivistischer Methode begegnet, was sollte dann besser werden. Es ist nichts anderes, als den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Und genau deshalb entsteht aus der proklamierten Theorie des Guten das konstruierte Böse. Je mehr Worte für Abweichungen bzw. Verschiedenartigkeit gesetzt werden, umso mehr Gräben ziehen jene, die sich als anders definieren. Nicht, dass sie das nicht tun sollten, aber sie sind damit jedoch selbst Erfinder von Kehrseiten und Ursprung von Differenzen. Wer sich ergo als Verteidiger von Diversität bezeichnet, muss auch die Meinungsgegengewichte akzeptieren, sonst wäre eine Ablehnung anderer Positionen alles andere als divers, sondern ziemlich einseitig. Ich glaube nicht, dass Menschen, die nicht mit diversem Jubeltaumel einer erklärten Richtung nachlaufen, immer gleich Feinde sind. Als Feind wird man nicht geboren. Man wird dazu gemacht – so müsste es abgewandelt nach Simone de Beauvoir heißen. Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 244, 7.11.2023

Römers Reich: Vorsicht Triggerwarnung!

Römers Reich: Vorsicht Triggerwarnung! Axel Römer Kompakt Zeitung Sogenannte Triggerwarnungen sind wie Beipackzettel von Arzneimitteln. Sie sollen vor Inhalten – egal in welchem Medium enthalten – schützen, die bei manchen Menschen eventuell negative Gefühle oder gar Traumata auslösen könnten. Inzwischen wird gar Klamauk-Humor von Otto Waalkes aus den 1970er Jahren mit Warnhinweisen versehen. „Das folgende Programm wird, als Bestandteil der Fernsehgeschichte, in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“ Der Blick in die Vergangenheit zeigt bisher stets, dass das Leben gegenüber früheren Phasen heute besser sei. Wobei sich die Sichtweisen da offenbar ändern. Vor allem ältere Menschen sagen gern, früher war alles besser und die jüngeren behaupten, dass die Zukunft immer trüber würde. Nun haben zwei Psychologen der Harvard University in Zusammenarbeit mit Victoria Bridgland von der Flinders University ein Dutzend Studien analysiert, die die Auswirkungen von Triggerwarnungen auf das Verhalten von Nutzern untersuchen. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass Triggerwarnungen den eigentlich gewünschten Abschreckungseffekt überhaupt nicht erzeugen. Aus den Ergebnissen schlussfolgern die Wissenschaftler, dass durch die Hinweise ein Pandora-Effekt erkennbar würde. Diese Theorie mit dem Namen aus der griechischen Mythologie, besagt, dass die Neugier häufig über die Vernunft siegt. Der Wissensdurst von Menschen führt dazu, sich eher gefährlichen Situationen auszuliefern. So hätten in einer Studie weniger als 6 Prozent eine harmlose Buchpassage der mit einer Triggerwarnung versehenen vorgezogen. Die Studienauswertungen der Forscher zeigen sogar, dass sogar die Abschreckungshinweise selbst zu negativen Gefühlen bei Menschen führen, die eigentlich vor bestimmten Inhalten geschützt werden sollten. Das Fazit lautet also: Triggerwarnung sind kein geeignetes Instrument, um bestimmte Gruppen vor verstörenden Inhalten zu schützen. Im Gegenteil, sie können der Verstörung gar Vorschub leisten. Selbstkritisch haben die Wissenschaftler zu ihren Untersuchungen darauf hingewiesen, dass sie keine Aussagen zu Langzeitwirkungen von Triggerwarnungen machen können. Sie hätten sich vorrangig auf Vermeidungseffekte sowie die Ansprechbarkeit von Nutzern, die als psychisch instabile Personen gelten, konzentriert. Wenn die Schlussfolgerungen der Psychologen stimmen, sollten TV-Sender darüber nachdenken, ob es hilfreich sei, permanent historische Dokumentationen über die Nazi-Zeit zu senden. Die sollen ja Beiträge zur Aufklärung über das Böse leisten. Inzwischen weisen jedoch alle Bevölkerungsbefragungen darauf hin, dass sich rechtsextremes Gedankengut mehr und mehr ausbreitete. Möglicherweise entfalten die ständigen Warnungen vor dem proklamierten Rechtstrend genau die entgegengesetzte, unerwünschte Wirkung. Warnungen sollten also häufiger mit Vorsicht genossen werden. Seite 3, Kompakt Zeitung Nr. 241

Römers Reich: Forderungs-Paradoxien

Römers Reich: Forderungs-Paradoxien Axel Römer Kompakt Zeitung Der menschengemachte Klimawandel ist in aller Munde. Firmen überschlagen sich, auf ihre nachhaltigen und klimafreundlichen Produkte hinzuweisen. Die EU will jetzt allerdings gegen irreführende „grüne Werbung“ vorgehen. Denn wer Gutes predigt, muss noch lange nichts Gutes tun. Wir sollten auch wissen, dass die Lebens- und Produktionsweisen der reichen Industrienationen auf dem Rücken der Menschen auf der südlichen Erdhemisphäre stattfinden. Für die Klimafolgeschäden im Süden sollen die Länder im Norden nun Ausgleichszahlungen leisten. Allein solche Beeinträchtigungen in Geldwert zu berechnen – da wird wohl nur eine Lösung in einer Gleichung mit vielen Unbekannten aufgehen. Ich möchte hier noch auf eine andere Logik solcher Forderungen aufmerksam machen. Es erscheint richtig, dass der Reichtum des Nordens für den ärmeren Süden aufkommen sollte. Nur würde das Einlösen dieser Zahlungen erfordern, dass der Norden reich bliebe. Das wiederum würde heißen, dass wir – zumindest was die Kapitalmechanismen beträfe – weiterhin hohe Überschüsse produzieren müssten. Gleichzeitig müssen gewaltige Investitionen in Energieerzeugung und Produktionsweisen geleistet werden. Noch ein weiterer Aspekt müsste in der Rechnung von Klimafolgeschäden berücksichtigt werden. Schon jetzt wird manche Migration häufig mit der Klimaentwicklung in Zusammenhang gebracht. Und natürlich stellt sich der Westen verschiedentlichen menschlichen Wanderungsbewegungen aus dem Süden in den Norden. Vor allem wegen der demografischen Entwicklung sei ja schon Zuwanderung wichtig. Schließlich verschärft sich die Suche nach Fachkräften. Das erste Paradoxon, das inzwischen sichtbar ist: In Deutschland leben durch Zuwanderung so viele Menschen wie nie zuvor in der Geschichte. Die Fachkräftenachfrage indes steigt weiter. Zweites Paradoxon: Menschen, die hierzulande leben, haben ein Recht auf eine angemessene Existenzgrundlage. Diese wiederum ist, wie am Anfang schon benannt, wesentlich umfangreicher als in den meisten Ländern auf der Süderdhalbkugel und folgt völlig zurecht statistisch aus dem Lebensstandard hierzulande. Um diesen Standard, die sozialen Leistungen gegenüber Migranten und anderen Menschen, die Unterstützung benötigen, aufrechterhalten zu können, muss die Gesellschaft enorme Überschüsse produzieren. Hoffentlich schaffen wir das unter den hehren Zielen zu Verzicht.Nun könnten wir enorm viel Geld freimachen, indem die Ausgaben für Rüstung eingestellt würden. Wie allerdings kann dann dem Kriegsherrn Putin Paroli geboten werden? Die Forderungen für Waffen- und Munitionslieferungen erscheinen einer Menge Menschen moralisch geboten. Ich gebe zu, gegenüber den gedanklichen Paradoxien fühle ich mich ziemlich hilflos und habe auch keine Lösung parat. Ich weiß nur, dass eine wohlmeinende Forderung nicht zwangsläufig zur besten Lösung führt. Seite 3, Kompakt Zeitung Nr. 225

Ein Produkt des Grauens?

Römers Reich: Ein Produkt des Grauens? Axel Römer Kompakt Zeitung In diesen Tagen erinnern wir in Magdeburg an den 16. Januar 1945. Ab 19 Uhr warfen 371 Flugzeuge der Royal Air Force insgesamt 1.060 Tonnen Bomben über die Stadt ab. Das Ergebnis, die fast vollständige Zerstörung der Innenstadt, ist bekannt. Meine Geburt ist ohne die Schrecken des Krieges nicht denkbar. Ich könnte sagen, meine Existenz ist ein Paradox, deren Entstehungsglück auf eine Greul-Geschichte baut. Weil andere sterben mussten, konnte ich geboren werden. Schließlich wäre meine Mutter nie mit der ihrigen aus Schlesien geflüchtet und in Magdeburg angekommen. Sie wäre niemals meinem Vater begegnet, dessen Familienwurzeln väterlicherseits in Danzig liegen. Krieg ist und bleibt eine inakzeptable Auseinandersetzung zwischen Menschen. Wobei das Selbstverteidigungsrecht einer Nation berücksichtigt werden muss. Trotz der Ächtung von Krieg hört der Terror weltweit nicht auf. Die russische Armee bombardiert seit elf Monaten Ziele in der Ukraine. Obwohl der Konflikt in Syrien nicht beendet ist – nur die Berichterstattung darüber ist ins Hintertreffen geraten – läuft der Krieg dort weiter. In Äthiopien, Somalia und Jemen kommen Kampfhandlungen nicht zur Ruhe. Israelis und Palästinenser sowie jüngst Serben und Kosovaren stehen sich nach wie vor feindlich gegenüber. Was das mit mir zu tun hat? Ganz einfach, Krieg erzeugt Langzeitfolgen. Die Familie meiner Mutter landete aufgrund der Flucht im geteilten Nachkriegsdeutschland in Bayern, in Thüringen und im heutigen Sachsen-Anhalt. Solange meine Großmutter in Zerbst lebte und ihre Schwester in der Nähe von München, hielten die Geschwister Kontakt. Nach ihrem Tod war Funkstille. Auch weil der Sohn meiner Großtante am Militärflughafen der US-Streitkräfte in München arbeitete. Nicht nur im Osten waren Westkontakte verboten, auch umgekehrt haben die militärischen Geheimhaltungspflichten gewirkt. Mit der deutschen Einheit hätte es eine Wiederbegegnung zwischen Cousin in Bayern und Cousine aus Magdeburg geben können. Warum dies nicht geschah, weiß heute keiner mehr so richtig. Erst zu Ostern, im vergangenen Jahr, trafen sich die verbliebenen Verbindungsteile der Familie erstmals nach 65 Jahren wieder. Machten ihre Kinder, also auch mich, miteinander bekannt. Die Jahrzehnte, die dazwischen liegen, sind eine verlorene Familienzeit. Emotionale Bande lassen sich rückwirkend ohne nie stattgefundene Begegnungen kaum knüpfen. Krieg ist eben nicht nur der Tod Tausender Menschen, sondern Heimatverlust, Familienentwurzelung bis hin zum Abriss ganzer Vorfahren-Geschichten. Überall, wo Krieg grassiert, werden solche Familienrisse erzeugt, weil von oben definiert wird, wer unten Feind sein soll. Als Existenzprodukt eines Krieges, dessen Ende sich in diesem Jahr zum 78. Mal jährt, muss ich an Krieg und dessen Folgen erinnern. Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 224

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