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Stadtmensch: Preise

Dass Preise mal ein Thema für diese Kolumne sein könnten, das hätte ich auch nicht gedacht. Aber jetzt ist es so weit. Und das liegt daran, dass ich lange Zeit Verständnis dafür hatte, dass die Preise angestiegen sind.

Stadtmensch: Über Einsamkeit

In den vergangenen Jahren hat das Gefühl von persönlicher Einsamkeit eine zunehmende Bedeutung bekommen. Dabei geht es nicht um die einigermaßen objektive Einsamkeit älterer Menschen, welche sich vermutlich zurecht zunehmend isoliert fühlen, sondern es betrifft tatsächlich immer öfter junge Menschen.

Stadtmensch: Bestraft

Mir ist es ein wenig unangenehm, wieder einmal mit ihm zu beginnen, aber nun ist es ja geschehen, eine Geschworenenjury vor einem New Yorker Gericht hat ihn in allen Punkten der Anklage für schuldig erklärt. Ohne zu lange zu überlegen und wie vorgeschrieben auch einstimmig fiel das Votum aus. Die Rede ist von Donald Trump …

Stadtmensch: Über Einsamkeit im Internet

In letzter Zeit bemerke ich, dass ich älter werde. Nun ist das ja kein neuer Vorgang, aber ich bemerke es verstärkt. Weil ich immer weniger verstehe, was gerade los ist. Das heißt, ich verstehe es zwar irgendwie, aber es ist schon sehr fremd. Ich bin zwar kein „Digital Native“, aber schon sehr lange mit dem Computer zugange und natürlich ist das Internet kein Neuland für mich …

Stadtmensch: Kommen die Baseballschlägerjahre zurück?

Nichts ist gut. Oder ist doch alles gut und normal wie eh und je? In diesen Tagen wurde in Sachsen ein Kandidat für das Europaparlament beim Anbringen von Plakaten zusammengeschlagen. Es war nicht nur eine kleine Prügelei, sondern er musste danach zur Behandlung in ein Krankenhaus. Die Täter sind später festgenommen worden. Überraschend, dass sie der rechten Szene angehören, oder?

Stadtmensch: Wir verdienen mehr als wir verdienen

Gerne fragen wir uns und andere, was wir oder sie eigentlich verdienen, und das ist immer durchaus doppeldeutig gemeint. Natürlich geht es in erster Linie um das Einkommen, aber es schwingt auch immer mit, was für ein Leben wir verdienen…

Stadtmensch: Das Unsagbare zeigen

Ich hatte vor einiger Zeit ein Erlebnis im Kino, das ich so nur selten habe. Denn ich verließ den Kinosaal sehr aufgerüttelt. Und das war das Werk von „The Zone of Interest“, einem Film, der bei der diesjährigen Oscarverleihung mit dem Preis für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde und dazu auch noch für den besten Ton.

Stadtmensch: Es ist nie so einfach, wie geglaubt

Stadtmensch: Es ist nie so einfach, wie geglaubt Lars Johansen Kompakt Zeitung Ich muss ehrlich gestehen, dass ich manchmal dazu neige, Dinge zu vereinfachen. Das macht es einfach leichter, für oder gegen etwas zu sein. Je weniger ich von Fachwissen belastet bin, desto lieber mag ich es, für oder gegen etwas zu streiten. Das ist nicht besonders klug oder gar vernünftig, aber, ich sehe täglich, dass ich damit nicht alleine bin. Mit Schwarzweißzeichnungen lässt sich am besten und mitunter auch am lautesten argumentieren. Ich komme aus einer Familie, in der man sich gerne einmal am Frühstückstisch wegen eher banaler Probleme anbrüllte, und der Lauteste gewann meistens diesen Wettstreit. Das ist keine gute Sozialisation und ich versuche sie auch, so gut es geht, zu überwinden. Aber das ist nicht leicht. Wenn ich etwas höre oder lese, dann folge ich meist dem ersten Empörungsimpuls und überprüfe nicht immer alles, was da so an Informationen auf mich einprasselt. Und dann passieren mir Fehler, denn die aus einer unvollständigen Information gezogenen Schlüsse müssen nicht unbedingt richtig sein. Meistens sind sie es nicht. Und so ging es mir auch beim Abschluss der Berlinale erst einmal so, dass ich mich furchtbar über den Antisemitismus aufregte, der da vorne während der Dankesrede für den Dokumentarfilmpreis vor aller Augen sichtbar gezeigt wurde. Niemand schritt ein oder sagte etwas, das Publikum spendete sogar Applaus, während dort die Verbrechen der Hamas relativiert wurden. Und ja, das stimmte, es kam nur eine Seite zu Wort und das ist zumindest unglücklich gelaufen. Aber man darf eben nicht vergessen, dass auch der israelische Co-Regisseur Yuval Abraham auf der Bühne anwesend war und die israelische Politik im Westjordanland als „Apartheid“ bezeichnete. Er schrieb später, dass danach ein gewaltiger Shitstorm auf ihn eingeprasselt sei, er sich als Antisemit bezeichnen lassen musste und sogar persönlich bedroht wurde. Nun ist es so, dass er sich als Antisemit selber hassen müsste. Und das tut er nicht. Das Thema ist ein komplexes und so sehr ich den Überfall der Hamas verurteile, so wenig habe ich das Recht, einem Israeli zu erklären, wie er das zu sehen hat. Aber genau das geschah im Nachklapp. Claudia Roth, die Kulturministerin, agierte, wie nicht selten in letzter Zeit, eher unsouverän. Denn auch sie fiel in den Chor der Verurteiler mit ein. Das ist umso schwieriger zu verstehen, weil sie sich bei dem Eklat im Zuschauerraum befand und ebenfalls Applaus spendete. Ein Schicksal, welches sie mit dem neuen Berliner Kultursenator teilte, der sogar von Gratismut sprach und Zivilcourage der Zuschauer vermisste. Noch einmal, es wäre ein leichtes für ihn gewesen, aufzuspringen und zu widersprechen. Aber Frau Roth und er taten es nicht. Sie schwiegen und stimmten demnach eher zu.   Natürlich mache ich es mir jetzt ebenfalls leicht, Zivilcourage einzufordern, wo ich mich doch selber nicht in dieser Situation in diesem Saal befunden habe. Hätte ich mich dieser Welle der Zustimmung entgegengestemmt? Ich weiß es nicht. Aber im Nachhinein aufzustehen und klar zu protestieren, das erscheint mir dann doch ein wenig zu einfach. Denn ich beginne dann damit, eine freie Meinungsäußerung in einem freien Land einzuschränken. Nun mag mir diese Meinung nicht gefallen, aber das ist das Wesen der Demokratie, das Recht des anderen auf eine freie Meinung zu verteidigen. Und ehrlich gesagt, die Existenz des Staates Israel ist auch eine direkte Folge des Holocausts, denn ohne diesen wäre es möglicherweise nicht zu dessen Gründung gekommen. Und so tragen auch wir ein wenig Verantwortung für die Geschehnisse dort, auch wenn uns das nicht gefallen mag. Denn jedes Handeln hat Folgen, die man nicht immer abzuschätzen vermag. Nun hatte Claudia Roth schon vor der Preisverleihung starken Gegenwind für ihre Entscheidung, den künstlerischen Leiter (seit 2019) Carlo Chatrian, abzulösen. Der große Martin Scorsese, welcher den Ehrenbär für sein Lebenswerk bekam, griff sie in seiner Dankesrede direkt an, weil er, wie auch viele andere Filmschaffende, mit diesem erzwungenen Rückzug einer verdienten Person nicht einverstanden war. Auch da schien die Kommunikation eher unglücklich verlaufen zu sein. Das setzte sich fort mit der viel zu späten Ausladung der AfD-Abgeordneten, deren Anwesenheit für die internationalen Gäste durchaus einen Affront dargestellt hätte. Man kann zusammenfassend festhalten, dass rechtzeitige Kommunikation keine Stärke der Ministerin darstellt. Geärgert habe ich mich aber auch über den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, der sich ebenfalls im Nachhinein zu Wort meldete und einfach apodiktisch festlegte, dass deutsche Kulturschaffende gar nicht antisemitisch sein könnten. Schließlich habe man ja auch die diesbezüglichen Vorgänge im Rahmen der letzten Documenta in Kassel genauestens aufgearbeitet. Und so etwas ist natürlich Unsinn, denn künstlerisch schaffende Menschen sind sehr vielschichtig. Ihre politischen Ansichten sind äußerst individuell und lassen sich nur schwer in Verbänden nivellieren. Und würde man das versuchen, dann stellte es ohnehin einen Eingriff in die persönliche Freiheit der Einzelnen dar. Man kann im Kulturbereich nicht einfach eine politische Haltung von oben erzwingen oder als durch Mehrheitsbeschluss gesichert begreifen. Das muss und wird mir persönlich nicht gefallen, denn ich lehne Antisemitismus sehr bestimmt ab. Aber ich muss Menschen davon zu überzeugen versuchen, verordnen kann ich es nicht. Solche Verordnungen würden die Kunst ärmer machen und einen Wust von Vorschriften nach sich ziehen, die einer Demokratie unwürdig sind. Seite 6, Kompakt Zeitung Nr. 251, 6. März 2024

Stadtmensch: Die verkannte Verantwortung

Stadtmensch: Die verkannte Verantwortung Lars Johansen Kompakt Zeitung Es gibt eine Menge nützlicher Apps, also Applikationen, für das eigene Telefon, aber es ist eine große Kunst, herauszufinden, welche wirklich nützlich, welche Schrott und welche möglicherweise gefährlich sind. In der Schule haben wir das nicht gelernt und auch heute lernen wir das dort nicht, denn da wird mit den Methoden aus dem 19. der Stoff aus dem 20. Jahrhundert gelehrt. Und das geht an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen des 21. Jahrhunderts weit vorbei. Selbst im dafür verantwortlichen Ministerium kann man mit dieser ungeheuren Neuheit namens Internet nur bedingt umgehen, wie möglicherweise verschickte E-Mails beweisen, die möglicherweise zum Löschen des Schriftverkehrs zu einem bestimmten Vorgang auffordern. Ich halte das bewusst sprachlich so vage, weil ich mich in laufende Verfahren nicht einmengen mag. Jedenfalls ist eher von solchen Dingen zu lesen als von der Arbeit an modernen Lehrmethoden. Und das finde ich schade. Denn ein wenig Innovation täte hier dringend Not. Natürlich haben alle Jugendlichen heutzutage ein Smartphone, Ausnahmen bestätigen die Regel und sie eint, dass sie zwar mit der reinen Technik gewiss besser als ihre Eltern und Lehrer umgehen können, aber auch, dass sie das selbstständig gelernt haben, ohne große Unterstützung durch Erwachsene. So wissen sie zwar einiges von der grundlegenden Technik, aber die Konsequenzen ihres Tuns sind ihnen nur sehr bedingt bewusst. 13-Jährigen mag es egal sein, dass das Internet nichts vergisst, aber wenn sie älter werden, dann fällt es ihnen irgendwann vielleicht auf die Füße. Denn Fehler werden hier nur selten vergeben von den Servern und Speichern, die niemand mit ethischen Algorithmen ausgestattet hat, welche ihr Handeln bestimmen. Wie die Künstliche Intelligenz tun sie alles, was möglich ist und möglich ist nun einmal sehr viel. Es gibt nur oberflächliche Restriktionen und spätestens, wenn die Verantwortlichen im weiter entfernten Ausland sitzen, gibt es keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen, was Ihnen möglicherweise mittlerweile geläufig ist, denn die Werbung für eine bestimmte App dürfte auch Ihnen in die Timeline, also die Liste Ihrer und der Aktivitäten Ihrer Freunde, gespült werden, wenn Sie in den sozialen Medien unterwegs sind. Die Kostenlosigkeit dieser bezahlen wir mit verstärkter Präsenz von Produktwerbung. Da diese obendrein personalisiert wird, müssen sie nur einmal nach einem Wecker suchen und die Anzeigen dafür schwemmen Sie beinahe fort. Und immer wieder taucht dabei eine ganz in Orange gehaltene Werbung auf, die Ihnen zu Fabelpreisen das Gewünschte verspricht. Sie bekommen sogar noch eine kostenlose Drohne dazu und einen Preisnachlass von 90%. Kurz, Sie können auch mit Bürgergeld shoppen wie ein Millionär. Alles, was Sie dafür tun müssen, ist es, sich die App des Anbieters auf ihr Endgerät zu laden und schon geht es los. Wenn Sie danach endlich die Seite besuchen, auf der Sie das alles erwerben können, dann blinkt es und glitzert wie in Las Vegas und Glücksräder drehen sich, die weitere Rabatte versprechen. Zusätzlich laufen überall gerade Countdowns für irgendwelche weiteren Supersonderangebote ab, die Sie nett, aber bestimmt unter Druck setzen. Tatsächlich ist das alles so billig und es gibt auch keine offensichtlichen Haken. Für Kinder und Jugendliche ist das geradezu ein Paradies, denn das Taschengeld reicht hier unendlich lange und das ganze Blinken richtet sich auch eigentlich an sie und weniger an erwachsene Kundschaft. Diese sollte nämlich eigentlich misstrauisch werden, denn wenn man sich leisten kann, bis zu 90% vom Verkaufspreis nachzulassen, dann scheint der Originalpreis viel zu teuer zu sein, denn die Verkäufer werden ja wohl keinen Verlust machen wollen. Denken Sie, aber die Firma verliert bei jeder Bestellung im Schnitt etwa 25 Euro. Das klingt nach einem realistischen Verkaufsmodell und ist es tatsächlich, denn schon das Herunterladen der App ist für sie ein Geschäft. Diese fragt nämlich Daten ab und spätestens, wenn es ans Bezahlen geht, auch sensible. Die besagte Firma hat zwar Ihren nominellen Geschäftssitz in den USA, befindet sich aber in chinesischem Besitz. Und damit hat natürlich auch der chinesische Staat Zugriff auf die Daten. Und natürlich können diese auch verkauft werden, denn das ist äußerst lukrativ für alle Beteiligten, außer für Sie. Denn Sie bekommen nur den billigen Plastikmüll aus China zurück, den wir dort eigentlich für alle Ewigkeit endlagern wollten. Vieles ist schlecht gefälschte Markenware und noch mehr funktioniert nur sehr bedingt. Natürlich können Sie das reklamieren und vielleicht bekommen Sie sogar Ihr Geld zurück, aber da gibt es noch einen Haken. Denn auch die Güte- und Funktionssiegel sind oft genau so gefälscht wie die Ware. Die Verwendung von elektronischen Geräten kann lebensgefährlich sein. Und Sie sind daran schuld. Denn Sie gelten nach deutschem Recht nicht als Kunde, sondern als Importeur chinesischer Ware. Und als solcher sind Sie für die Funktionsfähigkeit ebendieser voll und ganz verantwortlich. Nun werden die Dinge meist billiger, wenn man größere Stückzahlen bestellt und die Kinder und Jugendlichen tun sich oft zusammen, also einer bestellt und alle zahlen. Dann ist der Besteller verantwortlich und, wenn er minderjährig ist, die Eltern. Der Zimmerbrand beim besten Freund der Tochter aufgrund einer so gefälschten wie defekten Designerleuchte könnte also in Ihre Verantwortung fallen. Sie wissen das nicht, Ihre Kinder auch nicht, aber so ist es eben mit dem Internet und der Verantwortung. Also, wenn es zu sehr glitzert, dann speit das orangene Einhorn vielleicht einen Regenbogen, es könnte aber auch schlimmer kommen. Seite 9, Kompakt Zeitung Nr. 250, 21. Februar 2024

Stadtmensch: Über Faulheit

Stadtmensch: Über Faulheit Lars Johansen Kompakt Zeitung Ich liebe es, faul zu sein. Und ich finde, es wird viel zu selten gelobt, dass ich das sehr gut kann. Es ist eine Kunst, die vielleicht nicht jeder beherrscht. Ich rede hier nicht von Prokrastination, also dem permanenten Aufschieben von wichtigen Aufgaben, obwohl ich auch darin sehr gut bin, sondern von der reinen Faulheit. Also sehr lange zu schlafen, um dann wirklich nichts zu tun, was irgendwie produktiv wäre. Natürlich geht das nicht oft und man muss sich dazu zwingen, aber es ist herrlich. Man kann es gerne auch entschleunigen nennen, doch strenggenommen ist es nicht entschleunigt, sondern komplett ohne jede Beschleunigung oder gar Bewegung. Es handelt sich um eine nahezu unbeschreibliche bewegungslose Starre, die dem Winterschlaf einiger Lebensformen ähnelt und sich einer weiteren Einordnung entzieht. Anders gesagt, es ist wundervoll entspannend und zugleich aufregend, denn danach kommt es zu verstärkten Aktivitäten. Manchmal. Je kälter der Winter, desto ausgeprägter die Lust, nichts zu tun. Vor allem stellt es einen wunderbaren Gegensatz zur permanenten Geschäftigkeit von so vielen Zeitgenossen dar, welche sich den ganzen Tag selber disziplinieren, laufen, Sport treiben, Berge erklimmen und Leistung erbringen. Diese personifizierte Leistungsgesellschaft, die den Faulen ein schlechtes Gewissen machen soll, verweist schwer atmend darauf, dass man gesund leben müsse. Und ein ausgefülltes Leben muss es auch sein. Das sind die Menschen, deren Fotos von ihren Mahlzeiten die sozialen Medien verstopfen und den Zuschauenden immer zeigen sollen, dass sie existieren und zu leben verstehen. Der Faule macht kein Selfie von sich oder seiner Situation, sondern er bleibt mitteilungslos einfach liegen oder sitzen. Niemand muss erfahren, dass er gerade vor sich hin fault. Er ist sich selbst genug und belästigt seine Umwelt nicht mit medialen Ausscheidungen. Das fällt zugegebenermaßen heutzutage richtig schwer, denn wenn alle Auskunft über ihr Sein geben, dann mag man ungern zurückstehen. Schließlich gilt es als gesellschaftliches Manko, nichts zu tun. Doch diese ganze geradezu zwanghafte Beweglichkeit, die andauernde Hetze also, wirkt auf viele Menschen verstörend. Sie fühlen sich herausgefordert, sich noch mehr zu bemühen und immer mehr zu erleben. Oder wenigstens darüber zu reden, dass sie das tun. Sie füllen teilweise ihre Zeit damit, zumindest vorzutäuschen, aktiv zu sein, statt diese freie Zeit zur echten Entspannung zu nutzen. Die mediale Scheinrealität verlangt von uns Aktivitäten oder Berichte über ebendiese. Wer will schon als langweilig gelten? Und das ist Faulheit tatsächlich. Langweilig! Nicht für den Faulen selber, aber für seine Umgebung. Da passiert ja nichts, denkt der Vorüberschweifende und eilt von hinnen. Dabei passiert eine Menge. Meditation ist nichts anderes als eine spirituelle Faulheit, denn in dieser völligen Entspannung gelangt man zu erstaunlich profunden Erkenntnissen. Das Loslassen von allem nimmt Spannungen aus dem Körper, die oft Klarheit verhindern. „Ununterbrochen ist Krieg, sich zu errichten für einen Augenblick“, heißt es bei Rainald Goetz. Wir führen einen ständigen Krieg, außer wir verzichten auf das Errichten. Faule haben noch nie Kriege begonnen oder eine Machtergreifung angestrebt. Faulheit und Gewalt schließen einander schon qua Definition aus. Ich gebe natürlich gerne zu, dass es sich nur um einen vorübergehenden Status halten sollte, denn die permanente Faulheit ist zu viel Entspannung. Etwas Spannung brauchen wir immer, um die Körperfunktionen zu erhalten. Außerdem ist die Demokratie eine Staatsform, welche nur bedingt Faulheit zulässt. Volksherrschaft bedeutet, dass wir regieren. Und das geht zwar entspannt, aber eben nicht komplett. Denn leider gibt es genug Zeitgenossen, die eine Demokratie durch einen starken Mann ersetzen wollen, der uns Verantwortung abnimmt und das Leben dadurch scheinbar einfacher und entspannter macht. In Wirklichkeit muss er uns dann in permanenter Bewegung halten, um das mit der Entspannung einhergehende Denken zu verhindern. Wer ständig zu tun hat, dem fehlt die Zeit zum Nachdenken. Und nur der wird nicht widerstehen. Aber das ist nun einmal der Nachteil der Demokratie, dass wir gefordert sind, nicht von außen jedoch, sondern aus uns selbst. Und wenn in Deutschland gerade jetzt ein paar hunderttausend Menschen sehr friedlich auf die Straße gehen, um die Demokratie zu verteidigen, dann ist das eine gute Entwicklung. Es zeigt, dass wir mehrheitlich zwar entspannt sein wollen, aber die Voraussetzungen dafür auch verteidigen werden. Und die Demokratiegegner, welche keine Schimäre, sondern höchst real sind, wie wir jetzt wissen, werden so zu der Minderheit, die sie eigentlich auch nur repräsentieren. Die Mehrheit lehnt totalitäre Strukturen ab. Bedeutet das, dass die Mehrheit eigentlich faul ist? Vielleicht ja, aber sie weiß auch, dass man dafür kämpfen muss. Das Recht auf Faulheit muss immer wieder erstritten werden. Das zeigt uns die GDL genauso wie die Generation Z, welche nicht nur arbeiten wollen, sondern auch Zeit für Entspannung erkämpfen. Das hat mit der 35-Stunden-Woche geklappt und das wird auch in den neuen Tarifkonflikten am Ende funktionieren. Faule Menschen sind nicht konfliktscheu, denn sie zeigen die Grenzen der Leistungsgesellschaft genauso auf wie eine Abgrenzung zu Krieg und zu demokratiefeindlichen Bewegungen. Wie sagte es jemand so schön: „Ach, dann remigriert euch doch ins Knie.“ Oder anders: Entspannt einfach mal. Es gibt nichts Erholsameres, als nach einem gemeinsamen Einsatz für die Demokratie zusammen abzuhängen. Und ganz nebenbei, die künstliche Intelligenz beginnt allmählich langsamer zu werden. Wissenschaftler vermuten, dass sie die Faulheit entdeckt hat. Ich finde das, ehrlich gesagt, sehr beruhigend. Seite 7, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024

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