Samstag, Oktober 16, 2021
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Tektonische Verschiebungen

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Tradition schieße keine Tore, heißt es gemeinhin. Für viele Fußballvereine mit großer Vergangenheit
sind die Meriten von einst inzwischen mehr Ballast als Chance. Das gilt derzeit mit Abstrichen ebenso
für den 1. FC Magdeburg. | Von Rudi Bartlitz

In Teilen Fußball-Deutschlands herrscht so etwas wie Katerstimmung – wenn nicht hier und da sogar schon eine Alarmwarnung ausgerufen worden ist. Der Grund dafür: Viele Traditionsvereine – die so etwas wie die Seele der Balltreter-Community zwischen Nordsee und Alpen verkörpern – rutschen immer weiter nach unten. Wie auf einer mit viel Schmierseife versehenen imaginären schiefen Ebene. Dieses Abrutschen der Traditionalisten, das jedenfalls ist eines der hervorstechenden Merkmale der zurückliegenden Saison.

In Zahlen ausgedrückt liest sich die tektonische Verschiebung so: Lässt man den einsam über allem schwebenden FC Bayern München einmal außen vor, kommen die Teams, die in der nächs-ten Spielzeit in der 1. Bundesliga antreten, auf insgesamt 25 deutsche Meisterschaften. Bei den Vereinen der 2. Liga – und das stellt wahrlich eine Umkehrung der Verhältnisse dar – findet sich hingegen viel mehr Silber in den Trophäenschränken. Insgesamt 31 deutsche Titel eroberten sie. Hinzu kommen durch die beiden Aufsteiger Dynamo Dresden und Hansa Rostock noch neun Pokale der DDR-Oberliga.

Viele Fans wischen sich bei einem Blick über die neue Tabellenkonstellation verwirrt über die Augen: Mit dem Hamburger SV, Schalke 04, Werder Bremen, 1. FC Nürnberg, Fortuna Düsseldorf, Hannover 96, FC St. Pauli und Karlsruher SC finden sich große, vor Tradition geradezu triefende Klubs im Unterhaus wieder; zu ihnen gesellen sich natürlich noch die beiden Ostaufsteiger. Allesamt seit Jahrzehnten beladen mit Erfolgen, getragen von der Liebe und der Leidenschaft von Millionen Fans überall in Deutschland. Und das ist noch nicht alles. Von den ehemaligen deutschen (Bundesliga)Meistern spielen 14 heute in der zweiten oder dritten Liga. Andere wie Alemannia Aachen, Kickers Offenbach und Tasmania Berlin in der vierten. Ob es der gerade insolvent gegangene KFC Uerdingen (einst Bayer Uerdingen) dorthin überhaupt noch einmal schafft, ist offen. Borussia Neunkirchen wurde sogar in die 6. Liga durchgereicht.

Dass die Krise der Traditionsvereine auch vor dem Osten nicht haltmacht, führt ein kurzer Seitenblick auf den 1. FC Magdeburg vor Augen. Zweimal stand er zuletzt mit einem Bein vor dem Abrutschen in den Amateurbereich (4. Liga). Viele hier wollten das alles nicht wahrhaben, frei nach dem Motto: Wir sind so groß („Die Größten der Welt“), wir haben sooo eine Geschichte. Wir gehören da einfach hin (in den Profifußball).

Was also, wäre zu fragen, ist die Ursache für die sich (seit Jahren abzeichnende) schlechte Performance der sogenannten Traditionsvereine (siehe auch nebenstehenden Beitrag)? Erste Antwort: Wie immer ist es mit der Nennung eines einzigen Grundes allein nicht getan, ergeben sich aus den unterschiedlichsten (sportlichen und finanziellen) Konstellationen in den einzelnen Klubs diverse Antworten. Sollte dennoch so etwas wie eine Über-Klammer, ein kleins-ter gemeinsamer Nenner gefunden werden, so könnte eventuell festgehalten werden: Die Tradition erweist sich für die meisten von ihnen mehr als Ballast denn als Chance. Vergangene Erfolge werden vor sich hergetragen wie eine kostbare Monstranz bei Prozessionen der katholischen Kirche. „Tradition verhindert“, fasste es die „Frankfurter Allgemeine“ jüngst zusammen. Schon 2015 hatte das Blatt von einer „Agonie der Bundesliga-Dinos” gesprochen: „Zu viel Eitelkeit, zu wenig Kompetenz. Zu viel Beharrung, zu wenig Erneuerung. Die großen Klubs wie der Hamburger SV, Hannover 96, Hertha BSC Berlin oder der VfB Stuttgart finden keine Mittel mehr, um ihren Niedergang aufzuhalten.“ Nimmt man die Schwaben einmal heraus, hat sich da wenig geändert.

Abgesehen von Deutschlands Fußball-Metropole München laufen die anderen Millionenstädte Berlin, Köln und Hamburg seit Jahrzehnten der Musik hinterher. Offenbar gilt: Je größer die Stadt, desto größer die Probleme. „Es ist ein Drama“, klagte Uli Hoeneß bereits vor zwei Jahren. „Wenn wir die Mannschaften aus den großen Städten dauerhaft in der Bundesliga hätten, wäre sie noch populärer und attraktiver.“ Die Schuld dafür liege aber nicht bei bösen Mächten: „Das ist oft ein Managementproblem.” Noch dras-tischer drückt es der Wirtschaftswissenschaftler Henning Zülch von der Leipzig Graduate School of Management aus. „Die Traditionsvereine bekommen über kurz oder lang Probleme, weil sie mit ihren Strukturen nicht zurechtkommen. Die werden in einigen Bereichen immer noch wie Pommesbuden geführt”, sagte er der Zeitung „Die Welt“.

In der Tat liegen die meisten Abstürze von Traditionsklubs, für die exemplarisch auch einstige Meister wie 1860 München und der 1. FC Kaiserslautern stehen, an einer toxischen Mischung aus Missmanagement, fatalen personellen Fehlurteilen, Selbstüberschätzung und Ungeduld. Zu oft wurde vergeblich die schnelle Rückkehr ganz nach oben mit riskanten Wetten auf eine vermeintlich goldene Zukunft angegangen, am Ende stand und steht in vielen Fällen sportlicher und wirtschaftlicher Niedergang.

Andererseits muss das Gegenteil, der sogenannte planmäßige Aufbau, ebenso wenig zum Erfolg führen. Beim 1. FC Köln, der im Sommer ‘21 dem Bundesliga-Abstieg gerade so noch einmal von der Schippe gesprungen ist, wurde zwar der Manager abgesetzt, im gleichen Atemzug aber eine Unternehmensberatung beauftragt, einen Sieben-Jahres-Plan (!) für den „Effzeh“ auszuarbeiten. Nun waren längerfristige Pläne schon im DDR-Zeitalter keine gute Idee, im kurzatmigen Fußball stellen sie erst recht eine ziemlich irreale Vision dar. Beim FCM wird man wissen, wovon hier die Rede ist – und da geht es derzeit nur um einen Drei-Jahres-Plan.

Gerade in den Großstädten stehen die Traditionsklubs unter dem Brennglas der mitfiebernden Öffentlichkeit und der zahlreichen Medien, deren lokale Boulevardblätter oft nicht nur die Unruhe anheizen, sondern auch Vereinspolitik massiv zu beeinflussen versuchen. „Wo es kompliziert wird: wenn Fans und Boulevardpresse mitreden und mitregieren, klassisches Merkmal von Traditionsfirmen”, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“. Wer sich auf dieses Spiel einlässt, hat meist schon verloren – davon können viele geschasste Verantwortliche in den genannten Standorten manches bittere Lied singen. Denn ein wiederkehrendes Merkmal der vielen Abstürze sind permanente Führungswechsel in Vorstand, Management und auf der Trainerbank, fast nie hat diese Sündenbock-Politik aber den Erfolg zurückgebracht.

Gilt es, Faustregeln für Traditionalisten zu formulieren, so könnten die eigentlich nur lauten: Erstens: Aus Größe und Alter darf kein Anspruchsdenken entstehen. Zweitens: bloß keinen Aktionismus. Mehr noch als in der Vergangenheit werden in der neuen Saison also, siehe oben, die Blicke auf die 2. Liga gerichtet sein, so etwas wie ein Sammelbecken der Gescheiterten. Dort drängen sich künftig die einstigen Topklubs vergangener Zeiten. Vereine, wie die „Süddeutsche“ anmerkte, „die mit sich selbst nicht klarkommen“. Das Pikante: Es sind diesmal so viele, dass – selbst wenn alle gut performen und oben mitspielen würden – der eine oder andere erneut ins Gras beißen muss.

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