Theater an der Angel: Der erste Vorhang

Ausgangsbeschränkungen, Veranstaltungsverbot, geschlossene Theater. Corona hat die Welt verändert, auch die künstlerische. Ab sofort sind Veranstaltungen unter bestimmten Vorgaben wieder gestattet. Der erste Vorhang hob sich am 28. Mai, im Theater an der Angel. Was bedeutet der Neustart, was hat sich verändert? | Von Birgit Ahlert

Von oben herab schaut der Angler vom Dach auf die Passanten der Zollstraße. Die Beine lässt er baumeln, hält die Angel in der Hand und Ausschau nach den Besuchern. Die kommen. Hatten sich bereits angemeldet, kaum dass der Termin für die erste Vorstellung „nach Corona“ bekannt wurde. Trotz eines Donnerstags war schnell ausverkauft, die drei folgenden ebenfalls. Der Hunger nach Theater scheint groß. Doch niemand weiß so genau, was sich nun abspielen wird. Was ist mit der Maskenpflicht? Wie sieht es mit gastronomischer Versorgung aus und mit der Möglichkeit zur Toilettennutzung? Wird es ein Gedränge geben oder halten die Besucher den erforderlichen Abstand? In der Theorie ist das alles geklärt. Vorab hatten die Theaterleute jedem Interessenten schriftlich mitgeteilt, was zu beachten ist. Doch Theorie und Praxis sind nicht selten Zweierlei.

19 Uhr. Schon vor dem Eingang des Theaters an der Angel wird die erste Veränderung sichtbar. Ein rotes Schild leuchtet den Ankommenden entgegen, Abstand halten ist sein Credo. Wie weit mindestens, machen aufgezeichneten Striche auf dem Fußweg deutlich. Ein zweiter Eingang wurde um die Ecke auf der anderen Seite des Theatergeländes eröffnet.
Die Sonne lacht. Am Einlass lächelt das Personal. Zu sehen ist es an den Augen, Mund und Nase sind von Schutzstoff verdeckt. Gutgelaunt plaudernd schlendern die ersten Gäste herbei. Ein amüsiertes „Du auch hier“ ist zu hören. Die Theaterfreunde kennen sich offenbar. Die junge Frau am Einlass sammelt Datenblätter ein. Um das Ausfüllen wurde im Voraus gebeten. Name, Adresse, Telefonnummer. Die Angaben zur Person gehören zum Sicherheitskonzept der Veranstaltung. Nach Vorgabe vom Gesundheitsamt. Sollte im Nachhinein jemand an Corona erkranken, muss nachvollziehbar sein, mit wem es wann Kontakt gab. Nicht jeder mag dieses Personalien-Sammeln. In der Stadt hört man derzeit immer wieder Proteste dagegen. Vor allem in der Gastronomie. „Meine persönlichen Daten für ein Glas Bier? Das ist ein teures Vergnügen.“ Datenverkauf ist ein gutes Geschäft, das weiß man nicht nur in der Werbung. Doch ohne die persönlichen Informationen wird derzeit niemand zu Veranstaltungen, ins Restaurant oder Café gelassen.

Abmaß mit der „Corona Latte“

Am Theatereingang gibt es keine Probleme. Alle Besucher haben ihre Formulare im Voraus ausgefüllt. Kein Gedränge am Einlass. Die angemeldeten 50 Besucher erscheinen nach und nach an den separaten Eingängen in der Zollstraße. Geballten Andrang gibt es weder hier noch dort. Durch das Tor kommt nur, wer Mund und Nase mit Stoff bedeckt. Während der Aufführung kann diese Verhüllung abgelegt werden. Für „Vergessliche“ liegen im Theater Einmal-Schutzmasken bereit. Sie werden an diesem Abend nicht benötigt, alle Gäste haben ihre eigenen mitgebracht.
Die Theater-Crew hat sich in der Woche zwischen Erlaubnis und Vorstellung äußerst gut vorbereitet. Nicht nur auf der Bühne. Professionelle Desinfektionssäulen wurden installiert, Abläufe neu organisiert. Überall erscheinen Aufsichtspersonen. Vorgegeben ist jeweils eine je 10 Besucher. Fünf also an diesem Abend allein dafür, auf Abstand zu achten, ergänzt durch Gastronomie-Betreuung und Einlass sind neun Leute beschäftigt. Allein dadurch ergibt sich ein finanzieller Aufwand, der auf Dauer nicht durchzuhalten ist, wird später auf Nachfrage Theaterchefin Ines Lacroix sagen. Zunächst reagieren die Besucher amüsiert: Die „Aufpasser“ tragen Mützen mit verschnörkelter „Personal“-Aufschrift, und die Abstandsdame mit der (2-Meter-)„Corona Latte“ misst zwischen den Gästen nach, immer mit freundlichen Worten dazu. Wüsste man es nicht besser, könnte es zum Theaterspiel gehören. Gut gelöst.

Die Aufführung findet unter freiem Himmel statt. Vor der kleinen Bühne sind einige Tische und paarweise Stühle drapiert. Nur Paare oder Familien dürfen beieinander sitzen. Manchmal wird ein Stuhl etwas zur Seite verschoben. Selten. Wir sitzen zu zweit, links zwei Meter Platz, rechts zwei Meter. Es ist ein merkwürdiges Publikumsgefühl, auf so einer Sitz-Insel, wie präsentiert, entgegen dem sonst gemeinsamen Miteinander. Andererseits bietet sich mehr Arm- und Beinfreiheit. Der Stimmung tut es – zumindest bei dieser Aufführung – keinen erkennbaren Abbruch. Es wird gelacht, geklatscht und mitgesungen. Ein amüsantes Programm belebt die Bühne: „A heit ist’s zünftig“, die zweitälteste Inszenierung der Angler, wird nach sechs Jahren reaktiviert. Eine lockere Unterhaltung angesichts ernster (Corona-)Lage. Thomas Mette, von Beginn an dabei, hat seinen Wohnort dafür vorübergehend nach Magdeburg verlegt. Er ergänzt das Kleeblatt mit den Anglern Ines Lacroix und Matthias Engel. Mit viel Humor und Darstellungskunst, Wort- und zum Teil beeindruckender körperlicher Akrobatik werden Szenen des Komik-Meisters Karl Valentin unterhaltsam lebendig. Der widmete sich übrigens bereits vor 100 Jahren dem „Theaterzwang“. Aktualisiert wird dies dem Publikum mit Mund-Nase-Bedeckung präsentiert – ein amüsanter Einfall, für den es Lachen und Beifall gibt. Letztlich singen auf und vor der Bühne alle gemeinsam das Lied von den „alt’n Rittersleut“. Finale eines durchweg gelungenen Theaterabends. Plaudernd und gut gelaunt gehen die Gäste heimwärts.
Und wie war es für die Künstler? „Wunderbar, endlich wieder auf der Bühne zu stehen“, zeigte sich Ines Lacroix glücklich und fragte gleich zurück, wie es das Publikum empfand, welche Verbesserungsvorschläge es gäbe. Matthias Engel spricht vom „Ende der Entzugserscheinungen“.
Schön, wieder so zueinander zu finden.

Theaterangebote bleiben jedoch ein Kraftakt, zumindest finanziell. Bei den Anglern steht der Hälfte der sonst möglichen Einnahmen (durch Abstand haben weniger Besucher Platz) das Dreifache an Kosten gegenüber (u. a. Personal). Zudem belaste die große Verantwortung für die Gesundheit des Publikums. Die vier Spieltage waren wie ein Test. Die Erfahrungen fließen ins neue Konzept, das derzeit erstellt wird – für das Sommertheater. Ab 10.Juli soll nicht nur unter freiem Himmel, sondern zusätzlich auch wieder in der Villa gespielt werden.

Live-Konzerte & Kulturpicknick

Startschuss für Konzerte in der Stadt gab es am Tag danach auf der Wiese im Park neben der Fes-tung Mark mit dem 1. Magdeburger Kulturpicknick. Die neue Veranstaltungsreihe wurde von der Band Noch ist Zeit eröffnet. Auch wenn die Anzahl der Besucher zunächst im überschaubaren Rahmen blieb, war alles perfekt vorbereitet, von Wegmarkierungen bis zu Picknickdecke und Snacks. Der Festungskommandant wies die Gäste humorvoll auf ihre Plätze und prüfte den erforderlichen Abstand. An den hielt sich auch Magdeburgs Oberbürgermeister, der zu den Premierengästen zählte. Das Ausfüllen der Datenbögen wurde den Gästen versüßt mit einem Gewinnspiel. Die Stimmung beim Konzert war „schön und entspannend“, erzählt Musiker Christopher Konrad auf Nachfrage. Es sei wie ein Sitzkonzert unter freiem Himmel gewesen, eine angenehme Atmosphäre. Vom Tanzen ließen sich die Gäste nicht abhalten. Am eigenen Platz, versteht sich.

„Wir haben viel Zuspruch erhalten“, freut sich Festungschef Christian Szibor. Dennoch werde über Optimierungen nachgedacht. Beispielsweise könne ein großer Schirm Schattenspender und Regenschutz sein, dafür läuft eine Spendenaktion. Außerdem wären Sitzplätze für ältere Besucher hilfreich. Eigene Hocker können auch mitgebracht werden, dann empfehlen sich jedoch Außenplätze.

Premiere im Kabarett

Ebenfalls seit 29. Mai gibt es „Geld oder Hiebe“ in der Magdeburger Zwickmühle. Die verschobene Premiere des neuen Programms wurde nach Aufhebung der Corona-Zwangspause nachgeholt und ist nun im Kabaretthaus in der Leiterstraße zu erleben. Im Publikumsbereich wurde für Abstand gesorgt und zwei Drittel der Tische und Stühle aus dem Saal entfernt. Von den 130 Plätzen sind noch 49 geblieben. Einnahmen gibt es im Prinzip keine, zumal jetzt Gutscheine eingelöst oder Karten von ausgefallenen Vorstellungen eingetauscht werden. „Wir können den Preis ja nicht verdreifachen“, gibt Geschäftsführerin Ulrike Löhr zu bedenken. Wenn sich die Situation ab September nicht ändert, sei es „ein betriebswirtschaftliches Desaster“, bilanziert sie. Aber: „Wir wollen spielen“, betont Ulrike Löhr. Als Teil der Magdeburger Kultur und „für unsere Magdeburger.“

Für den reibungslosen Ablauf wurde ein fünfseitiges Hygienekonzept er- sowie Desinfektions-Spender aufgestellt, Mund-Nase-Schutz bereitgehalten. Aber auch hier brachten alle Besucher ihre eigenen mit. Getragen werden die Verhüllungsstoffe immer dann, wenn der Mindestabstand von 1,50 Metern unterschritten werden könnte, beim Gang zur Toi-lette z. B. Während der Veranstaltung nicht. Für den Schutz von der Bühne sorgen Klarsicht-Visiere bei den Kabarettisten. Auf sonst übliche Gänge zwischen den Gästeplätzen wird diesmal verzichtet.

Der Wunsch nach gemeinsamem Erleben ist groß, resümiert Ulrike Löhr nach dem Start. Das Publikum zeigte sich gut gelaunt, die Stimmung während der Vorstellung hervorragend.
Der erste Schritt ist gemacht. In eine neue Normalität? Das wird sich zeigen.

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