Samstag, Mai 21, 2022
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Theater auf neuen Wegen

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Zwei ungewöhnliche Inszenierungen ergänzen ab sofort das Programm des Theaters Magdeburg. Eine führt von der Geschichte in die Gegenwart und über das Gelände des einstigen SKET, die andere ins Museum.

Ist es dasselbe: arbeiten und sein? Christoph Förster vom Theater Magdeburg führt stimmlich durch die Stadtraumsinszenierung. Er fragt sich, ob er Schauspieler ist oder als Schauspieler arbeitet. Eine Frage, die auf viele Berufe übertragen werden kann. Arbeit nimmt einen Großteil des Lebens ein. Wie stark sind wir damit verbunden, wie war das früher und wie ist es heute? Auf Spurensuche begibt sich die Inszenierung „In Arbeit“, die nicht auf der Theaterbühne stattfindet, sondern dort, wo ein Großteil Magdeburger Arbeit stattfand: Auf dem Gelände des größten Kombinats der Region. 30.000 Menschen arbeiteten bis zur Wende im SKET, dem Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. 60 Fabriken gehörten dazu. Heute zeugen nur noch einige bauliche Zeitzeugen davon. Wo große Hallen standen, hat die Natur ihr Revier zurückerobert, überzieht Wiesengrün das Gelände. Andere werden oder sind bereits saniert und neu genutzt.

Nach dem Erfolg von UTOP 89 kehrt das Team Willems&Kiderlen mit „In Arbeit“ nach Magdeburg zurück. Diesmal spüren sie der Ingenieurskunst nach in der (früheren) Stadt des Schwermaschinenbaus. Fern von historischem Vortrag wird beim inszenierten „Spaziergang“ sehr persönlich erzählt, kommen Menschen zu Wort, die hier gearbeitet haben, deren Leben mit dem SKET verbunden war. Einige sind bei der Inszenierung zu hören (über Kopfhörer) oder sogar zu erleben wie Wolfgang Post, der 30 Jahre als Ingenieur im Unternehmen tätig war. Bei ihm im Technikmuseum startet und endet der Rundgang, dazwischen liegt eine Fahrt zum Werk 13, wo es über alte Treppen und unebenes Gelände geht, vorbei an Stahlkonstruktionen, die die einstigen Hallengrößen erahnen lassen. Gleichsam entsteht Neues, werden Innovationen Realität. Nebenbei unterhalten Episoden vom Filmdreh und von Thälmanns kleinem „Hinterteil“.
Wer die Stadtrauminszenierung erleben möchte, sollte an festes Schuhwerk und wetterangepasste Kleidung denken. Der Gang ist nicht barrierefrei.

Installation und Provokation
Schauplatz der zweiten Inszenierung ist das Magdeburger Kunstmuseum. Im Kontrast zum beschaulich verheißenden Ort bietet der Titel eine Provokation:  „NippleJesus“. Nick Hornby, einer der bekanntesten Autoren britischer Popkultur, setzt sich in seinem Text auf unprätentiöse Weise mit dem Verhältnis von Kunst, Religion und Provokation auseinander: Wie weit darf die Kunst gehen, wenn sie sakrale Motive zitiert? Ist eine kalkulierte Provokation nur ein billiger Trick für mehr Öffentlichkeit oder lässt sie tatsächlich gesellschaftliche Diskurse entstehen?

Es ist die Geschichte eines Türstehers, der schließlich einen Job in einem Kunstmuseum vermittelt bekommt. Der Mann mit der harten Schale und dem weichen Kern hat mit diesem Milieu nichts am Hut; zuletzt war er als Schulkind in einem Museum gewesen und dabei erwischt worden, wie er antike Mosaiksteinchen mitgehen lassen wollte. Doch mit Kunst muss er sich nicht auskennen, nur aufpassen soll er, und zwar auf ein ganz besonderes Ausstellungsstück. Dieses offenbart eine kontroverse Ästhetik, die schon am Eröffnungstag für Tumulte sorgt – denn was von Weitem aussieht wie eine Nahaufnahme des am Kreuz sterbenden Jesus Christus, ist bei näherer Betrachtung ein Fotomosaik, komponiert aus weiblichen Brustwarzen. Ein Skandal für religiöse und kunstkritische Tugendwächter, die mit Vandalismus drohen …

Anton Kurt Krause, Regisseur mit Interesse für interdisziplinäre Formen zwischen Installation und Interaktion, sucht mit „NippleJesus“ die lustvolle Begegnung zwischen Darsteller und Publikum. Den unterhaltsamen Abend bestreitet Michael Ruchter, der dem hiesigen Publikum u. a. aus der Kultserie „Olvenstedt probiert’s“ bekannt ist.

Passenderweise kann das Publikum diesen humorvollen wie diskussionswürdigen Monolog in den Galerieräumen des Kunstmuseums Kloster Unser Lieben Frauen erleben. (ab)

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