Dienstag, November 29, 2022

Theater, muss das sein, oder “Zeit für Muse”?

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Manche werden sich vielleicht an die Kampagne erinnern, als es noch hieß: „Theater muss sein!“ und zwar mit Ausrufungszeichen. In Zeiten von Pandemie und Energiekrise formuliert sich die Aussage hin zur Frage. Allerorten werden sogar Nachhaltigkeitspreise ausgerufen. Soviel Energie wie derzeit für das Ausloben, Abrechnen, Ablehnen, Umformulieren von Förderanträgen aufgebracht wird, wieviel Kraft bleibt da noch fürs Theater machen, fragt man sich.

Überhaupt, was geht ab auf den Brettern, die einst die Welt bedeuteten? Kommt noch jemand, der Geld dafür bezahlt, dass ihm jemand „was vormacht?“ Die ganze Welt ist Bühne, wusste schon Shakespeare. Der Satz stammt aus „Was Ihr wollt“ Akt 2, Szene 7: „Die ganze Welt ist eine Bühne und Frauen wie Männer, nichts als Spieler. Sie treten auf und gehen ab, danach“. Es gibt aber nicht nur Frauen und Männer, haben wir inzwischen gelernt. Nun, und wenn die ganze Welt Bühne ist, brauchen Menschen dann diesen Musenort „Theater“ überhaupt?

Wenn man in diesen Tagen über den Magdeburger Werder schlendert, finden sich auf jede der Fragen uneindeutige Antworten und die Protagonisten des kleinen Salontheaters Ines Lacroix und Matthias Engel versuchen ihrem eigenen Dasein eine Berechtigung abzutrotzen. Ob es ihnen gelingt, werden die nächsten Monate zeigen.

Anders als früher ist der Werder zu den Veranstaltungszeiten nicht mehr zu geparkt. Des einen Freud, ist des anderen Leid, könnte man meinen. Nein, die Angler, wie sie von den meisten liebevoll genannt werden, angelten sich 22 Jahre ein Publikum, dass oft nicht genug Sitzplätze für alle bereitgehalten werden konnten. Nach der staatlich angeordneten Kunstpause hat sich diese Lücke nie wieder richtig schließen lassen, ist das Theater nur zu dreiviertel ausgelastet. Aber der Ort, Zollstrasse 19, wäre nicht der Ort, wenn er nicht und zwar schon seit dem 18. Jahrhundert, auf Künstler wie Zuschauer, wie ein genius loci wirkt. Hier trafen schon damals eigenwillige Vertreter aller Künste aufeinander, um vor allem sich, aber auch dem geneigten Zuschauer, ihre neusten Werke vorzustellen und sie zu befeiern. 

Das Konzept ist also nicht neu. Heute steht auf dem Theaterhof der Angler ein Lehmbackofen und nach der Vorstellung kann man sich eine Stulle warmen Brotes für den Nachhauseweg schneiden, mit dem Platznachbar sich über das gesehene Theaterstück austauschen. Wenn die Nacht noch nicht zum Schlafen angetan ist, geht man noch mal zurück in die Villa, um sich eine Platte aufzulegen, jemanden am Flügel zu zuhören, die Bilder an den Wänden zu betrachten, Videokünste in Brillen oder Apparaten zu sehen…

Immer schon fand das Theater von Lacroix und Engel nicht nur auf der Bühne statt. In „Jahre später, gleiche Zeit“, mit dem die Angler im letzten, ihrem Jubiläumsjahr für den Bleibtreu-Preis nominiert wurden und das pünktlich zum 9. November wieder auf dem Spielplan ist, lässt sich das sehr anschaulich miterleben. Mit dem nächsten Stück wird es malerisch im Theater, wenn es heißt: „Sag ja zur Kunst!“

Und neu, die Reihe „Zeit für Muse“. Hier trifft Theater auf Musik oder Malerei. Den Auftakt gibt am 11. November Maria Thomaschke mit ihrem tragisch komischen Chanson-Abend unter dem Titel: „So nah und doch so fern“, der gleichzeitig ihre Ausstellung „Malereien“ eröffnet. Als Sängerin und Schauspielerin seit Jahren dem Theater an der Angel verbunden, stellt sie im November und Dezember im Foyer ihre neuen malerischen Arbeiten  – Portraits, Landschaften, Theater und Phantastisches – aus. Die Verkaufsausstellung ist zu den Vorstellungen – jedoch Zutritt nur mit gültiger Karte – und dienstags von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

Ihr Theater halten die Angler im Dezember samt Hof und Garten, drinnen wie draußen, empfangsbereit, wenn es heißt: „Andersen kommt!“. Ein kleines Theater trotzt den energetischen Herbststürmen und den Folgen pandemischer Kulturentwöhnung mit Ideen. „Ohne Kultur wird’s still“ – so appellierten viele 2020 und 2021 und setzten Worte gegen kulturellen Stillstand. Doch Kultur-Dabeisein flaut weniger auf und Musen-Verweigerung ist Realität. Vorhang auf und Vorhang zu, bei der Kultur bleibt der Ausgang offen.

Karten unter: www.theater-an-der-angel.de

Text: Thomas Wischnewski, Seite 14, Kompakt Zeitung Nr. 219

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