Samstag, Mai 21, 2022
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Transliteration und Transkription

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Die Überschrift klingt ziemlich wissenschaftlich. Die meisten von uns werden sicherlich nie eine Transliteration oder Transkription vornehmen müssen. Aber nahezu täglich werden wir alle mit Produkten, Ergebnissen der Transliteration oder Transkription konfrontiert, nämlich wenn wir Zeitung lesen, Radio hören oder fernsehen. Immer wenn es um Nachrichten aus dem Ausland geht, und zwar um Nachrichten aus China, aus Russland, aus der arabischen Welt, aus Japan, Griechenland usw., also von dort, wo nicht mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben wird, dann kommt Transliteration oder Transkription für die Übertragung von Eigennamen ins Spiel. Die Ex-Bundeskanzlerin Frau Merkel hat mehrmals den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping getroffen, der Ministerpräsident von Japan ist gegenwärtig ein Herr Abe, und bezüglich Kasachstan wissen wir nicht, ob sich Qassym-Schomart Toqajew als Präsident an der Spitze des Staates halten kann. Wie, Sie haben den Namen dieses Präsidenten ganz anders als Untertitel in der Tagesschau gelesen? Ja, das glaube ich Ihnen gerne.

Versuchen wir es mit Aufklärung. Wir in Deutschland haben das auf lateinischen Buchstaben aufgebaute Alphabet mit 26 Buchstaben. Hat die chinesische Schrift überhaupt Buchstaben? Wenn Sie schon mal im Urlaub in Marokko waren, haben Sie da die Auto-Nummernschilder lesen können? Wenn es darauf ankommt, dann sind die Schriftzeichen einer nicht auf lateinischen Buchstaben basierten Schrift in einer solchen Weise umzuschreiben, dass wir hier in Deutschland in der Lage sind, im Ausland vorkommende Eigennamen von Personen, Städten oder Flüssen mit unserem Alphabet darzustellen und einigermaßen auszusprechen. Um das zu bewerkstelligen, bedient man sich der sogenannten Transliteration oder Transkription. ‚litera‘ oder ‚littera‘ ist im Lateinischen der ‚Buchstabe‘ (vergleiche im Deutschen das Wort ‚Literatur‘), ‚scribere‘ bedeutet ‚schreiben‘ (vergleiche ‚Manuskript = das mit der Hand Geschriebene‘). Die Silbe ‚trans‘ hat die Bedeutung ‚hinüber, über, um‘ (vergleiche: die NATO ist ein transatlantisches Bündnis, also ein Bündnis über den Atlantik hinweg).

Für uns als gelernte DDR-Bürger sind Translation und Transkription insofern von Interesse, da wir ja viele Jahre mit der russischen Sprache zu tun hatten. Und das russische Alphabet hat im Gegensatz zu unserem deutschen mehr Buchstaben, nämlich 33. Wie sollen nun diese 33 Buchstaben, die auch in Eigennamen vorkommen, mit unseren 26 geschrieben werden? Nach dem zweiten Weltkrieg ging bekanntlich die Orientierung Ostdeutschlands, ab Staatsgründung 1949 der DDR, hin zur Sowjetunion. Nicht nur politische, wirtschaftliche und administrative Beziehungen wurden aufgebaut, auch viel schöngeistige Literatur, sogar Märchen, wurden ins Deutsche übersetzt. Es entstand damit das Bedürfnis, eine verständliche und zumindest für den Ostteil Deutschlands einheitliche Umschrift für die russischen Buchstaben festzulegen. Der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Steinitz beschäftigte sich damit und erarbeitete eine Transkriptionstabelle, die dann auch 1950 durch das Ministerium für Volksbildung der DDR für verbindlich in Schulen und Behörden erklärt wurde. In DDR-Duden-Ausgaben können Sie diese Tabelle finden. Der Vorteil der Umschrift nach Steinitz ist, dass die damit geschriebenen Eigennamen einigermaßen lautgerecht durch uns Deutsche gesprochen werden können, selbst wenn man mit Russisch vorher nicht in Berührung gekommen ist. ‚einigermaßen‘ bedeutet, dass wir auch mit Hilfe dieser Umschrift nicht ganz exakt und nicht ganz lautgerecht russische Wörter nachsprechen können, weil mit russischen Buchstaben Laute abgebildet werden, die wir in unserer deutschen Sprache gar nicht haben.

Sehen wir uns einige für uns schwierige Punkte bei russischen Buchstaben und Lauten an. Es gibt da mehrere Zischlaute (im Deutschen wird ein Zischlaut in der Regel durch die Buchstabenkombination ‚sch‘ dargestellt): ж, ч, ш, щ. ‚ж‘ ist ein Zischlaut, den ich als ‚stimmhaft‘ bezeichnen würde; er entspricht von der Aussprache her dem zweiten ‚g‘ in unserem deutschen Wort ‚Garage‘. Bei Steinitz wird dies wiedergegeben durch ‚sh‘. Der Name eines sowjetischen Staats- und Parteichefs der 70er Jahre war Breshnew. Er besuchte auch die Bundesrepublik (war dort bekannt als Autonarr und soll, selbst am Steuer sitzend, einen Mercedes gegen eine Wand gefahren haben), aber in der BRD wurde sein Name in den Zeitungen und anderen Medien als ‚Breschnew‘ abgedruckt und nicht mit dem stimmhaften Zischlaut ausgesprochen. Die in Ostdeutschland verwendete Version ‚Breshnew‘ war also von der Aussprache her genauer und mehr der tatsächlichen russischen Lautung angepasst.
Der russische Buchstabe ‚щ‘ wird ‚schtsch‘ ausgesprochen. Dieser für uns etwas sperrige Zischlaut wird bei Steinitz zu ‚stsch‘. Wir finden den Buchstaben bei dem Vorgänger von Breshnew, nämlich beim Staatschef Chrustschow. So jedenfalls wurde sein Name in den DDR-Medien geschrieben, im Westen ‚Chruschtschow‘ oder gar ‚Khrushchev‘.

Mit der letztgenannten Variante von Schreibweisen kommen wir zu einem weiteren Problem der Umschrift. Nach 1990 kamen viele Umsiedler aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland; häufig waren es Nachfahren von Deutschen, die vor Hunderten von Jahren in Russland eingewandert waren und nun in die Heimat ihrer Urururgroßväter zurückkehrten. In Deutschland müssen sie natürlich neu bei den Behörden registriert werden. Da meldet sich bei einer Ausländerbehörde eine Familie Bekher. Vater und Mutter und auch die Kinder zeigen Personalpapiere vor, in denen mit lateinischen Buchstaben der Familienname ‚Bekher‘ steht. Sie beantragen jetzt den deutschen Ausweis. Eine einfache Sache für die Behörde. ‚Becker‘ oder ‚Bäcker‘, das sind doch kernige deutsche Namen. Aber, aber, liebe Amtsmitarbeiter, wir heißen doch ‚Becher‘, russisch ‚Бехер‘!

Ja, tatsächlich, die russischen Behörden verwenden für die Ausstellung von Reisepässen, d. h. also für Papiere, die im Ausland vorzuzeigen sind, eine eigene Umschrift der Eigennamen, die auf englischen und französischen Quellen basiert. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, Geschäftsbeziehungen zu russischen Partnern haben oder hatten und noch Visitenkarten zu Hause haben, dann sehen Sie sich bitte an, wie da die Namen geschrieben sind. Häufig werden Sie Mühe haben oder vielleicht gar nicht fähig sein, anhand dieser Schreibweisen die Namen verständlich auszusprechen. Oder gehen Sie auf den jüdischen Friedhof in Magdeburg. Sie können sich die Zunge brechen, wenn Sie manche der eingravierten Namen aussprechen wollen. Da hat Steinitz wirklich Vorteile geboten! Wenn Sie nun genaue Definitionen für die Begriffe Translation und Transkription erwarten, dann verweise ich Sie lieber auf Nachschlagewerke. In der Praxis der Umschrift herrscht eher ein Mischmasch von beiden. Ein Problem bei dem Umschreiben von Eigennamen ist, dass es in den wenigsten Fällen möglich ist, nach einer Umschrift die Originalschreibweise zu erkennen. Ich erlebte mehrmals, dass ehemals russische Bürger, die jetzt deutsche Personalpapiere besitzen, für bestimmte Zwecke die beglaubigte Übersetzung deutscher behördlicher Dokumente ins Russische zur Vorlage bei russischen Behörden benötigen, und für diese Übersetzung musste ich die richtige russische Schreibweise der Namen eben dieser Bürger erfragen.

Das Problem „Erkennen der Originalschreibweise“ ist in Fachkreisen bekannt. Transliteration soll ja die buchstabengetreue Übertragung sein. Deshalb hat die Internationale Organisation für Standardisierung, abgekürzt ISO, auch eine Umschrifttabelle ausgearbeitet. Unter ISO 9:1995 (E) finden Sie die Tabelle für die Transliteration der kyrillischen Buchstaben in lateinische Schriftzeichen. Mit Hilfe dieser empfohlenen lateinischen Schriftzeichen ist es tatsächlich möglich, die Transliteration zurück aus dem Deutschen zur Originalschreibweise, also beispielsweise russischer oder bulgarischer Personennamen, vorzunehmen. Jedoch sind die lateinischen Schriftzeichen nur bedingt als solche erkennbar, denn in vielen Fällen sind sie mit sogenannten diakritischen Zeichen versehen. Diakritische Zeichen werden direkt an, auf oder unter die lateinischen Buchstaben angefügt. Ein bekanntes diakritisches Zeichen, zwar in der französischen Sprache auftretend, ist das Cedille beim Buchstaben ‚c‘, das wie ein kleines Schwänzchen unten am Buchstaben ‚c‘ angehängt wird und dazu dient, dass das ‚c‘ vor den dunklen Vokalen ‚a‘, ‚o‘ oder ‚u‘ nicht wie ein ‚k‘, sondern als stimmloses ‚s‘ ausgesprochen wird: ça, français, façon, je reçois. Reich an diakritischen Zeichen ist auch die tschechische Schrift. Wenn Sie immer aufmerksam die Nachrichten im Fernsehen verfolgen, dann sehen Sie bei Namen vieler türkischer Politiker solche diakritischen Zeichen. Für die Translation der kyrillischen Buchstaben werden also viele Häkchen, umgekehrte Häkchen, Akut-, Grav- und Circonflex-Akzente genommen, so dass wirklich eine Rückführung auf die ursprüngliche Originalschreibweise möglich ist. Aber, wieder ein Aber, wir als normale Deutsche kennen solche diakritischen Zeichen nicht, diese Zeichen sind auch nicht auf einer herkömmlichen Schreibmaschine zu finden. Auf dem Computer sind sie als Sonderzeichen unter Word dargestellt. Für die Übersetzung von Urkunden aus slawischen Sprachen, also z. B. bei Geburts-, Heirats-, Scheidungsurkunden, ist vorgeschrieben, dass die ISO 9:1995 als für die Standesämter verbindliche Umschrift angewendet wird, um die Identifizierung einer Person zu gewährleisten und überprüfbar zu machen.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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