Samstag, Juni 25, 2022
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Traumberuf oder Berufsillusionen?

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Der Wandel der Arbeitswelt wird von einer gewaltigen Dynamik getragen. Wie findet man unter solchen Veränderungen einen Platz in der Zukunft? Und wovon wird die Suche beeinflusst? Ein paar Aspekte zur Berufsorientierung. | Von Thomas Wischnewski

Der Blick in die weitere Zukunft bleibt uns verstellt. Deshalb bleiben die Berufsorientierung für junge Menschen und die Impulse, die Eltern dazu gern setzen möchten, ein schwieriges Unterfangen. Jeder junge Mensch entwickelt Vorstellungen für seine Perspektiven. Die werden natürlich u. a. durch Vorbilder, verbreitete Klischees, Maßstäbe in Elternhäusern, aus sozialem Umfeld, Schule und Medien geprägt. Und obwohl bei einigen sehr konkrete Pläne für das Berufsleben entwickelt werden, hat die Vorstellungskraft oft wenig mit der späteren Erlebniswelt zu tun.

Nach wie vor beeinflusst das Milieu des Elternhauses stark die Berufswahl des Nachwuchses. Dies wird sich trotz häufiger politischer Losungen auch so schnell nicht ändern. Das soziale Umfeld, in dem Menschen aufwachsen, setzt Vertrautheitsaspekte, schenkt existenzielle Sicherheit, baut unbewusst Sympathien und Einstellungen auf. Leben Eltern dazu eine hohe Zufriedenheit mit ihren beruflichen Herausforderungen vor, verbindet sich dies mit kindlichen Zukunftswünschen. Daraus ist der Treibstoff, der die Auswahl beruflicher Perspektiven antreibt.

Ein anderer wichtiger Baustein für die Karriereplanung ist die Frage, welche Zukunftschancen eine Branche verspricht? Von Ausbildungen im Bereich Kohlebergbau werden junge Leute heute sicher Abstand nehmen. Sogar die vielfach politisch in der Kritik stehende klassische Industrie der Automobilproduktion verliert als Arbeitgeber an Strahlkraft. Derzeit sorgen dort hauptsächlich relativ hohe Einkommen und andere soziale Vorteile für eine Stabilität bei der Fachkräftegewinnung. Die IT-Branche ist tatsächlich ein Wachstumsbereich bei Arbeitsplätzen und in den Wertschöpfungsketten. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Beschäftigtenzahl von rund 500.000 bis heute auf fast eine Million verdoppelt (s. Grafik rechts). Es ist anzunehmen, dass dieser Trend anhalten wird, da die Nutzung digitaler Angebote und Dienstleistungen im Alltag weiter zunehmen wird.

Im Handwerk ist dagegen eine relative Stabilität an Beschäftigungsverhältnissen zu sehen. Schwieriger wird für Handwerksbetriebe offenbar nur die Suche nach geeigneten Auszubildenden. Manche Firmen können Ausbildungsplätze nicht mehr in ausreichendem Maße mit Schulabsolventen besetzen, um den eigenen Nachwuchs im Unternehmen heranzubilden. Ein Grund dafür kann die weitere Zunahme an studienberechtigten Abiturienten sein. Blickt man auf die nackten Zahlen, ist es allerdings ein Irrtum, dass es einen wachsenden Ansturm auf sozial-wissenschaftliche Fächer gibt. Die am stärksten besetzten Studienfächer sind aktuell auf Platz 1 die Betriebswirtschaftslehre (235.286; Stand Studienjahr 2018/19), mittlerweile gefolgt vom Bereich Informatik (121.200) und dann kommen juristische Gebiete (161.843). Auf Platz vier der Beliebtheitsskala rangieren Fächer rund um den Maschinenbau (109.445). Medizin (96.115), Wirtschaftswissenschaften (89.823), Psychologie (85.190) und Germanistik (72.601) folgen in der genannten Reihenfolge.

Andere, sogenannte weiche Faktoren beeinflussen Vorstellungen über eine berufliche Zukunft heute offenbar mehr. Man kann sie in solchen nebulösen Begriffen wie „Glück“, „Selbstverwirklichung“, „Flexibilität“ oder „Kreativität“ finden. Möglicherweise wird bei der Vermittlung von Perspektiven häufig vergessen, zu erwähnen, dass alle diese Aspekte des Lebens in jedem Beruf vorkommen. Glück findet man im Gelingen von Aufgabenstellungen, beim gemeinsamen Lösen, im Überwinden von Problemen. Selbstverwirklichung passiert quasi täglich, in der Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen. Und jeder hat mal mehr oder weniger Elan dazu. Flexibilität muss heute sicher in einem viel weiteren Maße begriffen werden, als dies beispielsweise Generationen bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts erlebten. Im Bereich des Zeitungsjournalismus gab es bis Anfang der 1990er Jahre noch viele getrennte Arbeitsbereiche, bevor eine Zeitung gedruckt werden konnte. Heute müssen Journalisten Schreiber, Fotografen, Layouter und Korrektoren in einer Person sein. Und natürlich geht die Aufgabenfülle auf die Kosten von inhaltlicher Qualität.

Wer sich einem überall stattfindenden Wandel neuer Arbeitsaufgaben und -abläufe stellt, wird in seinem Beruf kaum Langeweile oder monotone Abläufe finden. Vielleicht schafft die oft strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit auch manche falschen Sichtweisen auf das eigene Leben. So wenige Wochenarbeitsstunden, die heute im Durchschnitt in Deutschland geleistet werden, gab es zuvor noch in keiner Generation. Mit der Corona-Pandemie änderte sich plötzlich über Nacht die Einstellung von Unternehmen zur Heimarbeit bzw. auch Homeoffice genannt. Eine weitere Flexibilisierung solcher Möglichkeiten schafft für Familien Freiräume bei der Kinderbetreuung oder bei der Pflege von Angehörigen. Natürlich haben diese Dinge auch ihre Schattenseiten. Immer wird es Leute geben, die Freiräume für eigene Interessen nutzen und ihren Kollegen damit Erschwernisse schaffen oder dadurch Arbeiten liegenbleiben.

Der Blick in die Zukunft der Berufswelt ist schon deshalb mit einem Glaskugelblick zu vergleichen, weil der technische Wandel auf der Welt von einer noch gekannten Dynamik getragen wird. Glaubten vielleicht Wirtschaftsexperten und Politiker vor 20 Jahren noch, dass man diese Veränderungen steuern könnte, können solche Vorstellungen heute belächelt werden. Eine vernetzte Welt und der weitere Zuwachs neuer Nutzer in allen Regionen der Erde machen eine systemische Steuerung schier unmöglich. Dass einzelne Influencer heute vor einem Millionen-Publikum große Werbeeinnahmen generieren können, ist ein Ergebnis davon. Allerdings wird die Halbwertzeit solcher Karrieren vermutlich eher kürzer sein.

Das gewaltige Potenzial an Träumen, mit der wir Menschen ausgerüstet sind, beeinflusst natürlich die Wege, die eingeschlagen werden. Für Eltern und Lehrer, Menschen, die in der Berufsorientierung arbeiten, gilt es, das Maß zwischen Traum und Wirklichkeit zu finden. Manchmal ist die Sicht auf die positiven Seiten eines Berufs durch falsche Annahmen und Erwartungen verstellt und gar nicht durch die realen Bedingungen. Man kann sich solche falschen Erwartungen im Verlauf der Zeit noch verstärken. Dies kann schließlich zu Folgen wie psychische Erkrankungen führen.

In den Grundmechanismen funktioniert die Arbeitswelt doch nicht anders als der Rest vom Leben. Täglich gibt es neue Entdeckungen, manches fällt schwerer anderes leichter. Einiges lässt sich gar nicht lösen. Nicht alles kann man erreichen, nicht jeder Traum erfüllt sich usw. Unter diesen Umständen wachsen wir auf und gehen dann durchs ganze Leben. Die Selbstständigkeit, das Übernehmen von Verantwortung und bestimmte neue Fähigkeiten für eine Tätigkeit herauszubilden – das mögen neue Qualitäten sein, die Ausbildung, Studium und Beruf mit sich bringen. Auch das Zusammenwirken mit anderen bekommt eine neue Dimension als ein relativ stabiler Schulklassenverband.

Wenn jemand meint, dass Berufsleben hätte mehr Zwänge als Möglichkeiten, ist dies wohl eher eine Definitionsfrage für jeden selbst. Worauf es ankommt, ist das Sammeln von Informationen über die vielen beruflichen Perspektiven. Und dass man möglichst auch praktische Erfahrungen in einem Tätigkeitsgebiet sammelt. Wie das Umfeld auf Praktikanten ausstrahlt und welche Aufgaben ihnen aufgegeben werden, schenkt tiefere Einblicke in einen möglichen Beruf als die reinen Erzählungen über Vor- und Nachteile. Niemand kann aus der Suche nach seiner beruflichen Zukunft entlassen werden. Und wie man diese am Ende erlebt, hängt oft schon davon ab, wie man am Anfang in die Ausbildungszeit eingestiegen ist. Wer neugierig ist, hat mehr vom Leben und bestimmt auch mehr vom Beruf.

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