Freitag, Dezember 2, 2022

Tücken der E-Mobilität

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Im kompakt.salon, einer Diskussionsreihe im KOMPAKT Medienzentrum drehte sich beim letzten Themenabend mit den Gästen Thomas Pietsch (Geschäftsführer der Stadtwerke Magdeburg), Patrick Meinhardt (Bundesgeschäftsführer Taxi- und Mietwagenverband) und Torsten Schubert (Geschäftsführer Schubert Motors) alles um die Zukunft unserer Automobilität. (Foto von links)

Ich gebe zu, am Anfang war es der Reiz des Neuen, der mich vor zwei Jahre dazu trieb, ein Elektroauto anzuschaffen. Heute ist der Stromer aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch am Anfang musste ich meine Vorstellungen von grenzenloser Mobilität komplett umdenken. Während Zapfsäulen für Benzin und Diesel flächendeckend vorhanden sind, sind Ladesäulen für Batteriestrom Mangelware. Also plant man seine Fahrten nach dem Stromverbrauch und Erreichbarkeit von Ladesteckern. Gut, dass ich meinen Skoda Citigo zu Hause an einer normalen Steckdose anschließen kann. Dauert zwar länger als eine Wallbox, erfordert aber keine weiteren Umbaumaßnahmen am Haus. Während ich den spritzigen E-Flitzer als Berufspendler täglich nutze, muss ich bei weiteren Strecken dann doch auf den Diesel umsteigen. Ja, wir haben zwei Autos. Als Pendler, der auf dem platten Land wohnt und vom öffentlichen Nahverkehr fünf Kilometer abgeschnitten ist, zur Zeit nicht anders lösbar. Und von Magdeburg an die Ostsee ist es zu weit für das Elektroauto und das Abenteuer Aufladen an der Autobahn noch mit zu viel Tücken behaftet.

E-Auto fahren erfordert eben ein anderes Verhalten bei der Mobilität. Das findet auch SWM-Geschäftsführer Thomas Pietsch. „Der größte Feind der E-Mobilität sind unsere Gewohnheiten”, erklärte er beim kompakt.salon. Auch er nutzt für seine täglichen Fahrten auf den Kurzstrecken emissionsfreie Fahrzeuge. Die Langstrecken plant er sorgfältiger mit Verbrennern. Aber auch im Cityverkehr Magdeburgs muss man schon genau schauen, welche der von den Stadtwerken betriebenen 20 Ladesäulen gerade frei ist. Die Unterhaltung dieser sei unwirtschaftlich, so Pietsch. Da könne er gleich das Geld in der Elbe versenken. Die Kosten für die Abrechnungsmodalitäten sind immens teuer. Daher werden die SWM weniger in diese Säulen im Stadtgebiet investieren, sondern den Fokus auf die Netzinfrastruktur setzen. Unternehmen und Privathaushalte sollen besser vorbereitet und umgerüstet werden, um der künftigen E-Mobilität gewachsen zu sein.

Auf die Bemerkung vom Bundesgeschäftsführer des Taxi- und Mietwagenverbands Deutschland und Moderator des kompakt.salon, Patrick Meinhardt, dass die Europäische Union bis 2025 im Rahmen des Green Deals 13 Millionen emissionsfreie und emissionsarme Fahrzeuge auf die Straßen bringen will, die an einer Million Ladesäulen künftig ihren Fahrstrom tanken, können alle drei kompakt.salon-Akteure nur schmunzeln. Torsten Schubert bemerkt bei diesen Zahlen, dass aus deutscher Sicht schon eine Million E-Autos zum Jahresende letzten Jahres auf den Straßen rollen sollten. Die Vermischung mit E-Autos und Hybrid-Modellen ist nur Augenwischerei. Denn nach Schuberts Meinung sind diese Hybrid-Antriebe bei Pkws unwirtschaftlich und gehören auch nicht gefördert. Die Anzahl an reinen E-Autos wächst und verlangt auch eine Aufrüstung an Ladepunkten. So wird laut Torsten Schubert in den Häusern von Schubert Motors in Photovoltaik-Anlagen und Speicherkapazitäten investiert. Allerdings auch mit einem Umdenken bei den Fahrzeugnutzern. So sind Schnelllader mit bis zu 155 und sogar 200 kWh an auserwählten Standorten wie in Autobahnnähe sinnvoll, im innerstädtischen Bereich, wo die Fahrzeuge sowieso den ganzen Tag stehen, reiche auch der normale Ladestrom. Das entlastet die Netzinfrastruktur.

Knackpunkt bei der bisher existierenden Ladeinfrastrukur sind die unterschiedlichen Abrechnungssysteme. Es existieren zu viele Ladekartenanbieter mit unterschiedlichsten Tarifen, die sich mitunter ausschließen. Schubert ist es selber passiert, dass er nachts an einer Säule in Uelzen sein E-Auto nachladen wollte, dieses allerdings nur mit einer Ladekarte der hiesigen Uelzener Stadtwerke möglich ist. Auch mit der Installation der App war kein Laden möglich, weil die Zugangsdaten und die Freischaltung als Spam deklariert im E-Mail-Junk-Ordner landete. Ein Fall für die Betriebs-IT, die dann Sonntagnacht ausrücken musste, um dem Chef zu helfen. Unter diesen Umständen ist es Käufern schwer zu vermitteln, auf E-Autos umzusteigen. Bisher gibt es keine einheitlichen Systeme und die Umrüstung bestehender Terminals mit EC-Lesegeräten treibt die Kosten in die Höhe. Jeder Bezahlvorgang belaste die SWM mit 69 bis 71 Cent, so Pietsch. Ganz zu schweigen von den 1.200 bis 1.500 Euro Anschaffungskosten für ein Ladesäulenterminal. Hier sei jetzt die Politik gefordert, die die Rahmenbedingungen schaffen muss für die Vergabe eines einheitlichen Bezahlsystems.

Was weiter zum Thema „Elektromobilität – Kein Anschluss unter dieser Nummer”, zu Wasserstoffantrieben, emissionfreiem Schwerlastverkehr und Laden an der Straßenlaterne beim kompakt.salon erörtert wurde, gibt es bei YouTube unter Magdeburg Kompakt oder untenstehendem QR-Code zu sehen.

Ich für meinen Teil werde die Elektromobilität verstärkt nutzen – auch wenn ich Schweißperlen auf der Stirn habe, wenn die Autobatterie weniger Saft hat als meine Smartwatch – es verlangt halt ein Umdenken. Auch dazu, einmal mehr das Auto stehen zu lassen und alternative Fortbewegungsmittel zu finden.

von Ronald Floum

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