„Um Plastiken zu schaffen, gehen Erlebnisse voraus“

Am 19. Juni wurde in der Kirche St. Petri des kürzlich verstorbenen Bildhauers Heinrich Apel gedacht. Uwe Gellner, Sammlungskurator im Magdeburger Kunstmuseum, zeichnete Leben und Werk des Künstler nach.

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Wie immer in dieser Generation, vielleicht schon im Laufe der ers-ten Begegnung oder spätestens der zweiten, kommt die Zerstörung zur Sprache. Die Erinnerungen brechen sich Bahn. Von seinem Heimatort, dem ca. zehn Kilometer entfernten Schwaneberg aus und auf dem Weg in den Luftschutzbunker, kann Heinrich Apel das Bild des taghellen Himmels über dem bereits großflächig brennenden Magdeburg beobachten. Die Nacht des 16. Januar 1945, in der auch St. Petri schwer getroffen ausbrennt. Heinrich Apel ist ein ernsthafter Mensch. Seine Schilderung ist gewohnt knapp und die eigenen Emotionen gehen niemand etwas an, zumal sie nicht illustriert werden müssen. Damals ist er 15 Jahre alt. Der Krieg macht ihn zum Angehörigen der Generation, die sich angesichts der Zerstörungen vor eine historische Aufgabe gestellt sieht. Ihr Leben wird dem Wiederaufbau gelten.

Heinrich Apel hat einmal formuliert: „Um Plas-tiken zu schaffen, gehen Erlebnisse voraus“. 1989/90 modelliert der Bildhauer die „Vertreibung“. Er macht sie ohne Auftrag, wie so häufig. Sie besteht aus fünf einzelnen Teilen aus Bronze, die nebeneinander aufzureihen sind. In der Mitte hocken Adam und Eva mit offenem Mund beisammen, im Elend eigener Schuld, links flankiert vom bereits verdorrten Baum der Erkenntnis und rechts vom Erzengel Michael. Ganz außen links – klein – ein Stück Fels und ganz außen rechts – klein – eine Pflanze. Das Paradies stellen wir uns als einen Garten vor, allerdings kann dessen Fülle mit den Mitteln der Bildhauerei nur in Andeutungen zitiert werden. Vieles erinnert ikonografisch an ähnlich typisierte und oft variierte Formeln in mittelalterlichen Darstellungen, bei denen schon wenige Motive oder Fragmente einer Szene unserer Imagination auf die Sprünge helfen und sich in unseren Augen als Fülle zeigen. Heinrich Apel, der Bildhauer, ist ein Meister der Erzählung.

Mit Adam und Eva hatte es der Bildhauer bereits in jungen Jahren im Dom in Halberstadt zu tun bekommen, damals in Gestalt zweier Skulpturen des späten 15. Jahrhunderts. Diese monumentalen Figuren waren im 19. Jahrhundert entfernt worden, weil sie in ihrer einfältigen Nacktheit plötzlich anstößig sind, daraufhin hatte man sie durch zwei seelenlos glatte Neuinterpretationen ausgetauscht. Im Zuge der Reparaturen des kriegsbeschädigten Domes wird dieser Eingriff korrigiert und so gelangt 1970 das hier „ursprüngliche“ erste Menschenpaar wieder an seinen angestammten Platz in der Nordempore. Heinrich Apel hatte die beiden Skulpturen restauriert. Es gibt ein Foto, das den Bildhauer zwischen Adam und Eva stehend zeigt. Nach getaner Arbeit blickt er nicht selbstgewiss in die Kamera, sondern zur Seite, Stolz und Demut überlagern diesen Moment der Erinnerung.

Heinrich Apel hat in den Jahren 1953 bis 1959 in Halle, an die Burg Giebichenstein, Bildhauerei studiert, zuvor hatte er bereits eine Steinmetzlehre absolviert. Von seinem Lehrer in Halle, Gus-tav Weidanz, lernt er das innere Maß und die Formenstrenge der Moderne, von Karl Müller lernt er, den Materialien zur Kostbarkeit und den Formen zum Alltag zu verhelfen, von Waldemar Grzimek lernt er den experimentellen Umgang mit Ideen. Allen seinen Lehrern verdankt er den bewussten Rückverweis in die Kunstgeschichte, nicht bedeutend in der Kontinuität des19. Jahrhunderts, sondern in der sondierenden Bewertung ursprünglichen Ausdrucks, der sich weit mehr dem Spirituellen als der Kunst zuordnet.

Sein beruflicher Weg hatte sich für Heinrich Apel nicht ganz zufällig ergeben. Schon vor dem Studium hatte er am schwer von Bomben getroffenen Magdeburger Dom mitgearbeitet, seine jährlichen Praktika setzten dies fort und nach dem Studium in Halle, 1959, geht er fest nach Magdeburg zur Dombauhütte, weil die Kriegsschäden noch längst nicht beseitigt waren und ein Bildhauer dringend benötigt wurde. Der Leiter des Denkmalamtes von Sachsen-Anhalt, Halle, Hans Berger hatte ihn dazu bewogen. Heinrich Apel berichtet: „Ich erinnere mich beispielsweise an ein großes Loch von 18 m Höhe in der Westfassade. Da sind meine ersten Arbeiten drin. Es wurden Wasserspeier gebraucht, für die es keine historischen Vorlagen mehr gab. Nicht nur Magdeburg, sondern auch die Dome in Quedlinburg, Halberstadt, Stendal und auch Dorfkirchen waren mein Aufgabengebiet.“ Wir können ergänzen: Salzwedel, Naumburg, Hamersleben, Jerichow.

Hans Berger hatte den jungen Heinrich Apel bei der Restaurierung des Magdeburger Reiters kennengelernt, bei der er an der Seite von Fritz Maenicke in den 1960er Jahren mitarbeitet. Die vielen Jahre seiner Restaurierungstätigkeit bleiben für seine eigene künstlerische Handschrift nicht folgenlos. Heinrich Apel spricht davon, in den Dombauhütten und der Denkmalpflege zusätzliche „Lehrmeister“ gehabt zu haben, die das Studium in Halle nicht bieten konnte. Diese Tätigkeit erweitert die Vokabeln seiner Kunst und lässt ihn eigene künstlerische Lösungen zur Ergänzung vorschlagen, wo die Originale fehlen.

„Um Plastiken zu schaffen, gehen Erlebnisse voraus“. Woher stammt der innere Impuls, 1989/90 die „Vertreibung“ zu gestalten, diese Parabel des Hochmutes der Sünde und des Geworfenseins auf die eigene Existenz? Michael, die Flügel elegant aufgerichtet, schwebt über einer kleinen Wolke mit großem Schritt in die Szene ein. Längst hat der Erzengel das Übel mit der Linken am Kopf gefasst und ausgestreckt hinter sich gelassen. Das Schwert in der Rechten ist es an ihm, in Gut und Böse zu richten und so blickt er auf die Menschen. Der Bildhauer dieser Szene reicht uns eine Frage weiter: Was wird als nächstes passieren?

Jede eindeutige Interpretation des biblischen Stoffes wäre eine Unterforderung für jemanden, der darin geübt ist, die Dinge des Lebens in einem größeren kulturellen Zusammenhang zu reflektieren. Das Wesen der Kunst ist es nicht, das Leben auf eindeutige Antworten zu verkürzen, sondern seiner Unvorhersehbarkeit zu folgen und damit die Tür für individuelle Wege des Zugangs offen zu halten. Bei Heinrich Apel kommt diese Mehrdimensionalität aus einem feinen Gespür für die Wirkung von Bildern und Materialien, was in seiner bildhauerischen Arbeitsweise bereits früh ablesbar ist. In erster Linie aber rührt sie aus seiner Achtung vor der Kunstgeschichte. Hiermit meine ich nicht die stilistisch-ikonografischen Abhandlungen, welche unter der Rubrik „Kunstgeschichte“ Bibliotheken füllen, sondern seine Fähigkeit, sich am Original in den formbildenden Prozess seiner Vorgänger zu ganz verschiedenen Zeiten zu vertiefen und die Perspektive der zumeist unbekannten Meister solcher Werke einzunehmen, besonders wenn es dabei um die Zeit der Romanik und Gotik im mitteldeutschen Raum geht. Anders wie die meisten Restauratoren kann er historische Formen vergegenwärtigen und weiterdenken, anders wie die meisten Künstler bekennt er sich in seiner eigenen Bildhauerei zur regionalen Tradition.

In seinem reichen künstlerischen Werk, gerade in dieser Stadt, bleibt es eine interessante Frage, weshalb bei Heinrich Apel das typische Pathos der politischen Stoffe fehlt und damit der in der Bildhauerei so schnell zur Hand gehende Grundverdacht von politischer Vereinnahmung und Auftragskunst? Trotz des verbrieften Hochschulabschlusses hatte Heinrich Apel noch in den ganzen 1960er Jahren keinen staatlichen Auftrag. Das ist untypisch. Die Konstante seines Werkes liegt in der präzise austarierten Wechselbeziehung von formaler Freiheit und formaler Strenge. Darüber hinaus mit der Geschichte verbündet, entstand sein Werk frei und poetisch leicht, immer sofort erkennbar und deshalb auch so beliebt. Das sicherte ihm frühe Anerkennung. Er nimmt dem Material, ob Stein oder Bronze die gewohnte Schwere, indem er es mit Geschichten überschreibt, Geschichten, die eine Stadt braucht, der die eigenen Bilder verloren gingen. Und seiner Bildhauerkunst fehlt die Scheu, von Alltagsfunktionen überschrieben zu werden, er gestaltet gern kirchliche Ausstattungsgegenstände und mit besonderer Vorliebe Türklinken, Poesie zum Anfassen. Ist das eine Nische, ein kluges Ablenkungsmanöver? Wenn dem so wäre, dann hat es funktioniert, weil es von einem hohen künstlerischen Ethos getragen wird.
Dennoch, die Signale des Umbruchs 1989/90 scheinen den Bildhauer Heinrich Apel verunsichert zu haben. Schon einmal hatte er den historischen Bruch erlebt und sein umfangreiches Werk steckte plötzlich in einer Ära der Vergangenheit. Unverkennbar bedeutet die Öffnung, dass schon bald neue Maßstäbe in der Kunst gesetzt würden, eine Kunst, die ihm zu großen Teilen fremd ist.

Heinrich Apel sucht nach verbleibenden Gewissheiten. Er wendet sich an den Denkmalpfleger Hans Berger und dieser äußert sich 1991, kurz vor seinem Tod, resümierend für beide: „Uns Neuanfängern nach dem Kriege war auf Grund der gegebenen Situation der Weg eigentlich vorgezeichnet: Ohne gestalterische Eingriffe war die Wiederherstellung der kriegszerstörten Baudenkmale kaum durchführbar. Dass wir dabei in dir einen Partner gefunden haben, der, wie wenige nur, sich einzufügen verstand, seinen Werken aber dennoch starken heutigen Ausdruck zu geben vermochte, das erscheint mir im Rückblick als ein Glücksumstand für uns und unsere Pfleglinge. Wie weit das gelungen ist, werden sicher erst unsere Nachfahren endgültig beurteilen. Und sie werden sich dann auch mit deinen Arbeiten auseinandersetzen müssen, die zu einem festen Bestandteil der Architektur geworden sind, wie die Wasserspeier am Dom, die Gewölbekonsolen im Kreuzgang von Jerichow usf., oder die zur Ausstattung zugehören, wie die Handläufe der Ostchortreppen im Naumburger Dom, die Portaltüren von Liebfrauen oder das Tabernakel in St. Petri.“ (Nachsatz: Bei dem es nach 1991 nicht geblieben ist.)

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