Mittwoch, Juli 6, 2022
Anzeige

Und so schließt sich der Kreis …

Anzeige

Folge uns

In drei Akte haben die Verantwortlichen des Puppentheaters Magdeburg das 13. Internationale Figuren Theater Festival BLICKWECHSEL aufgeteilt – pandemiebedingt. Im November ’21 und März ’22 gingen die ersten beiden Episoden über die Bühne. Nun folgt vom 22. bis 25. Juni das große Finale, auch für den Künstlerischen Leiter, Frank Bernhardt …

Kompakt Zeitung: Herr Bernhardt, zweimal mussten Sie das Internationale Figuren Theater Festival absagen, beim dritten Anlauf hüllten Sie BLICKWECHSEL in ein verändertes Gewand. Wie sehen Sie diese Entscheidung nach den ersten beiden Akten?
Frank Bernhardt: Zunächst war ich sehr unglücklich darüber, das Festival zweimal absagen zu müssen. Aufzugeben und den Kopf in den Sand zu stecken war jedoch nie eine Option. Deswegen musste ein abgewandeltes Konzept her – um flexibler auf mögliche Corona-Verordnungen reagieren zu können und um unseren Partnern, die nach den Lockdowns ebenfalls etliches nachzuholen hatten, ein besseres zeitliches Konstrukt anbieten zu können. Trotz der Widrigkeiten ist es uns gelungen, ein großes Spektrum vom klassischen Objekttheater bis hin zum zeitgenössischen Puppen- und Figurentheater zu zeigen. Und die anfängliche Trauer, nicht das volle Programm in einer Woche konzentrieren zu können, hat sich in Luft aufgelöst.

Es gibt also keinen Wermutstropfen?
Doch, den gibt es, denn von den 32 ursprünglich ausgesuchten Theatern sind nur 20 übriggeblieben – bedingt durch deren volle Terminkalender. Das hat der Qualität des BLICKWECHSEL-Festivals jedoch keinen Abbruch getan. (kurze Pause, dann holt Frank Bernhardt tief Luft) Dies hat zwar nichts mit den pandemiebedingten Auswirkungen zu tun, doch ein weiterer Wermutstropfen für mich ist, dass dies mein letztes Festival als Künstlerischer Leiter sein wird.

… da Sie sich mit dem Ende dieser Spielzeit in den Ruhestand verabschieden.
Ich nenne es gern: Adieu Theateralltag, willkommen Freiberuflichkeit!

Macht dies das 13. Internationale Figuren Theater Festival aus diesem Grund zu etwas Besonderem?
Für mich persönlich mit Sicherheit. Aber ansonsten ist es eine ebenso besondere Veranstaltung wie alle Festivals, die ich seit 1995 gestalten durfte, mitsamt deren Eröffnungen im Klosterbergegarten, im Engpass, im Schiffshebewerk, im Wissenschaftshafen oder am Salbker See. Passend zu diesem Thema läuft BLICKWECHSEL diesmal unter dem Titel „Beste Freunde“. Und es sind zahlreiche Ensembles dabei, die ich bereits seit 20, 30 Jahren kenne. Eben Freunde, die viel für die Entwicklung unseres Genres getan haben, so wie beispielsweise Agnès Limbos, die Königin des Objekttheaters. Gemeinsam mit Thierry Hellin wird sie das Stück „Axe“ zeigen, das man als absurdes Theater mit ironischem und erschreckend aktuellem Blick auf das Zeitgeschehen beschreiben kann, destilliert in den Salon eines dekadenten Ehepaars, dessen ritualisierter Alltag auseinanderbricht.

Was erwartet die Gäste noch beim dritten Akt des BLICKWECHSEL-Festivals?
Das Finale lässt sich am besten mit „Viel für das Herz“ überschreiben. So wird die israelische Performancekünstlerin Moran Duvshani Herzen zum Erklingen bringen. An fünf Tagen für jeweils sieben Stunden können sich die Besucher anmelden – doch am Ende ist „Cardiophone“ sehr individuell, da alle zehn Minuten jeweils eine Zuschauerin oder ein Zuschauer durch drei Stationen geführt wird. Die Herzfrequenz wird gemessen, die Kurve aufgezeichnet und ausgedruckt. Anschließend wird daraus ein Lochstreifen gestanzt und dieser durch eine Spieluhr gezogen. So kann sich jede Person auf eine musikalische Reise ins eigene Innere begeben. Am Samstag vereint Organist Jihoon Song diese individuellen Herz-Melodien zu einem Orgelkonzert, das auch in der Buckauer Kirche St. Gertrauden gespielt wird.

Zahlreiche Veranstaltungen finden beim dritten Akt außerhalb des Puppentheaters statt. Welche Orte werden neben der Kirche bespielt?
Vor allem beide Bühnen des Schauspielhauses sowie der Moritzhof. Lediglich ein Late-Night-Programm mit Live-Musik und Puppen-Comedy wird es vom 22. bis 24. Juni im Garten und auf der kleinen Bühne des Puppentheaters geben.

Welches sind Ihre persönlichen Höhepunkte?
Da ich alle Inszenierungen kenne, denn nur solche lade ich ein, ist es mir unmöglich, nur eine zu benennen. Neben Moran Duvshani mit „Cardiophone“ möchte ich das französische Vélo Théâtre erwähnen – inspirierende Weggefährten unseres Puppentheaters. Die Spieler nehmen das Publikum mit auf eine faszinierende Entdeckungsreise durch eine Raumbühne auf der Suche nach dem Glück, das sich in den kleinen Dingen verbirgt. Auch „Axe“, wovon ich bereits sprach, ist für mich ein Highlight. Ebenso „La conquête“ von La compagnie à – in dem Stück geht es um das Thema Kolonialisierung – oder „L’enfant“ des Théâtre de l’Entrouvert.

Es fällt Ihnen merklich schwer, sich auf ein, zwei Stücke festzulegen.
Ja! Weil wir Gastgeber für wundervolle Künstlerinnen und Künstler sein dürfen, die interessante Themen und großartige Inszenierungen mit nach Magdeburg bringen. Wie etwa Bodil Alling von der dänischen Teatret Gruppe 38 oder die niederländische Gruppe Hotel Modern. Letztere gastierte bereits zum Festival 2005 in Magdeburg und machte damals die Unvorstellbarkeit des Ersten Weltkriegs in einer unvergesslichen Inszenierung erlebbar. Seitdem habe ich immer wieder versucht, sie erneut hierher zu holen und nun darf ich sie auch bei meinem persönlichen Finale erleben. Das berührt mich zutiefst. „Kamp“ ist ein sehr bewegendes Stück. In der zwölf mal zehn Meter maßstabsgerechten Miniaturnachbildung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau agieren die drei Spielerinnen und Spieler wie Kriegsreporter und machen Vergangenes gegenwärtig. Dreitausend fingergroße Figuren, eine spezielle Soundcollage und Fingerkameras lassen die Zuschauer eintauchen in den Alltag dieser Todesfabrik, der auf große Leinwände projiziert, dem individuell Erlebten und Erlittenen erschreckende und zugleich tief berührende Allgemeingültigkeit verleiht.

Sie muten Ihrem Publikum zum Abschied schwere Kost zu …
Das betrachte ich als eine unserer Aufgaben. Man muss Mut zu Neuem beweisen, muss sich reiben können und Diskussionen anregen, ohne mutwillig zu provozieren. Wir wollen die Menschen aus der Reserve locken und Punkte setzen, die das Verständnis für unser Genre und gleichzeitig auch das eigene künstlerische Profil erweitern. Und das, so denke ich, ist uns in der Vergangenheit oft gelungen. Schwere Kost ist dabei wichtig und hilfreich – hilfreicher als seichte Themen, die schnell in Vergessenheit geraten.

Und womit werden Sie das Publikum beim dritten BLICKWECHSEL-Akt verabschieden?
Mit „Ramkoers“, einem völlig absurden, tief berührenden Konzert des niederländischen Musiktheaters BOT. Die Songs sind zart und rau zugleich – bedingt durch die großartigen Texte und die eigenwilligen Instrumente, die von klagenden Fallrohren über tief tönende rostige Ölfässer bis hin zu klappernden Eisenbeschlägen reichen. Damit setzen wir einen knackigen Schlusspunkt.
Fragen: Tina Heinz

Das Programm des 13. Internationalen Figuren Theater Festivals BLICKWECHSEL sowie Tickets zu den einzelnen Veranstaltungen gibt es unter www.puppentheater-magdeburg.de/blickwechsel

WEITERE
Magdeburg
Mäßig bewölkt
21.7 ° C
21.7 °
19.4 °
39 %
1.8kmh
45 %
Mi
21 °
Do
18 °
Fr
21 °
Sa
23 °
So
18 °

E-Paper