Montag, September 26, 2022
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„Unser Theater ist kein Aquarium“

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Vieles wird sich ändern am Theater Magdeburg, einiges auch bleiben, unter der Regie des neuen Generalintendanten Julien Chavaz. Seit Juli wohnt der Schweizer, der gerade seinen 40. Geburtstag feierte, in der Landeshauptstadt. Für KOMPAKT traf sich Birgit Ahlert mit ihm im Schauspielhaus zu einem lockeren Sommergespräch.

KOMPAKT: Herr Chavaz, fühlen Sie sich bereits in Magdeburg angekommen? Haben Sie schon schöne Plätze für sich entdeckt?

Julien Chavaz: Mir gefällt, wie viel Platz es in der Stadt gibt. Diese Weite auf den Straßen kenne ich als Schweizer von zu Hause nicht, dort ist alles eng bebaut. Ich habe eine Wohnung in der Nähe vom Hasselbachplatz gefunden, da gefällt es mir sehr gut.

Wie verbringen Sie derzeit Ihre Tage, vor dem Beginn der Spielzeit?

Ich habe zwei Gänge in meinem Motor: Proben und Büro. Meine erste eigene Produktion findet zwar erst im Januar statt, dafür proben wir erst ab November. Aber ich besuche andere Proben. Es gibt viele Sitzungen, viele Treffen, viele Gespräche. Das Theater ist ein großer Betrieb mit vielen Aktivitäten und ich versuche so viel wie möglich davon mitzubekommen. Mitte August ist noch relative Ruhe, ab September geht es dann richtig los. Das Theater ist eine Maschine, die nie aufhört. Nicht wie ein Auto, das man irgendwo parkt. Es gibt immer Bewegung. Jeden Tag wird geprobt, jeden Tag kommuniziert, dem gilt meine ganze Aufmerksamkeit. Jetzt nutze ich die Zeit, um mit den Leuten zu plaudern, damit wir uns kennenlernen. Ich möchte das Barometer des Hauses spüren – wie sich die Akteure fühlen, welche Auswirkungen unsere Reform hat.

Wie ist Ihr Tagesablauf, wann beginnt er?

Es ist am Theater eher eine Ausnahme, aber ich bin ein Frühaufsteher. Das gehört seit langem zu meinem Rhythmus. Als Student habe ich auf dem Bau gearbeitet. Früh in die Arbeit zu gehen, fand ich für meinen Körperrhythmus immer toll. Das mache ich auch am Theater so. Bevor der Betrieb zwischen 9 und 10 beginnt, schätze ich die ruhige Phase sehr. Da habe ich Zeit für mich, für meine Überlegungen, sei es künstlerisch oder für die Organisation des Theaters. Früh anzufangen ist auch hier fast eine Überlebensstrategie.

Sie übernehmen als Generalintendant jetzt die Nachfolge von Frau Stone, wurden bereits ein Jahr zuvor benannt. Wie haben Sie das Theater Magdeburg als neue Wirkungsstätte kennengelernt?

Es war von Beginn an eine sehr spannende und intensive Zeit. Als designierter Intendant braucht man eine Vorlaufzeit. Die damalige Arbeit als Intendant der Neuen Oper Freiburg in der Schweiz musste ich fortführen und gleichzeitig die Zukunft vorbereiten, die Spartenleitungen finden, neue Kampagnen vorbereiten. Die 18 Monate sind dafür nicht zu viel. In der Oper braucht man bis zu zwei Jahre Vorbereitungszeit, für Stückauswahl, dramaturgische Ansätze, Regie, Dirigentenauswahl… Im Schauspiel sind es 12 Monate für die Vorbereitung der 13 Premieren, die wir in den Spielplan aufgenommen haben. Ich bin glücklich, dass ich die neue Mannschaft ziemlich schnell bilden konnte. Dabei hatte ich aber auch sehr gute Unterstützung, sowohl von Seiten der Politik als auch von der Verwaltung, insbesondere Verwaltungsdirektorin Bettina Pesch. Es war ein intensives, aber reibungsloses Verfahren.

Wie sind Sie zum neuen Team gekommen? Wie haben Sie entschieden, wer bleibt und was verändert wird?

Als ich angefangen habe, waren wir inmitten der Corona-Zeit, das hat das Ganze nicht vereinfacht. Ich habe mir so viele Produktionen wie möglich angeschaut und viele Gespräche geführt. Sowohl im Haus als auch außerhalb. Letztlich ist es wie ein Schachspiel: Man muss sich strategisch orientieren, mit wem möchte ich arbeiten, wer hat Lust, wer passt zum Konzept? Und dann ist es eine Sache des Gleichgewichts. Ein Mehrsparten-Theater soll ein Profil bieten, das sich aus mehreren Handschriften zusammenbaut. Es ist keine One-Man-Band, sondern soll möglichst viele Facetten bieten. Also habe ich Leute gesucht, die anders denken als ich, die das Repertoire ergänzen, andere Mittel verwenden. Andererseits ist es wie beim Mannschaftssport: Homogenität ist wichtig, ein gemeinsamer Spirit für ein zukunftstaugliches Theater.

Schauspiel- und Ballettdirektion sind neu besetzt, wie kam es zur neuen Theaterleitung?

Im Jahr sehe ich mir 100 bis 150 Produktionen an, landesweit wie international. Ich interessiere mich für Musiktheater, für Schauspiel und Tanz. Und so kommt man in Kontakt mit vielen Leuten, man redet, es wird auf Namen hingewiesen, man schaut, was alles produziert wurde, sucht nach Referenzen. Es folgen Gespräche, um herauszufinden, ob man zusammenpasst – und plötzlich merkt man, wenn’s funktioniert. Das Findungsverfahren ist mehr menschlich als technisch. Wie bei einer Familie.

Einige Ensemblemitglieder konnten bleiben, wonach haben Sie ausgewählt?

Alle Spartenleitungen waren frei in ihren Entscheidungen. Ziel war es, die Leute zu behalten, die zum neuen Konzept passen. Alle haben die Chance bekommen, sich vorzustellen – mit Vorsingen, Vorsprechen, Vortanzen. Ich finde das Ergebnis sehr gelungen und freue mich sehr auf das neue Ensemble, zu dem amtierende und neue Mitwirkende gehören. Theater war immer ein mobiles Projekt und die Mobilität muss erhalten werden.

In Magdeburg gab es einen Aufschrei der Ballettfreunde, weil der Vertrag mit dem mehrfach ausgezeichneten Gonzalo Galguera nicht verlängert wurde. Sie haben sich für einen anderen Ballettdirektor entschieden …

Diese Entscheidung ist im Einklang mit meinem Wunsch, das Theater neu aufzustellen. Die Berufung von Jörg Mannes ist eine große Chance für Magdeburg. Er hat das Ballett in Hannover fast 15 Jahre hervorragend geleitet. Seine Arbeit als Choreograph ist unglaublich spannend, sein Stil, verschiedene Tanzarten für die Zukunft zu konzeptionieren. Dazu kommt der Wille von Jörg Mannes und seinem Team, wichtige internationale Künstler einzuladen. Wir werden ihn in Magdeburg nicht nur als Choreographen erleben dürfen, sondern auch als künstlerischen Leiter mit internationalen Gästen, die hier inszenieren werden. Das ist eine Chance für das Ensemble, das Theater und damit auch für unser Publikum.

Hatten Sie überhaupt in Betracht gezogen, den bisherigen Ballettdirektor zu behalten?

Natürlich stand das zur Debatte. Ich bin völlig ohne Vorentscheidungen nach Magdeburg gekommen. Ich bin auch nicht mit meinem Team aus der Schweiz gekommen. Wichtig war mir Platz für neue Ideen. Dann habe ich viele Gespräche geführt und nach langen Verfahren entschieden.

Vom Corps de Ballet, so sagten Sie bei der Spielzeitpräsentation, bleibt ein Drittel. Es kommen also neue Tänzerinnen und Tänzer?

Ein Theater wie das Magdeburger arbeitet mit internationalen Künstlern. Für Oper, Musiktheater und Tanz wurde international gesucht. Besonders für die Tanzsparten gibt es international eine große Konkurrenz. Wir erhielten überaus viele Bewerbungen von sehr jungen, sehr motivierten Menschen. Entschieden hat letztlich unser Ballettdirektor.

Sie haben eine Vita mit Internationalität – wird Magdeburg mit dem Theater internationaler?

Es ist nicht nur meine Intention, es gibt ebenso den Willen der Stadt, sich zu internationalisieren. Als ich mich für die Intendanz beworben habe, lief gerade die Ausschreibung für den Titel Kulturhauptstadt. In diesem Zusammenhang ging es darum, dass die Stadt mehr Internationalität möchte. Wir als Theater können zu einer internationalen Zukunftsprägung beitragen. Es ist jedoch mehr eine Entwicklung als eine Revolution. Das Theater war auf diesem Gebiet bereits gut positioniert, und ich denke, darauf können wir gut aufbauen. Es kommen Ensemblemitglieder von überall, Sänger und Sängerinnen von allen Ecken der Welt. Die Bewegung ist im Gange.

Sie haben angekündigt, auch Orte außerhalb des Theaters bespielen zu wollen. Haben Sie bereits konkrete im Blick?

Konkrete Projekte werden eher in der zweiten Spielzeit stattfinden. Zunächst gilt meine Beachtung den eigenen Spielstätten. Dazu soll auch die Spielstättenhierarchie verringert werden. Das heißt: Projekte vom Schauspiel auf der Opernbühne und Tanz- und Opernaufführungen am Schauspielhaus. Für mich ist Theater eine Gesamtheit und da kann spartenübergreifend überall alles stattfinden. Aber Theater ist nicht nur ein Ort, an dem uns die Leute besuchen, um uns wie in einem Aquarium anzuschauen und wir bleiben in diesem Aquarium. Theater ist ein mobiles Projekt, das wollen wir zeigen. Aus den eigenen Häusern hinaus gehen wir zur Eröffnung der Spielzeit, bei unserem dreitägigen Fest, auf das ich mich besonders freue.

Für Theater außerhalb stand bisher auch das Bürgerensemble, zuletzt im Dom. Wird das Projekt fortgeführt? Gibt es Gespräche?

Über Details kann ich noch nicht sprechen. Aber das Bürgerensemble ist Teil unserer „Vermittlungsschublade“. Darin sind alle Projekte enthalten, die dem Publikum einen anderen Zugang zum Theater ermöglichen. Wir konnten auch, dank der Unterstützung der Stadt, eine neue Stelle für Vermittlungsprojekte schaffen, das ist schön und zeigt auch, dass Vermittlungsprojekte Teil eines modernen Theaters sind. Das Theater ist die größte Kultureinrichtung der Stadt, damit haben wir eine große Verantwortung. Wir wollen mit neuen Formaten das Publikum erreichen, andere Wege gehen als bisher. Dazu gehört für mich auch, mehr Platz für die freie Szene zu schaffen, jungen Regisseurinnen und Regisseuren, Choreografinnen und Choreografen eine Chance zu geben. Das gibt es in größeren Städten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg. Warum nicht auch in Magdeburg? Freie Leute können ihre Ideen an unserem Theater umsetzen. Man muss nur das richtige Format dafür finden. Vielleicht sogar ein Festival. Aber das ist ein Zukunftsthema.

Haben Sie sich über Freie Theater in Magdeburg bereits informiert, sie vielleicht besucht?

Noch hatte ich nicht viel Zeit dafür, aber ich war im Theater an der Angel. Auch das Puppentheater habe ich mehrmals besucht, es ist sehr interessant.

Im September gibt es als ungewöhnliche Aktion ein gemeinsames Singen mit den Fans des 1. FCM. Mögen Sie Fußball?

Ich mag Sport und ich mag Sportfans. Bei uns in der Schweiz wird viel Eishockey gespielt, da gibt es super Fangesänge. Die geschlossenen Eisstadien bieten grandiose Resonanz für den Gesang. Bewegend. In Magdeburg habe ich Ähnliches erlebt, beim Fußballspiel gegen Halle im März, damals noch Dritte Liga, aber riesige Stimmung und Euphorie! Ich bin immer fasziniert von den Gesängen in Stadien, ohne dass man sie geprobt hat, ohne Dirigenten, ohne dass Noten verteilt werden. Das ist so spannend, dafür möchte ich eine andere Kulisse schaffen, so dass die Leute diesen Gesang auch anders hören. Die Schönheit und Bewegungskapazität dieser Musik anders klingen lassen.

Meinen Sie, dass Sie auch wieder jüngeres Publikum ins Theater locken können?

Es ist uns ein wichtiges Ziel, junges Publikum anzusprechen. Wir wollen ein Theater schaffen, das spiegelt, wofür sich die Menschen interessieren. Deshalb möchten wir junge Talente, Regisseure, Choreographen bei uns arbeiten lassen. Das Publikum merkt es, wenn die Kunst von Leuten derselben Generation gemacht wird. Ein jüngeres Ensemble kommuniziert anders. Es gibt kein Rezept, aber es gibt so vieles zu sehen, zu erleben, mit der neuen Generation am Theater, das kann nur förderlich sein.

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit gibt es ein dreitägiges Theaterfest, vom 9. bis 11. September, mit großem Programm, auch Gespräche sind angekündigt. Wo kann man Ihnen begegnen? Haben Sie einen persönlichen Plan?

Noch nicht, aber in Kürze. Es ist eine Veranstaltung für die Magdeburger, zu der wir alle einladen. Wir sind 450 Leute im Theater und mein Ziel ist, dass sich das Haus, die Produktionen und die Akteure vorstellen können. Es wird für jeden etwas geboten, auch für Besucher, die sonst nicht ins Theater gehen. Ein Theater ist mehr als ein Veranstaltungsort, es ist ein Raum des Zusammenseins.

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