Freitag, September 17, 2021
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Unsere Seele –wie wird sie gemacht, wo geht sie hin?

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Verfolgt man Veröffentlichungen über die Hirnforschung, erhält man
manches Mal den Eindruck, als stünde die Wissenschaft kurz vor dem Durchbruch, das menschliche Hirn zu verstehen und als würde Künstliche Intelligenz die Geistesfähigkeiten des Menschen überflügeln. KOMPAKT ZEITUNG fragte den Magdeburger Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Wolf zum Stand der Aussagekraft über Geist und Seele des Menschen.

KOMPAKT ZEITUNG: Herr Professor Wolf, ist es nicht verstörend, wenn man als Hirnforscher allzu gut Bescheid weiß über das, was sich da im eigenen Kopf abspielt? Ständig und immerzu? Da muss einem doch der Schädel platzen!
Prof. Gerald Wolf: (lacht) Sie vermuten bei mir einen „Sprung in der Schüssel“? Keine Sorge, das, was die Hirnforschung bislang zusammengetragen hat, ist zwar viel, unüberblickbar viel, und dennoch hält sich unser Wissen in sehr engen Grenzen.

Viel Wissen und dennoch arg begrenzt, das klingt paradox!
Mag sein. Allein für das vergangene Jahr wurden zur biomedizinischen Forschung weltweit knapp zwei Millionen (genau: 1 703 354) Veröffentlichungen in Fachzeitschriften gelistet, sogenannte Papers. Unter dem Stichwort „brain“ (Gehirn) finden sich für dasselbe Jahr weit mehr als hunderttausend solcher Arbeiten. Niemand ist in der Lage, sie alle zu lesen (und zu verstehen!). Doch selbst dann wüsste man noch immer nicht die wichtigen Fragen zum Wo und Wie der Hirnleistungen zu beantworten. Auch nicht, wenn man alle einschlägigen Untersuchungen der Vergangenheit kennte. Ich bin vermessen genug zu sagen, dass dies in aller Zukunft nicht anders sein wird.

Wie ist das zu verstehen? Drehen sich die Untersuchungen im Kreise, ist da einfach nicht genug an Neuem?
Nein, das nicht. Die Fachzeitschriften, in denen die entsprechenden Artikel veröffentlicht werden, achten streng auf die Originalität, alte Hüte finden da keinen Platz – ganz anders als in der Politik zum Beispiel. Aber trotz intensivster Forschungstätigkeit reicht das Wissen von heute noch nicht einmal aus, um die Funktionsmechanismen einer x-beliebigen Zelle exakt zu beschreiben. Für jede Zelle ist mit schätzungsweise 10 000 verschiedenen Molekülarten zu rechnen, die zu einem funktionellen Netzwerk verflochten sind. Bereits der Ausfall einer einzigen Molekülsorte oder deren Veränderung kann Krankheit, kann Tod bedeuten.

Mir schwant bereits Entsetzliches, wenn ich da an unser Gehirn denke.
Zu recht! Unser Gehirn besteht aus ungefähr 100 Milliarden ganz verschiedenartiger Nervenzellen und etwa ebenso vielen „Hilfs“zellen, den Gliazellen. Hinzu kommen die Zellen der Blutgefäße, die das Gehirn wie ein feines Gespinst durchziehen. Das Ärgste aber liefern die Netzwerke der Nervenzellen. Jede einzelne von ihnen verfügt über mehr oder weniger lange Fortsätze, über die sie mit jeweils hunderten oder gar zehntausenden anderen Nervenzellen informationelle Kontakte unterhält. Ständig verarbeiten die Zellen Informationen, selbst im Schlaf kennen sie keine Ruhe. Und dabei verändern sie in jeder zehntausendstel Sekunde ihren Funktionszustand. Auf elektrische und auf chemische Weise passiert das. Wer schon wähnt sich da berufen durchzublicken? Selbst denkbar größte Teams von Hirnforschern sind da chancenlos.

Aber in der Zukunft vielleicht doch. Zumal unter Zuhilfenahme gigantischer Computer, solchen, wie sie irgendwann einmal zur Verfügung stehen werden.
Das wird oft und gern behauptet. Doch wäre mit einem solchen Ansinnen selbst der theoretisch größte und schnellste Computer überfordert. Denken wir an einen Rechner in der Größe des von uns beobachtbaren Weltalls (Radius über 40 Milliarden Lichtjahre). Lassen wir jedes Materieteilchen mit der theoretischen Maximalgeschwindigkeit arbeiten, das sind 6 mal 1023 Operationen/Sekunde. Selbst wenn dieses Teilchen seit dem Urknall rechnete (vor 13,8 Milliarden Jahren = 1017 Sekunden), würde es bis heute nicht mehr als 1040 Rechenoperationen schaffen – also eine Eins mit 40 Nullen. Da die Gesamtmenge der Teilchen in „unserem“ Universum auf 1080 veranschlagt wird, käme es für den gigantischen Rechner auf 10120 Rechenoperationen hinaus. Diese aber reichten gerade einmal für die Berechnung eines Netzwerkes aus 120 Nervenzellen mit jeweils 10 verschiedenen Zuständen aus (= 10120)!

Wie Sie sagten, verfügt unser Gehirn nun nicht über 120 Nervenzellen, sondern über 100 Milliarden!
Und jede einzelne Zelle über praktisch unendlich viele Zustandsformen – alles klar?

Wozu dann überhaupt noch Hirnforschung?
Der Erkenntnisdrang des Menschen ist nun mal unbegrenzt. Für die Hirnforschung gibt es so ungeheuer viele Details, die zu erkunden anstehen. Nicht zuletzt verbessern sich damit die Aussichten auf die Behandlung von Hirnkrankheiten. Vieles ist erreicht. Auch im Verständnis des „Anders-Seins“ von Menschen, deren Schicksal durch Anomalien von Hirnstrukturen beziehungsweise Hirnfunktionen gezeichnet ist. Allein schon, wenn wir an die Veränderungen im alternden Gehirn denken.

Und wie sieht es denn nun mit der Erforschung der ganz großen Hirnleistungen aus? Ich denke dabei an Lernen und Gedächtnis, an Hören und Sehen, an das Operieren mit Zahlen, überhaupt an die Logik. Und wie sind die Emotionen zu erklären und die daraus erwachsenden Bedürfnisse? Erst recht wie das, was wir Bewusstsein und was wir Seele nennen?

Lange Zeit hoffte man auf durchbruchartige Erfolge mittels bildgebender Verfahren. Tatsächlich liefert die Magnetresonanztomografie (MRT) mit ihren funktionellen Varianten hochinteressante Bilder. Bunte Fle-ckenmuster, die auf Zentren im Gehirn verweisen, die sich mit dem jeweiligen Funktionszustand verändern. Doch zeigt sich, dass solche Untersuchungen zu einer viel zu engen und letztlich auch nicht wirklich hilfreichen Sichtweise führen. Selbst der kleinste bunte Fleck enthält tausende, wenn nicht hunderttausende Nervenzellen mit jeweils unterschiedlichen Aufgaben. Manche Zellen wirken auf andere erregend, manche hemmend, die einen rasch, die anderen langsam. Und das mit Überträgerstoffen, die sich von Zelltyp zu Zelltyp unterscheiden. Mehr noch, die Nervenzellen greifen über ihre Fortsätze oft weit über den Ort ihres Vorkommens hinaus und beliefern mit ihren Botschaften entfernt liegende Hirnregionen, ohne dass sich das mit der funktionellen MRT erfassen lässt. Was also bringt der „Lokalisationismus“, wie ihn diese bunten Hirnkarten suggerieren? Das fragen sich heutzutage die meisten von uns.

Soll das heißen, alles ist eins im Gehirn, es gibt da gar keine regionalen Unterschiede?
Das nun wäre auch wieder falsch. Das Hören konzentriert sich auf andere Hirnbereiche als das Sehen oder Schmecken, und die Empfindungen von Angst oder Schmerz lassen sich wiederum anderswo verorten. Wir wissen, wo im Gehirn die Glücks-Empfindung zu Hause ist, durch welche Art von Überträgerstoffen und Empfängermolekülen sie zustande kommt, und wie das Glücksgefühl medikamentös oder – im Falle schwerster Depression – über eingepflanzte Hirn-Elektroden zu beeinflussen ist. Ungeheuer viel Wissen hat sich angesammelt. So zum Beispiel eben auch, dass Funktionszentren im Gehirn jeweils viel weiter ausgreifen als bisher vermutet. Ebenso die dort ansässigen Störungen.

Und wie nun sehen die Antworten zu meinen Fragen aus?
Es gibt leider immer nur solche der ungefähren Art. Die Psychologen kennen das, auch wenn sie ihre Ansichten gern mit Befunden der Hirnforschung illustrieren, allzumal mit bunten Hirnkarten. Umgekehrt schmücken Hirnforscher Aussagen rein psychologischer Art oft mit nichtssagenden Verweisen auf das Gehirn. Etwa in der Art, „unser Gehirn merkt sich, denkt sich, fühlt, will, speichert, lernt …“. Ja, was denn sonst, doch nicht etwa die Kniescheibe! Leider aber können wir nicht einmal erklären, wie sich im Gewirr der Nervenzellen ein Fragezeichen darstellt oder wie die Ziffer eins oder drei, und schon gar nicht, wie das Gesicht unseres Kindes oder eines Freundes oder das Gefühl von Zorn oder Liebe. Wir können nicht sagen, wie auf Nervenzell-Ebene zwei Zahlen addiert werden, und noch viel weniger, wie im Nervenzellgewirr der Streit mit dem Nachbarn oder mit einem politischen Gegner ausgefochten wird. Das mit Abstand größte Rätsel ist, wie sich aus der materiellen Natur des Gehirns etwas Ideelles ergeben kann, etwas Subjektives, ein Gefühl zum Beispiel oder gar, was wir Geist, was wir Seele nennen.

Das Leipziger Kabarett „Die Pfeffermühle“ fragte in solchen Fällen: „Und, was lernt uns das?“
Zum einen, bescheiden zu bleiben, und zum anderen, sich durch die Kompliziertheit der Aufgaben nicht entmutigen zu lassen. Auch wenn es nicht die großen Antworten auf die großen Fragen sind, die kleinen helfen Stück für Stück weiter, uns in unserer Einzigartigkeit zu begreifen. Das betrifft sowohl die Besonderheit der Spezies Mensch als auch die eines jeden Einzelnen von uns. In vielen Fällen zielt die Forschung darauf ab, Störungen von Hirnfunktionen und Hirnkrankheiten besser als bisher zu verstehen und damit die Chancen zu deren Heilung oder Linderung zu verbessern.

Zum Schluss die Titelfrage: Was ist die Seele, wie wird sie gemacht, wo geht sie hin?
Da ist kaum ein Mensch, der sich das nicht auch schon gefragt hat. Spätestens dann, wenn er zuschauen muss, wenn jemand am Sterben ist. Vielleicht sogar er selbst. Verrinnt die Seele ins Nichts, oder wird sie davor in wundersamer Weise bewahrt? Darüber lässt sich auch von professioneller Seite her nichts Verbindliches sagen, nichts von Philosophen und Theologen, nichts von Psychologen und eben auch nichts von den Hirnforschern. Gibt es, fragen sich einige von uns wie von manchen Quantenphysikern vorgedacht, neben dem Energie-Erhaltungssatz auch einen Informations-Erhaltungssatz? Kann also Information, mithin alles was wir je gedacht, gewusst, gesagt haben, einfach verschwinden, letztlich unsere Seele?

Beim Bewusstsein ist das der Fall. Ein Schlag auf den Kopf, Bewusstlosigkeit – und mit ein bisschen Glück kehrt das Bewusstsein zurück!
Abend für Abend passiert etwas Ähnliches, wenn wir uns schlafen legen. Man weiß ziemlich genau, welche Hirnstrukturen für unsere Schlaf-Wach-Aktivität zuständig sind und wie sie das Bewusstsein – die Fähigkeit, unsere Hirntätigkeit zu erleben – vorübergehend ausschalten. Vorübergehend! Anders im Tod. Der Tod ist eben nicht „des Schlafes Bruder“. Er nimmt uns das Leben und mit ihm auch das Wichtigste – unsere Gefühle, Erkenntnisfähigkeit, Geist, mit anderen Worten: unsere Seele. Ohne dass wir je eine Chance haben zu verstehen, wie das alles gemacht wird, und was die Seele „eigentlich“ ist.

Alles ein einziges Wunder!
Jedenfalls etwas Wunderbares. Die einen glauben, in der Seele ein Wunder der Schöpfung zu sehen, die anderen sprechen von einem Wunder der Evolution, einem sich über Millionen von Generationen erstre-ckenden Selbstoptimierungsprozess. Gleichviel, jedes Wesen, dem wir Subjektivität zubilligen – Seelenhaftigkeit mit anderen Worten –, verdient unseren Res-pekt. Das gilt nicht nur für uns Menschen, sondern auch für hochentwickelte Tiere. Selbst für solche, denen wir, um sie zu verspeisen, nach dem Leben trachten.
Fragen: Thomas Wischnewski

Der Autor: Studium Biologie und Medizin in Leipzig 1962-69, Promotion 1970, Habilitation 1979, 1979 Hochschuldozent an MAM, 1981 ord. Prof., 1992 C4-Prof., 2008 emeritiert. Seit 1985 Dir. Inst. f. Biologie, seit 1992 Dir. Inst. f. Med. Neurobiol., Med. Fak. OvGU. Etwa 190 Originalpublikationen, Autor und Mitautor zahlreicher Bücher und Buchbeiträge. Mitglied im Wissenschaftl. Beirat der KOMPAKT ZEITUNG.

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