Dienstag, September 21, 2021
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Unter Druck entwickelt man sich

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Die Firma Health + IT Campus spürt Start-ups im Bereich Medizintechnik auf, um deren Ideen zu Marktreife zu verhelfen. KOMPAKT sprach mit dem Geschäftsführer Mathias Schulz über Ziele und Chancen des Unternehmens und für Magdeburg.

Herr Schulz, welches Anliegen verfolgen Sie mit Ihrem Unternehmen?
Mathias Schulz: Die Kernidee ist, den Bereich Medizintechnik in Magdeburg und Sachsen-Anhalt zu fördern. Wir sind eine Tochterfirma der HASOMED GmbH und deshalb originär mit der Medizintechnik verbunden. Hier entwickeln wir unseren Campus. In Magdeburg gibt es Ingenieur-Know-how, in anderen Ländern vielleicht Ideen, die später bei uns zur Produktionsreife kommen sollen. Die Produkte sollen dann möglichst hier hergestellt werden.

Das klingt erst einmal gut. Aber wie finden Sie solche Innovationen und was machen Sie dann konkret?
Wir arbeiten beispielsweise aktiv im Netzwerk „InnoMed – Netzwerk für Medizintechnik Sachsen-Anhalt e. V.“ mit und kooperieren mit dem Forschungs-campus STIMULATE. Wir sehen uns an Universitäten und Hochschulen Forschungsarbeiten an und identifizieren daraus mögliche Potenziale. Wenn wir von einer Idee überzeugt sind, helfen wir bei den aufwendigen Regularien, mit betriebswirtschaftlicher Kompetenz, bringen Gründer zum Beispiel mit Ingenieuren zusammen und können Kapital zur Verfügung stellen. Unterschätzt wird von jungen Start-ups häufig das komplizierte Zulassungsverfahren. Seit 2017 gilt die „Medical Device Regulation“ (MDR). Das ist die Europäische Verordnung für Medizinprodukte. Seit diesem Jahr ist das Genehmigungs- und Prüfverfahren verpflichtend anzuwenden. Diese Anforderungen an die klinische Bewertung und Klassifizierung von Medizinprodukten ist nun deutlich verschärft worden. Kennt man nicht alle Regelungen, oder weiß diese nicht umzusetzen, droht im schlechtesten Fall das Scheitern der Zulassung. Oft geht wegen der Dauer des Verfahrens jungen Unternehmen das Geld aus. Genau solche Situationen können wir vermeiden helfen.

Woher nehmen Sie das Know-how für diese Dienste?
Ich war bereits an der Hochschule Magdeburg-Stendal und der hiesigen Universität mit Forschungsergebnissen und Ausgründungen befasst. „Health + IT Campus“ agiert privatwirtschaftlich. Dadurch können wir effizienter und schneller sein. Wenn man erst Zeit und Hürden für öffentliche Förderprogramme investieren muss, geht mancher Schwung, der in einer Gründungsphase wichtig ist, verloren. Wir bringen übrigens von Anfang an ein Qualitätsmanagement ein. Je früher das in den Gründungsprozess integriert ist, um so besser kann man sich darauf weiterentwickeln. Insbesondere für Förderungen und Zulassungsverfahren ist das ein Grundbaustein. Das beachten viele Gründer nicht.

Haben Sie Beispiele, mit denen Sie bereits erfolgreich Start-ups gewinnen und entwickeln konnten?
Wir haben uns ja erst vor einem Jahr aufgestellt. Inzwischen managen wir ein Projekt aus Israel, das wir hier zur Produktion bringen wollen. Außerdem haben wir eine Idee zur stromlosen Trinkwasseraufbereitung aus der Versenkung geholt und wollen das endlich zur Marktreife bringen. Unsere Stärken liegen darin, die Kompetenzen zu vermitteln und die richtigen Leute zusammenzubringen. Außerdem ist unser Ziel, in Magdeburg Medizintechnik zu befördern ein langfristiges. So etwas geht nicht von heute auf morgen. Die Firma Neoscan auf dem STIMULATE-Campus, die ein MRT für Neugeborene und Kleinkinder entwickeln und damit weltweit einen leichten Zugang zu individuellen MR-diagnostischen Untersuchungen ermöglichen will, ist ein Hoffnungsschimmer für den Standort Magdeburg.

Was macht es schwer, im Bereich Medizintechnik Erfolge vorzuweisen?
Zunächst gibt es Akteure wie Fresenius oder Siemens Healthineers am Markt. Das sind Medizintechnikgiganten. Und die schlafen auch nicht. Außerdem ist der Bereich hoch risikobehaftet. Sie entwickeln beispielsweise ein diagnostisches Produkt, bringen es auf den Markt und dann kommt die Forschung und hat ein noch besseres Verfahren entwickelt. Man kann also ganz schnell von der Zeit überholt werden und alle Investitionen waren möglicherweise umsonst. Zumal wir hier wirklich den Fokus auf die Welt legen müssen. Wir begleiten z. B. ein 3D-Röntgen-Projekt in Singapur als Mentoren. Am Ende wird es stets darum gehen, Wertschöpfung nach Magdeburg zu holen.

Und damit Menschen mit guten Jobs an den Standort zu binden?
Selbstverständlich. Wir haben eine Universität mit 13.000 Studierenden und dazu noch eine Hochschule. Trotzdem reden wir in Magdeburg vom Fachkräftemangel. Das liegt auch daran, dass die Mehrheit hier nur studiert und später woanders arbeitet. Diese jungen, dynamischen und kreativen Köpfe müssen wir hier zum Hierbleiben begeistern. Und das kann sich entwickeln, wenn wir und die anderen Akteure in diesem Bereich Erfolg haben.

Sie haben die Innovationskraft Israels erwähnt. Warum bekommen wir das in Deutschland nicht so hin?
Die Israelis sind unheimlich schnell im Ideen gebären. Das liegt sicher daran, dass sie nur ein kleines Volk von neun Millionen Einwohnern sind, an ihren Grenzen nicht von Freunden umstellt sind und keine ausreichenden Produktionskapazitäten haben. Deshalb entwickeln sie Projekte bis zu einer bestimmten Größe. Dann kommen die großen Konzerne und kaufen das Know-how auf. Da müssen wir mitmischen. Israel entwickelt sich aufgrund seiner Bedingungen unter Hochdruck. Solche Zustände gibt es bei uns kaum noch. Nur unter Druck entwickelt man sich weiter. Uns geht es in vielen Bereichen der Gesellschaft viel zu gut. Das erzeugt Trägheit.

Magdeburg hat sich zur Gründerstadt erklärt. Land und Stadt fördern Gründerzentren. Reicht das nicht?
Gründerzentren gründen reicht nicht. Da werden Gründungsprozesse von einem behördlichen Statistikwust begleitet. Bevor man als Gründer arbeiten kann, muss man Nachweise erbringen, Finanzierungs- und Businesspläne aufstellen. Gründer sollen zuerst richtig viel liefern, bevor sie gefördert werden. Wir haben da einen anderen Ansatz. Wir geben betriebswirtschaftliches, technisches und Marketing-Know-how sowie Kapital als eine Basis, auf der Start-ups ihre Ideen entwickeln können. Es fehlt am gesellschaftlichen Bewusstsein, dass Ideen von Engagement und Initiative flankiert sein müssen. Bei uns steht doch vielfach Sicherheit im Vordergrund. Bei einer informellen Umfrage unter BWL-Absolventen der FU Berlin wollen 80 Prozent nach ihrem Studium am liebsten im öffentlichen Dienst arbeiten. Das sagt doch alles. Wer in Deutschland Medizintechnik studiert, hört ein Semester lang mit zwei Stunden pro Woche etwas über die regularischen Grundlagen für die Zulassung. Da existiert am Ende keine Vorstellung über den komplexen Weg und man scheitert mit einer guten Idee, schon bevor sie auf den Weg kommt. Verkomplizieren können wir gut, das Gegenteil haben wir verlernt.
Fragen: Thomas Wischnewski

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