Mittwoch, Juli 6, 2022
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Vergebens getestet?

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Ein paar Tage unbeschwert Skifahren? Den Winter samt Schnee und Sonnenschein von seiner schönsten Seite genießen? Nicht in diesem Jahr.
Urlaub in Österreich und was danach geschah … Von Josephine Schlüer

Kuschelig eng sitzen wir zu sechst in einem schwarzen Ford Tourneo Connect und fahren nach Tirol in den Skiurlaub. Abfahrt ist am 7. März, in Deutschland sind etwa 800 COVID19-Fälle bestätigt. Ich bin die einzige Sachsen-Anhalterin im Freundeskreis, komme also aus dem letzten coronafreien Bundesland in Deutschland. „Die Festung“ nennen wir es scherzhaft und spekulieren über die Ursachen. „Trotz der vielen Pendler?“, fragt eine Mitreisende, die in Magdeburg studiert hat. Während der etwa siebenstündigen Fahrt erreichen uns über Freunde und Familie wiederholt „Panikmeldungen“, wie wir sie nennen. Als Retourkutsche antworten wir mit bearbeiteten Bildern von vermeintlichen Grenzsoldaten und angeblichen Quarantäne-Unterkünften. So absurd erscheint uns dieses Szenario zu diesem Zeitpunkt.

Nachdem wir das Skigebiet Sölden am späten Samstagnachmittag erreichen, kaufen wir im Supermarkt ein, essen im Restaurant. Wir teilen uns zu sechst eine Ferienwohnung. Wir fahren in überfüllten Gondeln, Aufzügen, trinken Bier in Aprés-Ski-Bars. Trotz Urlaubsstimmung geht die Ausgangssperre im nur wenige Kilometer entfernten Italien nicht an uns vorbei. Wir hören von Tausenden Infizierten und Hunderten Toten. Aber noch wollen wir den Urlaubsmodus nicht verlassen. Niemand hier will das. Die Restaurants, Bars, Clubs und Abfahrtsstrecken sind bestens besucht. Also beginnen wir das große Relativieren. Wir recherchieren die Anzahl von Grippetoten, vergleichen, berechnen Ansteckungsraten und kommen zu dem Schluss: „Alles nicht so dramatisch“. Ruhigen Gewissens geht es weiter auf die Piste.

Bald bestätigt auch Sachsen-Anhalt die ersten Ansteckungen. „Die Festung ist gefallen“, nicht mehr witzig. Ab Sonntag werden alle Skigebiete in Tirol geschlossen, einen Tag nach unserer Abreise. Gesundheitsminister Spahn empfiehlt deutschen Rückreisenden aus Risikogebieten zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Wir fragen uns, was das bedeutet. Home office, Urlaub, Krankschreibung? Auch nahe der Grenze blinken uns LED-Tafeln entgegen, nicht mit Staumeldungen, sondern mit der Aufforderung: „Sie kommen aus I, AU oder CH? Dann bleiben Sie zwei Wochen zu Hause!“

Worüber wir zu Beginn des Urlaubs scherzten, ist jetzt knallharte Realität. Auf dem Weg nach Deutschland passieren wir tatsächlich bewaffnete Grenzpolizisten. Für Stichproben werden wir glücklicherweise nicht ausgewählt. Wir müssen nicht in das weiße Zelt am rechten Straßenrand, in dem wir Wärmekameras vermuten. Mittlerweile sind in Deutschland 4500 Menschen (Stand: 14. März) mit dem Coronavirus infiziert. In den sozialen Medien werden die Aufrufe #staythefuckhome (Bleib verdammt nochmal zu Hause) und #flattenthecurve (Halte die Ausbreitungskurve flach) laut.

Während der Rückfahrt sind wir sehr viel schweigsamer. Ab und zu blitzt der schwarze Humor noch auf. „Wir sind Corona“, sage ich. „Je suis Corona“, stimmt meine Sitznachbarin ein. Kichern. Trotzdem bin ich mittlerweile bis auf Nasenhöhe in einen Schal gewickelt und werde nicht mehr so gern von der Seite angesprochen. Wir sind alle froh, das Auto zu verlassen und skeptisch, ob wir uns zum Abschied noch umarmen dürfen, tun es aber.

In Magdeburg angekommen, kaufe ich Lebensmittel für zwei Wochen ein und möchte 14 Tage in häuslicher Quarantäne verbringen, auch unter Zuraten meiner Chefin, Kolleginnen und Kollegen. Also kontaktiere ich am Montagmorgen meine Hausärztin. Eine Krankschreibung stellt sie nicht aus, sondern verweist auf die Nummer der Fieber-Hotline, die permanent besetzt ist. Aus Ratlosigkeit rufe ich ein weiteres Mal in der Hausarztpraxis an. Mir wird empfohlen persönlich in die Fieber-Station zu gehen, wenn ich telefonisch nicht durchkomme. Ist das zweckdienlich? Was ist mit #flattenthecurve, #staythefuckhome und Jens Spahn? Später an diesem Nachmittag habe ich beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der 116117 mehr Erfolg. Allerdings soll ich tatsächlich für einen Corona-Test in die Brandenburger Straße kommen. Ob das unbedingt nötig sei, möchte ich wissen, da ich nicht zur Risiko-Gruppe gehöre, mich nicht krank fühle und zu Hause am wenigsten anderen oder mir selbst schaden kann. Es führt kein Weg daran vorbei.

Unter dem Basketballkorb in der ehemaligen Sporthalle befindet sich die Anmeldung. Eine Frau in Schutzkleidung mit Haube und Atemmaske fragt nach meiner Versichertenkarte. Sie nimmt sie trotz der Handschuhe mit einem sterilen Tuch entgegen. Wenige Sekunden später werde ich in eine der Kabinen gerufen. Mit einem Wattestäbchen nimmt die Ärztin zwei Proben aus meinem Rachen und entschuldigt sich: „Ich weiß, das ist unangnehm.“ Kein Problem, dennoch bin ich neugierig und möchte wissen: „Halten Sie es für sinnvoll, potenziell Infizierte, die nicht zur Risiko-Gruppe gehören, für den Test aus dem Haus zu holen?“ Hält sie nicht, gibt sie zu. Ein anderer Mitarbeiter argumentiert gereizt: „Auf diese Weise können Ansteckungsketten nachverfolgt werden“.

Der Abstrich geht sehr professionell, zügig und steril vonstatten. Hier habe ich keine Angst mich oder andere zu infizieren. Aber der Weg nach Hause steht mir noch bevor. Telefonisch werde ich am nächsten Tag von der Kassenärztlichen Vereinigung über das negative Ergebnis informiert, soll aber trotzdem beim Gesundheitsamt anrufen. Dort erklärt mir eine Mitarbeiterin, dass ich in jedem Fall 14 Tage in häuslicher Quarantäne verbringen muss. Der Test könne ohne vom Virus ausgelöste Symptome auch bei einer Infektion innerhalb der Inkubationszeit negativ ausfallen, „und darum war der Test eigentlich Quatsch“. Sie bittet um Verständnis, die Informationslage im Gesundheitsamt ändere sich täglich. Für den Testtag bis zum Ergebnis bekomme ich eine Krankschreibung. Die „Anordnung der Absonderung in sogenannter häuslicher Isolierung“ vom Gesundheits- und Veterinäramt der Stadt Magdeburg finde ich am Freitag in meinem Postkasten.

Die harte Arbeit des medizinischen Personals und der offiziellen Behörden während dieser Ausnahmesituation sollen keinesfalls herabgewürdigt oder mögliche Fehler aufgebauscht werden. Zweifellos ist die Erhebung von Daten wichtig für den Kampf gegen das Virus. Doch wer zu Hause bleiben will, sollte zu Hause bleiben dürfen, möglichst unkompliziert und ab sofort. Unnötige Hürden können langfristig schwere Konsequenzen nach sich ziehen. Zeit ist jetzt der entscheidende Faktor.

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