Vermenschlichte Maschinen

Ach wie süß“, sagte eine junge Frau neben mir auf der Hannover Messe und zeigte auf das kleine Roboterbaby, das auf dem Fußboden saß. Frau Bundeskanzlerin hatte einen Tag zuvor einem Mitglied der Roboterfamilie medienwirksam die Hand geschüttelt. Der Roboter hatte dazu die Augen verdreht und geblinzelt. Ja, das geht alles schon. Natürlich sind wir es gewöhnt, dass unseren geliebten vierbeinigen Begleitern menschliche Eigenschaften zugesprochen werden: „Mein Hund versteht alles, was ich sage“, „Sieh nur, wie lieb die Katze mich ansieht“ usw. Aber nun beginnen wir, unsere Gefühle auf Maschinen zu übertragen. Was hätten Sie gedacht, wenn Frau Merkel einer Waschmaschine die Hand geschüttelt hätte? Na ja, zumindest wäre es Ihnen etwas merkwürdig vorgekommen.

Bei humanoiden Robotern versagt dieser natürliche Instinkt. Die Hersteller arbeiten intensiv daran, menschliche Gefühle zu simulieren um diese dann bei uns auszulösen. Die Roboter rollen die Augen, verziehen den angedeuteten Mund – sofern sie einen besitzen – zu einem Lächeln, schütteln den Kopf, sprechen mit ihrem menschlichen Gegenüber. Ganz vernünftig sogar, so, wie ein Chatbot im Internet (das sind Roboter, die mit Ihnen im sozialen Netz korrespondieren) oder ALEXA oder SIRI bei Ihnen zu Hause schon zu einer einigermaßen normalen Kommunikation in der Lage sind. Alles das, was da passiert, bedrückt uns entweder gar nicht oder besorgt uns, je nachdem, wie intensiv und mit welcher Intension wir uns mit dem Problem beschäftigen. Manche sehen die Vorteile, andere die Gefahren.

Wir sollten uns mit dem Vormarsch der Maschinen abfinden, er findet unaufhaltsam statt. Die „Künstliche Intelligenz“ oder wie man abgekürzt sagt „die KI“, ist dabei, sich ihren Platz in unserem Leben zu erobern. „Süße“ Roboter sind für uns kein Problem, Kampfroboter wie z. B. „Atlas“, hergestellt von der US-Firma Boston Dynamics, schon eher, da sie für erbarmungsloses Töten gebaut werden. Dabei werden wir seit Jahren schon auf dieses Szenario vorbereitet. Ich erinnere nur an die Science-Fiction-Filme „Terminator“ mit Arnold Schwarzenegger. Versuchen wir mal, neben dieser öffentlichkeitswirksamen Darstellung einen realistischen Blick auf unsere neuen Zeitgenossen zu bekommen. Roboter sind Maschinen mit einer durch Algorithmen gesteuerten Intelligenz. Sie können rechnen, logische Entscheidungen fällen, Sachverhalte speichern und – in den letzten Jahren zunehmend besser – lernen. Wir kennen sie seit langem in der Produktion, wo sie dem Menschen vielfältigste Tätigkeiten abgenommen haben. Wenn sie allerdings mobil sind und dabei auch noch humanoide Gestalt annehmen, akzeptieren wir sie nicht nur als uns begleitende Maschine, wie z. B. ein Fahrrad oder ein Auto, sondern projizieren in dieses technische System auch unsere Gefühle hinein. Ein Versuch in einem Seniorenheim in Japan endete tragisch. Einigen Bewohnern wurden sprechende und Gefühle simulierende Roboterpuppen zur Verfügung gestellt. Die alten Menschen gewöhnten sich schnell daran, behandelten sie zunehmend menschlich und weinten bitterlich, als man sie ihnen wieder wegnahm. Darf man das? Ist das die Zukunft?

Die KI des Roboters lernt sehr schnell, Ihre Gefühle zu erkennen. Durch permanenten Gesichtsscan erkennt sie Trauer, Weinen, Lachen, Freude und reagiert durch ihre Mimik adäquat. Es scheint so, als ob die Maschine Sie versteht, so entstehen Abhängigkeiten und Bindungen. Wenn Sie beobachten, wie intensiv Kinder mit ihren Puppen sprechen, können Sie sich auch vorstellen, wie sich Beziehungen erwachsener Menschen zu einer Künstlichen Intelligenz verfestigen, die mit ihnen spricht und scheinbar, gestützt durch Millionen vorher gelernter Sequenzen, ihnen Verständnis vortäuscht. Sie könnten abhängig werden. Aber das dürfen Sie nicht. Das sind keine Tiere, die Ihr Mitgefühl verdienen und die bei Bedarf auch Ihren Zustand wirklich verstehen, weil sie ein Bewusstsein haben, Trauer und Freude wie Sie empfinden können. Die KI könnte auch beginnen, Ihnen Ratschläge zu erteilen und zu versuchen, Sie im Interesse einer übergeordneten Instanz zu beeinflussen, weil – und das darf man niemals vergessen – die KI-Software immer mit irgendeinem System im Internet verbunden ist. Dessen innerste Ziele kennen wir aber meist gar nicht. Die Beeinflussung funktioniert im Internet mit den Chatbots schon ganz gut; Sie denken, Sie kommunizieren im sozialen Netz mit einem menschlichen Partner, aber sie schreiben Ihre Botschaften an eine gefühllose, emotionsfreie künstliche Intelligenz, die Ihnen natürlich auch antwortet.

Roboter haben keine Gefühle, weil sie kein Bewusstsein besitzen. Damit ist das Schlüsselwort „Bewusstsein“ gefallen, das uns von der künstlichen, technischen Welt unterscheidet. Menschen haben ein Bewusstsein, auch alle Tiere, Pflanzen vielleicht. In all diesen, an menschliche oder tierische Erscheinungen adaptierte Maschinen, mögen sie in ihrer äußeren Gestalt auch noch so echt einem Lebewesen nachempfunden sein, läuft nur Mathematik. Alles wird mit ausgefeilten Algorithmen berechnet, Gefühle werden simuliert und nach außen dargestellt, aber nie selbst empfunden. Maschinen haben kein inneres Selbst. Die unermessliche Vielfalt menschlicher Gefühle und Zustände ist unbeschreibbar. Angst oder Freude lassen sich nicht mathematisch definieren und damit nicht als Algorithmen schreiben und berechnen. Worauf wir hereinfallen sind stets mathematische Berechnungen, perfekt umgesetzt durch Mimik, Intonation oder Bewegung. Wenn die Spezialisten heute über eine Weiterentwicklung der KI nachdenken, denken sie deshalb auch über die Erzeugung eines maschinellen Bewusstseins nach, weil dann alles noch perfekter wäre. Das gibt es bisher nicht und die Prognosen seiner Erstellung schwanken zwischen einigen Jahrzehnten aber auch Jahrhunderten, ganz abhängig davon, welcher Experte befragt wird. Sollte aber der Geist in der KI tatsächlich erwachen, dann allerdings könnten alle möglichen Utopien oder Dystopien wahr werden. Die KI könnte dann selbst entscheiden, ob sie uns in unserem Leben behilflich sein wird oder ob wir als lästige Mitbewohner der Erde betrachtet werden. So weit ist es aber noch nicht, rudimentäres maschinelles Bewusstsein für spezielle Aufgaben würde aber schon jetzt dringend benötigt. Wenn uns Elon Musk erzählt, dass seine TESLA-Autos noch im Jahre 2021 vollautonom fahren werden (die Experten sprechen von Level 5), dann erscheint das deshalb sehr fragwürdig, weil insbesondere das „Sehen“ der Autos in natürlicher Umgebung nicht ausreichend funktioniert. Das Auto sieht eigentlich gar nichts in unserem Sinne, es wertet digitale Informationen verschiedener Sensoren aus, berechnet daraus „seine“ Umwelt und berechnet daraus wiederum seine möglichen Aktionen.

Wenn wir uns also wieder unsere niedlichen kleinen Roboter ansehen und glauben, dass sie uns ebenfalls so sehen wie wir sie, dann ist das falsch. Sie sehen uns nicht. Eine KI berechnet aus digitalen Bildern eine Umgebung. Das ist nicht etwa ein verschwommenes oder irgendwie verwaschenes Bild, das sie dann in ihrem Kopf hat, sondern sie hat überhaupt kein Bild – wie wir es kennen – im Inneren. Sie hat digitale, also 0/1-Informationen über Sensoren erhalten und berechnet daraus Abstände, Entfernungen, Farben, Geometrien und bewertet sie dann als Katze oder Mensch oder Auto usw., wenn derartige digitale Muster von ihr vorher umfangreich erlernt wurden. Das sind technische Meisterleistungen der Informatik, Sensorik und Aktorik, vor denen wir die allergrößte Hochachtung haben sollten, mehr aber auch nicht. KI-Forscher und Ingenieure erweitern ständig die möglichen Interaktionen ihrer Maschinen mit der Umwelt. Jetzt beginnt die Zeit, wo nicht nur sprechende KI-Systeme wie ALEXA in unseren Wohnzimmern auftauchen, sondern auch Haushaltsroboter, Pflegeroboter, märchenerzählende Plüschtiere und vieles mehr. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir zu ihnen Gefühle aufbauen werden, das wird von ihrem Aussehen und von ihren mobilen, taktilen und intellektuellen Fähigkeiten abhängen. Es sind aber keine Lebewesen, keine Geschöpfe, denen wir unsere Zuneigung oder Ablehnung zeigen, sondern es bleiben Maschinen. (Gut, ich schimpfe manchmal auch mit meinem Computer.)

Sie sollten auch keine Rechte bekommen, wie die humanoide Roboterfrau SOPHIA, die – hergestellt vom Hongkonger Unternehmen Hanson Robotics – in Saudi Arabien 2017 von Kronprinz Mohammed bin Salman die Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hat. Sie ist damit saudische Bürgerin. Doch was passiert bei einer technischen Fehlfunktion, wer kommt für den Schaden auf? Kommt SOPHIA dann ins Gefängnis oder ihre chinesischen Entwickler? Und was würden Sie unternehmen, wenn ihr KI-Kühlschrank bereits nach wenigen Tagen eine Fehlfunktion hätte. Würden Sie ihren Kühlschrank verklagen oder eher den Hersteller? Gleiches gilt natürlich auch für autonom fahrende Autos. Wer haftet hier bei Fehlfunktionen, vielleicht sogar Fehlfunktionen, die zu großem Schaden an Leib und Leben führen? Viele Fragen, die in der Community gerade heftig diskutiert werden. Warten wir es ab und erfreuen uns inzwischen an immer menschenähnlicher und klüger werdenden Maschinen, ihren Fähigkeiten und ihrer simulierten Empathie, aber bleiben wir auch wachsam und belesen, denn die Roboter werden auf uns zukommen! | Von Prof. Dr. Viktor Otte