Verzwickt und vertrackt

Sehen Sie sich, liebe Leser, das Männchen in unserer Kolumne an: roter Schlips, Deutschlandfahne in der einen Hand, die andere Hand nach oben gereckt. Und dann die große Sprechblase: ICH SPRECHE DEUTSCH. Letzteres alles in Großbuchstaben. Da könnte doch so mancher von Ihnen meinen, die von der Zeitung schreiben das so, weil sie selber nicht wissen, wie das Wort DEUTSCH geschrieben wird, nämlich entweder mit großem Anfangsbuchstaben oder mit kleinem Anfangsbuchstaben. „Ich spreche deutsch“, oder vielleicht muss es doch heißen: „Ich spreche Deutsch“? Was ist hier richtig?

Betrachten wir uns zunächst einige Sätze, in denen „deutsch“ vorkommt, und zwar mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben: „1888 ist ein Jahr, in dem es drei deutsche Kaiser gab.“ „Die deutsche Sprache ist wirklich knifflig.“ „Der deutsche Sekt darf nicht die Bezeichnung ,Champagner’ tragen.“ „In Afghanistan sind auch deutsche Soldaten ums Leben gekommen.“ In allen diesen Fällen ist „deutsch“ ein Adjektiv, ein Eigenschaftswort. Eigenschaftswörter werden nach den Regeln der Rechtschreibung klein geschrieben.

Aber wie sieht es aus oder sah es aus, als wir noch hörten: „Die Deutsche Demokratische Republik ist einer der beiden deutschen Staaten.“? Ganz eindeutig ist „deutsch“ bei der Benennung der nicht mehr existierenden Republik ein Eigenschaftswort, ein Adjektiv! Trotzdem mit großem Anfangsbuchstaben? Ja, weil es sich hier um einen sogenannten Eigennamen handelt. Das Adjektiv bildet mit dem Substantiv einen Teil des Namens oder des Titels. Weitere Beispiele dafür: die Deutsche Bücherei (in Leipzig), der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Verein Deutscher Ingenieure, der Deutsche Bundestag, die Deut-sche Mark (abgelöst durch den Euro), die Deutsche Bank, usw.

Bezüglich der Bank als Geldinstitut: Es ist durchaus möglich, dass in einem Vertrag mit einem ausländischen Partner der Satz auftaucht: „Zur Regelung der Zahlungsmodalitäten ist ein Akkreditiv bei einer renommierten deutschen Bank zu eröffnen…“ (Akkreditiv = Anweisung eines Kunden an seine Bank, auf seine Rechnung einem benannten Dritten einen bestimmten Betrag zur Verfügung zu stellen). Gemeint ist hier eine in Deutschland ansässige Bank mit gutem Ruf, nicht unbedingt die jetzt mit Schwierigkeiten kämpfende bisher gut bekannte Deutsche Bank, die auch die einzige Bank unter diesem Namen (ihr Eigenname) in Deutschland ist.
Gehen wir nun zu Sätzen, in denen „Deutsch“ mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben wird: „Alle Deutschen kennen das Märchen vom Rotkäppchen.“ „Unter den Lawinenopfern sind auch Deutsche.“ „Alexander von Humboldt war ein großer Deutscher.“ „Als Deutscher würde ich niemals Hundefleisch essen.“ „Die deutschen Autos werden immer weniger von Deutschen gebaut.“ – Allen diesen Sätzen ist gemeinsam, dass das Wort „Deutscher“ als Substantiv (Dingwort) verwendet wird. Daher die Schreibung mit großem Anfangsbuchstaben.

Der Gebrauch als Substantiv, und damit die Großschreibung, trifft auch in Fällen zu, wenn von der deutschen Sprache oder über sie gesprochen wird: „Im Deutschen gibt es drei Geschlechtswörter: der, die, das.“ „Wir benötigen eine Übersetzung ins Deutsche.“ „Das Deutsch des jungen Syrers ist schon ganz gut.“ „Goethe würde das Deutsch von heute bestimmt nicht mehr verstehen.“ „Auf gut Deutsch, es gibt keinen Winter mehr.“ „Verstehst Du kein Deutsch?“ „Er kann kein Wort Deutsch.“ „Mama, in Deutsch habe ich heute eine Eins bekommen.“
Wenn Sie sich jetzt, lieber Leser, nochmals das Männchen mit der Sprechblase und den Text darin ansehen, dann werden Sie sicherlich auch zu der Meinung kommen, dass der Sprechblasen-Text so geschrieben werden müsste: „Ich spreche Deutsch“, also mit großem Anfangsbuchstaben. „Deutsch“ ist hier von der Wortart her ein Substantiv und tritt im Satzverband als Akkusativ-Objekt auf. Damit wäre also die zu Anfang gestellte Frage beantwortet.

Wer aber dennoch weiterlesen möchte, dem bieten wir noch solche Sätze an: „Die Bundeskanzlerin konnte sich mit Putin deutsch unterhalten.“ „In der Spezialschule gibt es keine Fächer, die deutsch unterrichtet werden.“ „Der aus Deutschland emigrierte Schriftsteller schrieb auch seine weiteren Romane deutsch.“ „Bei der Konferenz sollen alle Teilnehmer nur deutsch sprechen.” “In der Warteschlange standen auch zwei deutsch sprechende Frauen.“ – In allen diesen Beispielen handelt es sich bei „deutsch“ um ein Adverb, ein Umstandswort. Erfragt wird ein Adverb mit „auf welche Art und Weise?, wie?“.

Wir wollen hier nicht verhehlen, dass die Schreibweise „deutsch“, also mit kleinem An-fangsbuchstaben, in den eben gerade genannten Kontexten manchmal umstritten ist oder gar abgelehnt wird. Vermeiden lässt sich dessen Verwendung, indem einfach auf „auf Deutsch“ ausgewichen wird. Also „… mit Putin auf Deutsch …“, „…Fächer auf Deutsch unterrichten…“, „Romane auf Deutsch …“ usw., oder man gebraucht stattdessen gar „in deutscher Sprache“, und damit müsste man dann auf der sicheren Seite sein.

Abschließend noch eine Variante mit „deutsch“ mit kleinem Anfangsbuchstaben, die häufig wie eine Drohung gebraucht wird: „Mit dem musst du mal deutsch reden!“, was bedeutet, dass du dem mal so richtig deine Meinung geigen musst.

Verzwickt und vertrackt, das ist die deutsche Sprache. Davon, lieber Leser, können Sie sich überzeugen, wenn Sie selber Recherchen zur Rechtschreibung von „deutsch“ oder „Deutsch“ anstellen wollen.

Und wenn Sie mal ein Formular zu Ihrer Person ausfüllen sollen, dann schreiben Sie als Deutscher in der Rubrik „Staatsbürgerschaft“: deutsch, mit kleinem Anfangsbuchstaben.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer 

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