Vielfalt der Sportlandschaft in Deutschland gerät in Gefahr. Dachverband DOSB warnt vor existenziellem Flächenbrand und spricht bereits heute von Schäden von über einer Milliarde Euro.

Im Handball der Landeshauptstadt gilt der BSV 93 Magdeburg seit jeher als eine gute Adresse. Gerade beim Nachwuchs. Der Simba-Cup verweist seit nunmehr zwei Jahrzehnten darauf, Mitteldeutschlands größtes Handball-Turnier auf Rasen zu sein. Bis zu 1.000 Personen tummeln sich dann, ganz nach dem Vereinsmotto „Löwenstark dabei“, an einzelnen Tagen auf dem Sportplatz des Einstein-Gymnasiums. Nicht so in diesem Sommer. Schweren Herzens sahen sich die Verantwortlichen veranlasst, den Pokal-Wettbewerb wegen der Pandemie abzusagen. Aber nicht nur das tut weh: Die Olvenstedter drücken plötzlich immense Finanzprobleme. Miet- und Pachtkosten sind zu zahlen, der eingeplante Umsatz im Catering bricht komplett weg. Hinzu kommt: Ein im Sommer geplantes Handball-Camp mit 90 Kindern musste gestrichen werden – hier droht der BSV auf 50 Prozent der Stornokosten sitzen zu bleiben.

So wie dem BSV 93 ergeht es in diesen Tagen Hunderten, wenn nicht Tausenden von Vereinen in Sachsen-Anhalt. Dass es sich dabei nicht etwa nur um zwar schmerzhafte, aber irgendwie zu stemmende Summen im drei- oder vielleicht vierstelligen Bereich handelt, das zeigt ein Blick nach Wernigerode. Der dortige Tauchklub Harz sitzt auf 17.500 Euro Stornokosten für Flüge und Hotelübernachtungen, die bereits im Dezember gebucht wurden. Mit dem Geld sollte vier jungen Tauchsportlern die Teilnahme am Weltcup in den USA ermöglicht werden. Einbußen im fünfstelligen Bereich befürchtet ebenso der Reit- und Fahrverein „Einetal” in Aschersleben, der eigentlich in der zweiten Augusthälfte sein „Ascania-Pferdefestival“ ausrichten will. Vereinsvorsitzender Harald Sporreiter meldete dem Landessportbund (LSB) Ausfälle von 70.000 Euro im Bereich Sponsoring und 24.000 Euro im Bereich Eintrittsgelder, sollte die Veranstaltung nicht stattfinden können.

Selbst wenn inzwischen die Sportsperren Stück für Stück gelockert werden, der Trainingsbetrieb vielerorts wieder Fahrt aufnimmt, an ihren durch Corona verursachten Finanzsorgen werden die 3.060 Vereine in Sachsen-Anhalt mit ihren 357.000 Mitgliedern noch lange zu knabbern haben. Für einige könnten sie sogar das Aus bedeuten. Allein für den ersten Monat nach dem Lockdown meldeten Vereine und Verbände geschätzte wirtschaftliche Einbußen in Höhe von 7,5 Millionen Euro. „Mit einem Ansteigen dieser Summe ist zu rechnen“, warnt LSB-Vorstandsvorsitzender Lutz Bengsch. Die wirkliche Summe dürfte tatsächlich weit über den avisierten 7,5 Millionen Euro liegen, da zunächst nur ein Monat erfasst wurde und nicht einmal ein Drittel der Sportgemeinschaften ihre Nöte dem LSB signalisiert hatten.

Die finanziellen Probleme der Vereine liegen laut Bengsch vor allem bei den laufenden Personalkosten, bei wegbrechenden Sponsoreneinnahmen und fehlenden Einnahmen für Veranstaltungen. Aber auch die laufenden Betriebs- und Nebenkosten der Sportanlagen machen schwer zu schaffen. In Sachsen-Anhalt existiert, anders als in anderen Bundesländern, bisher kein Hilfsfonds des Landes für Sportvereine. Bei der Inves-titionsbank konnten Vereine nur Anträge für Schäden im wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb (z. B. Betrieb einer Gaststätte) stellen. Mit dem für Sport zuständigen Innenministerium steht der LSB im Austausch. „Es sollte uns gemeinsam gelingen“, hofft der Chef der LSB-Exekutive, „ähnlich wie das in Sachsen oder Thüringen der Fall ist, Corona-Soforthilfen auch für den gemeinnützigen Sport aufzulegen.“

Die gute Nachricht inmitten einer in diesen Tagen Unmenge schlechter: Die Individualförderung der Spitzenathleten durch die Landesregierung zumindest ist gesichert. Die Stiftung „Sport in Sachsen-Anhalt“ hat die ersten Raten an 48 Athleten ausgereicht. Das jährliche Gesamtvolumen beträgt 200.000 Euro. Alle von der Stiftung unterstützten Kader erhalten eine Grundförderung und eine leistungsbezogene Förderung. Die Individualförderung kann je nach sportlichen Erfolgen zwischen monatlich 100 bis zu maximal 1.000 Euro betragen.

Nicht nur in Sachsen-Anhalt ist der Aufschrei der Vereine ob der Geldnöte groß. Er hallt in enormer Lautstärke quer durch die gesamte Republik. Der Präsident des Sportdachverbandes DOSB, Alfons Hörmann, schlug laut Alarm. Er sprach davon, dass schon ein Schaden von über einer Milliarde Euro eingetreten sei. Dies sei das Ergebnis einer Schadenserhebung bei seinen 100 Mitgliedsorganisationen. Der DOSB hatte die Unter­neh­mens­be­ra­tung Deloit­te mit einer Unter­su­chung beauf­tragt, laut der bereits ein Scha­den von 1,08 Milli­ar­den Euro einge­tre­ten sei und dieser sich, bei weite­rem Still­stand des Sport­be­triebs, expo­nen­ti­ell vergrö­ßern werde. Die Unter­su­chung basiert auf der Befra­gung von sech­zig Verei­nen und der Hoch­rech­nung der Ergeb­nis­se. Demnach hat jeder Sport­ver­ein im Schnitt 12.000 Euro Scha­den erlit­ten, eine Zahl, die deshalb mit 90.000, der Zahl der Verei­ne im DOSB, multi­pli­ziert wurde.

Laut dem Sport-Dachverband reiche die Hilfe, die Länder und Gemein­den den Leibesübungen zukommen lassen, nicht aus. Auch müsse das Zuwen­dungs­recht so geän­dert werden, dass es Klubs erlaubt, Rück­la­gen für Krisen­zei­ten zu bilden. Verei­ne und Verbän­de haben laut Hörmann noch nicht ansatz­wei­se eine Vorstel­lung von der Höhe ihrer Schä­den, die im Laufe des Jahres eintre­ten werden. Man habe, sagte Hörmann, anhand der Zahlen „zahlreiche Brandherde“ erkannt. Damit einher gehe die Gefahr, „dass aus dem aktuellen Schwelbrand in den nächsten Monaten ein nationaler und existenzbedrohender Flächenbrand entsteht”. Eindringlich mahnte er: „Wenn wir nicht bald zum herkömmlichen Sporttreiben mit entsprechenden Wettkampfaktivitäten zurückfinden und zusätzlich dringend notwendige Hilfen über alle Ebenen erfahren, wird Sportdeutschland im kommenden Jahr nicht mehr wiederzuerkennen sein.” Er fordert deshalb einen nationalen Notfallfonds für den Sport. „Ohne Hilfe werden (…) unsere 90.000 Vereine an vielen Stellen nicht überlebensfähig sein.“ Vor allem Programme für Vereine in den „klassischen, wertvollen Ligen“ wie Volleyball, Eishockey, Handball oder Basketball, die im Gegensatz zum Fußball nicht die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten, seien notwendig. „Andernfalls werden erste Insolvenzen schon in den nächsten Wochen und Monaten kommen“, so Hörmann.
Inzwischen befasste sich auch der Sportausschuss des Deutschen Bundestages mit der finanziellen Misere des Sports hierzulande. Für die Team­sport­ar­ten scheint der Blick in den Abgrund, der sich in der Sitzung des Parlaments auftat, zu einem Erfolg zu führen. „Wir wollen erst einmal den profes­sio­nel­len und semi­pro­fes­sio­nel­len Klubs helfen“, sagte Eber­hard Gien­ger, der sport­po­li­ti­sche Spre­cher der Unions­frak­tio­n; die Klubs der Ersten und Zwei­ten Fußball-Bundes­li­ga dürfen aller­dings keine Unter­stüt­zung erwar­ten. In der Diskus­si­on seien hundert Millio­nen Euro, sagte Gien­ger. Die Milli­ar­de für die Verei­ne spren­ge die Größen­ord­nung dessen, was die Sport­för­de­rung des Bundes bewäl­ti­gen kann.

Für die Vereinigung Team­sport Deutsch­land hatte Hand­ball-Präsi­dent Andre­as Michel­mann gewarnt, dass, wenn die Teams von Septem­ber an ohne Zuschau­er spiel­ten, bis zu vier­zig Prozent der Einnah­men ausfie­len. Darüber hinaus könnte das Enga­ge­ment von Spon­so­ren leiden. „Dann drohen uns die Profi-Klubs wegzu­bre­chen“, sagte Michel­mann nach der Anhö­rung, „und damit das Rück­grat der Natio­nal­mann­schaf­ten.“ Da die Klubs weder in das Mittel­stands­pro­gramm der Wirt­schaft noch in den Nothil­fe­fonds der Verei­ne passen, bedür­fe es eines Spezi­al­pa­kets für den Team­sport. Die Klubs und ihre Ligen bräuch­ten 200 bis 300 Millio­nen Euro.

Auf die gut 90.000 Sport­ver­ei­ne Deutsch­lands kommt durch die Corona-Krise nicht nur ein Scha­den von am Ende wahrscheinlich mehre­ren Milli­ar­den Euro zu. Es droht ebenso ein gewaltiger personeller Aderlass. Nach Erkennt­nis­sen des DOSB denken zehn bis fünf­zehn Prozent der Mitglie­der in Verei­nen und Verbän­den über einen Austritt nach; der DOSB gibt 27 Millio­nen Mitglied­schaf­ten in seinen Verei­nen und Verbän­den an. Seit drei Mona­ten gebe es prak­tisch keine Eintrit­te mehr, heißt es aus der Zentrale in Frankfurt/Main. Drei Vier­tel der Verei­ne fürch­te­ten deshalb um ihre Exis­tenz. Der DOSB warnte in seiner Sportausschuss-Präsen­ta­ti­on vor dem Verlust der Viel­falt der Sport­land­schaft, wie es sie in Deutsch­land gibt. Oder muss es besser heißen: noch gibt?

Sachsen-Anhalts Sportführung kann eine solche negative Tendenz bisher zumindest nicht bestätigen; belastbare Zahlen über mögliche Austritte liegen ohnehin erst nach dem 1. Januar 2021 vor. Aus den unterschiedlichsten Gliederungen sind aber Signale zu hören, denen zufolge die Mitglieder ihrem Verein auch in schweren Zeiten die Treue halten wollen. Dennoch ist in einem Appell der neuen LSB-Präsidentin Silke Renk der ernste Unterton nicht zu überhören: „Denjenigen, die meinen, in dieser Situation Geld für Eintrittskarten, Beiträge oder Startgebühren von ihrem Verein zurückfordern zu müssen, möchte ich etwas vor Augen führen. Erinnert Euch bitte, was die Übungsleiterinnen und Übungsleiter sowie eure Vereinsvorstände Jahr für Jahr ehrenamtlich leisten. Sie übernehmen Verantwortung für Eure Kinder, sie bieten Euch qualifiziertes Training an, sind Motivator, Freund, Zuhörer und Trainingspartner. Sie sind es, die euren Verein am Laufen halten.“ Und der soll jetzt nicht ins Stolpern kommen. Schon gar nicht wegen eines winzigen, unsichtbaren Virus.

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