Samstag, Mai 21, 2022
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Vier plus zwei

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Die Regierung in Bonn atmete auf. Endlich geschafft, das Abkommen war zur Unterzeichnung bereit. Vom Osten, also von der DDR- und der sowjetischen Seite als Abkommen über Westberlin bezeichnet, von der westlichen Seite, von Bonn und den verbündeten Seiten, war es das Abkommen über Berlin. 1971, am 3. September, wurde es von den Vertretern der vier Staaten unterzeichnet, die nach Kriegsende 1945 als Besatzungsmächte die Oberhoheit über die ehemalige Hauptstadt des Deutschen Reiches hatten. Die Sowjets akzeptieren mit dem Vier-Mächte-Abkommen die gewachsene Lage, nämlich die faktische Zugehörigkeit West-Berlins zur Wirtschafts-, Gesellschafts- und Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Gleichzeitig wird jedoch im Abkommen auch festgeschrieben, dass der Westteil Berlins „wie bisher kein Bestandteil“ der Bundesrepublik ist. Bonn muss da-raufhin seine Präsenz in West-Berlin reduzieren. Insgesamt stabilisiert und entspannt aber das Abkommen, das zusammen mit den Ostverträgen am 3. Juni 1972 in Kraft tritt, die Lage in und um die geteilte Stadt.

Liebe Leserinnen und Leser, dies hier soll keine Unterrichtsstunde in Sachen Geschichte sein. Sie befinden sich auf der Seite unserer Kolumne „Ich spreche Deutsch“. Die Verhandlungen bis zum Abschluss dieses Abkommens hatten schon über ein Jahr vorher begonnen. Schon an den Bezeichnungen für dieses Abkommen, nämlich „über Berlin“ (so wird es in der Tagesschau-Sendung der ARD genannt), oder „über Westberlin“ (wie es sicherlich in der Aktuellen Kamera des DDR-Fernsehens geklungen hat), zeigt sich eine gewisse Brisanz. Aber die Vertreter der vier Mächte gelangen bei allen Schwierigkeiten in den Verhandlungen zu einem Text, dem die vier Seiten zustimmen. Das Problem ist aber, dass dieser Text in den Sprachen Russisch, Englisch und Französisch vorliegt. Aber nicht in deutscher Sprache! Eigentlich ist es doch gar kein Problem, die paar Seiten – es sind insgesamt nur acht Blätter – ins Deutsche zu übersetzen. Und die Übersetzung könnte man ja auch, weil es sich hier um eine sehr hohe politische Ebene handelt, mehreren anderen Dolmetscher- und Übersetzerkollegen nochmals zur Durchsicht und Überprüfung geben, damit sich da wirklich kein Fehler eingeschlichen hat.

Leider ist es heute, im Jahre 2021, für normale Bürger schwierig, umständlich oder vielleicht unmöglich, auf die Archive der ehemaligen DDR zuzugreifen. Jedenfalls ist aber davon auszugehen, dass nach dem Abschluss der Verhandlungen zu dem genannten Thema in der Zeitung „Neues Deutschland“, damals Zentralorgan der SED, eine Übersetzung des Vier-Mächte-Abkommens abgedruckt wurde. Und dies gegen den Protest aus Bonn, der damaligen Hauptstadt der westdeutschen Republik. Die Bundesregierung unter dem Kanzler Willy Brandt bestand auf einer amtlichen, von den Botschaftern der vier Verhandlungsmächte autorisierten deutschen Übersetzung noch vor dem Unterzeichnungsakt. Mit anderen Worten: Hohe staatliche Einrichtungen anderer Staaten sollen bestätigen, dass der anzufertigende deutsche Text tatsächlich das wiedergibt, was sie selbst in einer Fremdsprache formuliert haben. Die westdeutsche Regierung ging von der Position aus, den freien Verkehr zwischen dem Territorium Westdeutschlands und dem westlichen Teil von Berlin zu sichern und dass der westliche Teil Berlins faktisch zur Bundesrepublik Deutschland gehört. Sie fürchtete, dass es bei dem seitens der DDR vorgelegten Übersetzungstext zu Differenzen in der Interpretation des Vier-Mächte-Abkommens und damit zu Behinderungen kommen könnte.

Die Verhandlungsführer der vier Seiten setzten sich nochmals zusammen. Im Hintergrund – im Hintergrund, nicht im übertragenen Sinne, sondern im buchstäblichen Sinne des Wortes – standen Experten aus beiden deutschen Staaten. Es wurde, sicherlich ähnlich wie bei Tarifverhandlungen von Arbeitgebern und Gewerkschaften, diskutiert, gestritten und geschachert, der eine erklärte sein Einverständnis mit der einen Sache, wenn der andere das und das akzeptiert usw.

Ein Wort, das damals besonders viel im Westen strapaziert wurde, war „Zugangsrechte“. Gemeint war damit der ungehinderte Zugang zum westlichen Teil Berlins. Im russischen Text des Abkommens war von „transit“ die Rede, auch im englischen heißt es „transit traffic“. In die endgültige deutsche Fassung wurde dann „Transitverkehr“ aufgenommen. „Transit“, diesen Ausdruck werden viele unserer Leserinnen und Leser vom Flugverkehr her kennen, wenn sie sich nämlich nach der Abfertigung im Transitraum aufhalten. Wir sehen auch in das Fremdwörterbuch (Leipzig 1975) und finden dort: „Transit – Durchgangsverkehr, Durchfahrt von Waren bzw. von Personen durch ein anderes Land“. Das Wort stammt aus dem Lateinischen: trans = ‚durch‘, ire = ‚gehen‘. Mit der Aufnahme dieses Wortes, eben definiert als „Durchfahrt durch ein anderes Land“, in die offizielle deutsche Version des Abkommens hatte die DDR einen Sieg errungen. Sie kämpfte bisher stets um diplomatische Anerkennung und hatte damit immer verbunden, dass auf deutschem Boden zwei deutsche Staaten existieren. Die westdeutsche Seite war mit ihrem „Durchgangsverkehr“ nicht durchgekommen.
Ein weiterer Zankapfel war das englische Wort „tie“. Wenn Sie in einem englisch-deutschen Wörterbuch nachsehen, werden Sie als erste Bedeutung wahrscheinlich „Krawatte“ finden. Eine Krawatte aber muss gebunden werden, und da finden wir auch das Verb: to tie = binden, festbinden, festmachen. Dies ist also die ursprüngliche und wesentliche Bedeutung. Das zugehörige Substantiv, tie, im Plural ties, war Gegenstand der Diskussionen bei den Verhandlungen. Im Russischen lautete der entsprechende Text „svjasi“ (hier in unserem vorliegenden Text nur mit lateinischen Lettern), im Französischen „liens“. Wie weiter oben schon gesagt, war es nicht möglich, die erste DDR-Fassung des Viermächteabkommens zu finden. Aber sehr wahrscheinlich ist, dass der Chefkommentator des DDR-Fernsehfunks Karl-Eduard von Schnitzler in seinen ersten Kommentaren von „Verbindungen zwischen Westdeutschland und Westberlin“ gesprochen hat. Verbindungen können Sie haben, sogar nach ganz oben hin, zu bestimmten Kreisen, zu Ihrer Bank, zu Bekannten usw. Aber zu Ihrem Ehepartner, zu Ihren Kindern, vielleicht auch zu Ihrer Firma, haben Sie sicherlich Bindungen. Verbindungen und Bindungen – da gibt es eben doch wohl Unterschiede. Die Freunde aus Bonn mussten akzeptieren, dass der westliche Teil Berlins kein Teil der Bundesrepublik ist und konnten dafür aber im Gegenzug durchsetzen, dass in die offizielle Fassung der deutschen Übersetzung „Bindungen“ aufgenommen wurden.

Bei der Diskussion um Benennungen wird von westdeutschen Politikern und Sprachforschern auch kritisiert, dass die ostdeutsche Bezeichnung des westlichen Teils Berlins „Westberlin“ lautete. Sie geben an, die DDR-Machthaber hätten dies absichtlich getan, um Westberlin den Status einer eigenständigen, isolierten Stadt zu geben. Gemäß dem Duden, auch dem im westdeutschen Mannheim herausgegebenen, ist es korrekt, bei solchen kurzen, überschaubaren Benennungen auf den Bindestrich zu verzichten: „Zusammensetzungen mit geografischen Namen schreibt man im Allgemeinen ohne Bindestrich. Man kann jedoch einen Bindestrich setzen bei unübersichtlichen Zusammensetzungen oder wenn man den Namen hervorheben will.“ Der östliche Teil Berlins wurde in den DDR-Medien nach 1961 „Berlin, Hauptstadt der DDR“ genannt. Die westlichen Politiker bevorzugten dann, insbesondere um auf den provisorischen Charakter des Status der geteilten Stadt hinzuweisen, die Schreibweise „West-Berlin“ oder, in den amtlichen Dokumenten, „Berlin(West)“. Wenn man auf den Westen hinweist, dann muss es ja auch einen Osten geben, so ihre Argumentation. Das damals existierende Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen hatte sogar eine Richtlinie herausgegeben, wonach „Sowjetsektor“ und „Berlin(West)“ verwendet werden sollten.

Heute hat sich all das überholt, ist ohne Bedeutung geworden. Was Sie aber, liebe Leserinnen und Leser, verstehen sollten, ist, dass Sprache eben doch mehr ist als nur einfach etwas zu sagen oder zu schreiben, und dass es Politiker und, nicht zuletzt, auch Strategen in der kommerziellen Werbung gibt, die das erkannt haben und mittels Sprache gerne Einfluss ausüben möchten. Was ihnen oft genug gelingt, nur merken wir es nicht immer.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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