Viermal 80plus beim SCM

Trau keinem unter Achtzig! Wenn man es einmal respektlos überspitzen wollte, könnte das so etwas wie ein Mantra beim Handball-Drittligisten SC Magdeburg Youngsters sein. Denn dass es beim Nachwuchsteam des Bundesligisten hinter den Kulissen „läuft“, wie es in der Sportsprache heißt – dafür sorgen tatsächlich gleich vier Über-Achtzigjährige. Sie alle sind seit der Bildung der Youngsters im Jahr 2000 dabei, bilden so etwas wie das Rückgrat im Team hinter dem Team, das auf der Platte agiert. „Ohne die vier“, lobt Unternehmer Heiko Ruhbaum, einer aus der Mannschaftsleitung und Sponsor, „würde das ganze Konstrukt nicht funktionieren. Wir sind froh, dass wir sie haben. Die Hauptamtlichen im Verein könnten das gar nicht allein stemmen.“

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Einer aus dem Oldie-Quartett ist Jürgen Brand. Quasi der Alterspräsident. Wenn für das Wort vom Multi-Funktionär ein Bild entworfen werden sollte, der heute 85-Jährige käme dem ziemlich nahe. Offiziell fungiert er als Liga-Obmann und Hallensprecher. Aber eigentlich, dass wissen sie bei den Youngsters, hat der frühere Sport- und Geografielehrer, den alle nur „Kanter“ nennen, überall seine Hände im Spiel, hilft und organisiert, wo er kann. „Handball ist mein Leben“, erklärt er. „Er lässt mich nicht los. Ich kann einfach nicht anders.“ Ohne den Sport, ohne den Kontakt zu jungen Menschen, hat er einmal gesagt, „ohne den wöchentlichen positiven Stress würde mir was fehlen, würde ich vielleicht gar nicht mehr leben”.

Wer Brand einmal in der altehrwürdigen Gieseler-Halle erlebt hat, kann den Sinn dieser Worte nachvollziehen. Wie er, der wahrscheinlich älteste Hallensprecher im deutschen Handball, da in seiner Glaskabine sitzt und mit sonorer Stimme, die den Magdeburger Slang nicht verleugnen kann, am Mikrofon für Stimmung sorgt – Chapeau. Wenn Brand erzählt, gewinnt der Außenstehende schnell den Eindruck, Hallensprecher (der auch die Pressekonferenzen leitet) zu sein, wäre eine seiner leichteren Übungen. „Das meiste passiert von zu Hause aus, am Telefon.”

Als Liga-Obmann ist er für die Gestaltung des Spielplans, einen Großteil der damit verbundenen Organisation und die Absprachen mit den Gegnern zuständig. „Früher bin ich am Wochenende sogar fast immer zu allen Auswärtsspielen mitgefahren, heute verzichte ich zumindest auf Fahrten, die über 150 Kilometer hinausgehen. Man spürt eben das Alter doch schon …“ Es gibt noch eine dritte Sache, für die sich Brand zuständig fühlt: Er ist, wenn die Mannschaft zu den Punktspielen in die verschiedensten Ecken der Republik aufbricht, so etwas wie der Proviantmeister. „Dabei geht es nicht nur darum, die nötigen Dinge wie Getränke, Brötchen oder Kuchen im Bus zu haben. Damit die Jungs nach dem Spiel etwas Warmes bekommen, ordere ich von Magdeburg aus beispielsweise in Kiel Pizzen, die dann an den Bus gebracht werden. In den dortigen Gaststätten kennt man mich schon …“

Eine Sache ist Brand wichtig: Ohne seine Alters-Gang, die Jungs neben ihm, „ginge nichts“. Da ist Erwin Nist, der demnächst 85 wird. Im Verein ist er, der als Spieler von Lok Südost 1963 DDR-Meister wurde, zuständig für die Schiedsrichterbetreuung. Da ist Günter Leipold, 83, der sich um die Sponsoren kümmert. Da ist Peter Werder, 82, der die Finanzen verwaltet. Die meis-ten von ihnen sind Fermersleber, kamen 2000 nach der Insolvenz der dortigen FSV-Handballer zum SCM. „Mit welchem Engagement und mit welcher Disziplin sie dies alles im hohen Alter bewältigen, das verdient höchsten Respekt“, sagt Ruhbaum. „Sie sind bei uns im Verein ein Vorbild für die jüngeren Ehrenamtlichen, für die zwischen 40 und 60.“

Apropos Ehrenamt. Brand: „Das sind wir vier in Reinkultur. Ich beispielsweise nehme keinen Cent vom Verein, auch nicht für den Nebenjob als Hallensprecher.“ Aber wie lange kann der SCM noch auf die Vitalkraft seiner Senioren setzen? Natürlich, räumt Brand ein, könne er mit seinem Alters-Quartett nicht bis in alle Ewigkeit die Geschicke bei den Youngsters mitgestalten. Noch aber fühlt er sich fit. Und was das Ende der Ehrenamt-Laufbahn betrifft, hält er es mit dem Motto vieler Profis im Herbst ihrer Karriere: „Das hängt allein von der Gesundheit ab. Ich schaue von Jahr zu Jahr …“
Rudi Bartlitz

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