Samstag, Oktober 16, 2021
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Vom Sterben einer Hoffnung: Wie Krankheiten die Geschichte beeinflussten (Teil 3)

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Lange, sehr lange hatte er darauf gewartet, die Herrschaft über das neugegründete Deutsche Reich anzutreten. Mit neuen weiterführenden Ideen wollte er die Zukunft gestalten und nicht wenige im Lande setzten ihre ganze Hoffnung auf ihn. Er, das war der Thronfolger, war Kronprinz Friedrich, Sohn des ersten Deutschen Kaisers Wilhelm I. Schon in den vierziger Jahren wurde sein politischer Gestaltungswille erkennbar. Mit seinem Vater, dem Prinzen Wilhelm, war er nach den Revolutionsereignissen vom März 1848 im Frühsommer nach London gereist. Der als „Kartätschenprinz“ bei der Bevölkerung in Ungnade gefallene jüngere Bruder König Friedrich Wilhelms IV. war per Order zu seiner Sicherheit und zur Entschärfung der Situation aus dem Verkehr gezogen worden. Ein Vierteljahr dauerte der Aufenthalt in England und am englischen Hof. Dort hatte ein liberaler Deutscher, Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, der Gemahl der britischen Königin Victoria, großen Einfluss. Vom englischen Modell der konstitutionellen Monarchie war der begeistert und sah darin eine Vision für alle kontinentaleuropäischen Herrschaftsstrukturen. Bei Vater Wilhelm fand er damit wenig Gegenliebe, doch Sohn Friedrich, 17 Jahre alt, war voller Begeisterung. Die erst 9-jährige älteste Königstochter Victoria wurde ihm bei dieser Gelegenheit vorgestellt, was à la longue nicht folgenlos bleiben sollte.

Vicky, so ihr Kosename, war ihrem Vater in grenzenloser Liebe und Verehrung verbunden. Sein Lebensentwurf und seine Ideen wurden auch die ihrigen. Mit 17 Jahren heiratete sie schließlich den preußischen Thronfolger, was in England allgemein missbilligt wurde. Als nicht so ganz standesgemäß empfand man dort das Kraut- und Kartoffel-Königreich an der Spree. In Berlin erkannte man früh die zu einflussreiche Stellung der englischen Prinzessin in der Ehe des preußischen Thronfolgers und nahezu die gesamte Hofkamarilla missbilligte sie und auch der 1862 ins Ministerpräsidentenamt gekommene Bismarck verband schnell und gründlich ein lebenslang anhaltendes abgrundtiefes Misstrauen zu dieser „Engländerin“. Das Kronprinzenpaar sympathisierte öffentlich mit liberalem Gedankengut, was bei Hofe nicht gut ankam. Für einen kurzen Augenblick öffnete sich 1862 das Fenster für die Thronübernahme als Wilhelm im Rahmen des Verfassungskonfliktes mit dem Rücktritt spielte, der aber dann doch nicht eintrat. Ein Jahr später bezog Kronprinz Friedrich bei einer Rede in Danzig, wo es lediglich um Pressefragen ging, öffentlich Stellung pro Liberalismus, allerdings sehr verhalten und dezidiert. Ein väterliches Rede- und Stellungnahmeverbot war die Folge, aber auch die unverhohlene Sympathie des liberalen und katholischen Bürgertums. Die erfolgreichen drei Einigungskriege, das Militär, die Reichsgründung, das Erstarken des Reiches, die diplomatischen Erfolge, das international bewunderte und beneidete Wachsen der Wirtschaft, der Industrie, die erfolgreichen Wissenschaften und die nie und nirgendwo auf der Welt dagewesenen sozialen Gesetzgebungen führten bei der normalen Bevölkerung in den nicht industrialisierten Gebieten zu einem Gefühl tiefer Zufriedenheit. Weniger bei den bürgerlichen Eliten und in katholischen Kreisen. Die stellten sich das neue Deutsche Reich fortschrittlicher und zukunftsfester vor. Die starke Stellung des Monarchen und des Reichskanzlers, das alles dominierende Militär, sowie das, die Mitsprache einengende Wahlsystem waren ihnen ein Dorn im Auge. Deren Hoffen lag auf dem Thronfolger Friedrich und der Nach-Bismarck-Zeit. Es wurde ein verdammt langes Warten und blieb am Ende doch erfolglos.

Bis zu seiner Maserninfektion 1886 war der Kronprinz äußerlich die ideale Kaisergestalt. Hochgewachsen mit blondem langen welligen Haupthaar, großem Vollbart und blauen Augen, das klassische Siegfriedantlitz des Historismus und der berufene Nachfolger der Friedrichs der Stauferzeit sowie der preußischen Friedrichs ( was ihm aber Bismarck verbot). Gern und oft rauchte er Zigarren oder Pfeife!! Seine alte Tatkraft schien er noch nicht wieder erreicht zu haben, als er im Januar 1887 an Grippe erkrankte. Der Verlauf war üblich. Bald jedoch stellte sich eine Heiserkeit ein, die offensichtlich zur Chronifizierung neigte. Sie wurde zunächst nicht weiter beachtet. Am 8. März 1887 eröffnete er bei einem Empfang für die Mitglieder des Reichstagspräsidiums seine Ansprache mit den flapsigen Worten: „Heiserkeit, meine Herren, verhindert mich, Ihnen etwas vorzusingen!“ Zwei Tage zuvor wurde Professor Karl Gerhardt von der Berliner Charite ́hinzugezogen und hatte eine Kehlkopfspiegelung vorgenommen, eine damals neue Methode. Sibyllinisch sein Befund, wörtlich: „Sah man am Rande des li. Stimmbandes zwischen Stimmfortsatz und Stimmbandmitte, ersterem näher, eine blasse, zungen- oder lappenartige, anscheinend etwas unebene Vorragung. Die Länge derselben betrug etwa 4, die Höhe 2 mm. Die Diagnose wurde gestellt auf papulöse Verdickung des linken Stimmbandes.“ Mehrmals bis Anfang April erfolgten Abtragungen der „Papeln“ mittels glühender Platindrahtschlingen, eine Tortour damals, trotz der kurz vorher durch Carl Koller inaugurierten Lokal- anaesthesie. Danach Kur in Bad Ems ohne Effekt. Am 18. Mai beriet ein Ärztekonsil unter Ernst von Bergmann den Befund. Erstmals stand die Verdachtsdiagnose „Krebs“ im Raum. Die Befunde wurden untereinander und anschließend mit dem Thronfolger besprochen. Die Konsequenzen verheerend. Alle Kehlkopfeingriffe waren noch keine Routine. Ernst v. Bergmann begann mit OP-Übungen an Leichen. Dennoch beschloss man, den auf dem kommenden Gebiet der Laryngologie international schon Führenden zu konsultieren. Es war der Engländer Morell Mackenzie, der a priori das Vertrauen der Kronprinzessin Vicky besaß. Bei seinen deutschen Kollegen galt er ob seiner Selbstgefälligkeit und seiner Geldgier als ehrenrührig, denn er erhielt die unerhörte Summe von 250.000 Goldmark für den Eingriff. Seine Diagnose am 20. Mai: Gutartig! Erleichterung im Kaiserhaus.
Es kam, was naheliegt, zum Eklat zwischen den deutschen und britischen Ärzten. Man einigte sich auf Probeentnahmen und histologische Untersuchungen, die kein Geringerer als der führende Pathologe Rudolf Virchow vornahm. Dreimal erhielt er Proben, dreimal: gutartig, dreimal lag er daneben. Die vierte Probe datiert aus der Endphase der Krankheit, wieder: Kein Anhalt für Malignität! Waren es Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen des führenden liberalen Politikers und größten Bismarck-Gegenspielers, die ihn zu diesen Fehldiagnosen verleiteten? Dass ein oder zwei Bioptate falsch positiv sind, ist nicht ungewöhnlich und Virchow selbst hatte auch lege artis darauf hingewiesen, diese Anzahl jedoch macht Erstaunen.

Im Juni reiste Friedrich zum Goldenen Thronjubiläum seiner Schwiegermutter Victoria nach London, wo ihm zwei weitere „Polypen“ entfernt wurden. Er war so zufrieden, dass er die Schwiegermutter bat, Mackenzie in den Adelsstand zu erheben, was diese auch tat, Sir Morells Ansehen aber bei den Kollegen nicht förderte. Erst nach den anschließenden mehrmonatigen Aufenthalten in subalpinen und mediterranen Kurorten änderte Morell seine Meinung: „Now it looks like a cancer“. Am 11. November notierte Friedrich, dass davon auszugehen sei, dass er Krebs habe. In die große, den Kehlkopf entfernende OP willigte er nicht ein, nur in einen Luftröhrenschnitt, so er denn erforderlich werden sollte, was am 9. Februar 1888 eintrat. Einen Monat später wurde er Kaiser für 99 Tage, ohne je ein Wort noch gesprochen zu haben. Nur eine einzige Amtshandlung war ihm vergönnt. Er entließ den Innenminister Robert von Puttkamer, der für Wahlunregelmäßigkeiten 1885 verantwortlich gemacht wurde.

Die deutsche behandelnde Ärzteschar war frustriert. Der Frust bezog sich auf die englischen Kollegen und die englische Vicky! Im Frühjahr 1888 machte das kommende Kaiserpaar noch oft Ausfahrten in Charlottenburg. Aus der silbernen Trachealkanüle lief ständig Wundsekret, Bergmann verbittert: „Jetzt kann jeder sehen, dass das, was aus dem Munde des Kronprinzen fließt, Krebsjauche ist“!
Was wäre gewesen, wenn diesem Kaiser 25 Regierungsjahre beschieden gewesen wären? Wären wir liberaler, englischer geworden? Was wäre gewesen, wenn … Wilhelm II. seine Operettenbuffo-Zeit länger in Machtlosigkeit verbracht hätte? Wie immer das Dilemma der vielen Konjunktive, denn: Alle Akten sind geschlossen und alle Fragen offen! | Dr. Peter Staudacher

Buch-Tipp zum Thema: Ein Magdeburger beschreibt die Geschichte der Medizin in der
jeweiligen Epoche; Ronald D. Gerste: „Die Heilung der Welt“; Klett-Cotta Verlag 2021; ISBN 978-3-608-98409-5

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