Von Fall zu Fall: Magdeburg – Neuseeland und zurück

Mulmig war es Max, einem noch selten anzutreffenden, abenteuer- und reiselustigen „Naturburschen“ aus dem Magdeburger Umland schon ein wenig, als er im zarten Alter von 16 Jahren für mehr als ein Jahr nach Neuseeland gegangen und zum anderen Ende der Welt, weit weg von Mama und Papa, abgeflogen war.

folgt uns für weitere News

Einige fremde Gasteltern mit mehr oder minder ausgeprägtem Interesse an seinem weiteren jugendlichen Fortkommen, nur englischsprachigen Unterricht mit ebensolchen Lehrern und Mitschülern in schicken Schuluniformen hatte er kennengelernt, aber auch die Natur dieses herrlichen Landes mit üppiger Flora und Fauna, mit flugunfähigen Weka-Vögeln, Riesenechsen und laut trötenden Kröten.

Er hatte seine „Fleppen“ dort ziemlich easy machen können und war viele Tage und Nächte mit einem Leihwagen quer durchs Land unterwegs gewesen, hatte in der Natur geschlafen und sich den unbeschreiblichen Sternenhimmel betrachten können, an vielen Lagerfeuern am felsigen Strand und im exotischen Festland gesessen und eine Menge interessanter und weltoffener Menschen getroffen, einschließlich Eingeborene. Und endlich war er mit dem dort hart erkämpften Abitur im Rucksack wieder in den Schoß der deutschen Heimat zurückgekehrt, eingeflogen aus Christchurch via Wellington nach Frankfurt und dann weiter in die Landeshauptstadt Magdeburg.

Dank WhatsApp sprach sich dieser Umstand bei früheren Mitschülern und lange nicht gesehenen Freunden wie ein Lauffeuer justament herum und der Rückkehrer erhielt sofort eine Einladung zum gemeinsamen Treffen am Abend – anlässlich auch der bestandenen Abiture seiner ehemaligen Klassenkameraden, die sich im nahegelegenen Busche zu Biederitz unterhalb der viel befahrenen Eisenbahnbrücke zum gemeinschaftlichen kommunikativen Verkehr, sowie dem Verzehr von ein, zwei, drei „Sud’nburgern“ oder diversem anderen Gebräu, einschließlich der Mädels von früher, so quasi als „altes Lernkollektiv“ zu versammeln und als Heranwachsende entsprechend zu verlustieren gedachten.

Also – trotz Jetlag flugs aufs Rad und ab in den Busch – so, wie in Neuseeland – dachte er sich und radelte voller Vorfreude los in die Natur zum Punkte des Treffens, den er dank „Google Maps“ auch ohne Kompass sofort fand. Die Mugge aus einem Lautsprecher, den Carlos, sein früherer Kumpel auf sein Auto gestellt hatte, war genauso riesig, wie sein Empfang mit lautem „Hallo“. Doch bevor er nun reihum jedem die Hand schütteln und sich eine Flasche „Helles“ genehmigen konnte, da war’s auch schon vorbei mit der Wiedersehensfreude, der Feier im Busch und dem geplanten chillen in der freien Natur.
Die ganze Meute Anwesender stob plötzlich, ohne einen für ihn ersichtlichen Grund, auseinander. Sie löste sich in alle Himmelsrichtungen auf und nur Max stand wie „in der Sonne“ versteinert da und hatte keine Ahnung ob der Ursache dieser überraschenden Massenflucht. Nur sein Kumpel Carlos hatte ebenfalls wie angewurzelt an seinem Auto ausgeharrt und gab ihm mittels Augenrollens und Kopfnickens zu verstehen, dass er sich doch einmal umsehen sollte.
„Was?“, dachte Max. Wilde Tiere hatte er doch in Neuseeland schon genug gesehen, davor ängstigte er sich keineswegs und so drehte er sich um und schaute nach. Oh, Nachtigall, ick hör’ Dir trapsen – der Grund war nun sonnenklar: Zwei rasch herannahende Männer in dunklen Uniformen, auf denen der Schriftzug „Polizei“ zu lesen war, zeigten sich offenkundig ernstzunehmend motiviert, dem jugendlichen Treiben ein jähes Ende zu bereiten. Ausweiskontrolle, Belehrung ob der Missetat, sich in der freien Natur nicht nur zu „Erholungszwecken“ aufgehalten und dabei sogar noch laute Musik gehört zu haben, Personalienerfassung, Anordnung zur Beräumung des Tatortes und dessen sofortigen Verlassens, sowie Ankündigung einer Nachkontrolle folgten.
Auf den Hinweis, dass doch über die Eisenbahnbrücke viele, weitaus lautere Züge ständig ratterten und man doch nichts Verwerfliches tat, derartiges auch nicht vorhatte und die Natur auch verlassen würde, wie man sie vorfand – also ohne Müll und leere Flaschen – folgte die Mahnung: „Gesetz ist Gesetz!“ Da war’s vorbei mit der jugendlichen Feierei und der Kram musste zusammengepackt und die Örtlichkeit flugs verlassen werden. Willkommen zu Hause, lieber Max!

Ein paar Wochen später flatterte ein Poststück der Landeshauptstadt Magdeburg ins Haus – die Anhörung im Bußgeldverfahren mit erheblicher Zahlungsandrohung horrender Summen zum Zwecke adäquater Buße. Max schrieb sogar noch retour, dass er sich ja wirklich nur in der Natur erholen wollte und nichts Böses tat, im übrigen derzeit ja noch keine Puseratze verdienen und somit seinen Eltern auf der Tasche liegen würde. Egal. Auch einen Bußgeldbescheid brachte der Postbote bald ins Haus: Peng! Dreihundert Euro für die frevelhafte Tat!

Die Strafe von der harten Hand des Gesetzes war unmittelbar der Tat auf dem Fuße gefolgt, als dass es dem Bösewicht nicht nochmals in den Kopfe stiege, sich im Busche nicht nur zum Zwecke der körperlichen und geistigen Erholung ungesetzlichen Aufenthalt zu verschaffen. Jawoll! Mittels Rechtsschutz und Anwalt Lieblings bester Hilfe wurde die vermeintliche Missetat schwer erörtert und sodann entschieden, gegen den Bescheid in den Kampf zu ziehen und in der gerichtlichen Schlacht gegen die strafenden Paragrafen bestmöglich zu bestehen. Gesagt, der Behörde mitgeteilt und getan!

So kam es im Bußgeldverfahren gegen Max F. (Name leicht abgewandelt) zum Gerichtstermin und eine erfahrene Richterin am hiesigen Strafgericht befasste sich tiefgründig mit der Max zur Last gelegten Missetat, einschließlich der peniblen Befragung eines herbeigeladenen, damals vor Ort befindlichen Polizeibeamten. So kam dabei glatt heraus, dass ein obereifriger Mitbürger, nennen wir ihn den anonymen „Meckerus“, der mit seinem Radel zufällig in der Nähe der Abi-Féte langgefahren war, die Polizei telefonisch darüber benachrichtigt hatte, dass dort eine akute Belästigung von Exemplaren einer, gelegentlich im Busche anzutreffenden Krötengattung vorläge und er mithin auf fernmündlichem Wege hiermit Anzeige erstatten und sofortigst Abhilfe begehren würde – schließlich stünden die Kröten ja vielleicht unter Naturschutz – dem müsse ergo unverzüglich Einhalt geboten werden. Also musste die Polizei desterwegen ausrücken und der angezeigten bösen Krötenstörung ein Ende bereiten. Schließlich lag eine Anzeige vor, der man also „von Amts wegen“ nachzugehen und als uniformierter Staatsmachtsvertreter entsprechend zu wirken und zu wirbeln hatte. Und der Max stand ja auch da, als man am Tatorte eintraf – also war auch er ein Missetäter und damit „dran“. Und der Herr Polizeioberamtmann (oder so ähnlich) berichtete weiter, dass die jungen Menschen eigentlich nicht gestört und nicht einmal Müll in die Natur geworfen hätten. Auch sonst herrschte reges Treiben unter der Eisenbahnbrücke einschließlich der fahrplanmäßig laut durchratternden Bundesbahnen. Aber: Gesetz ist Gesetz! – was sollte er machen.

Max und Anwalt Liebling und offenbar auch die verehrte „Frau Richterin“, die nun alle wussten, wie es sich tatsächlich verhalten hatte, waren ein wenig „baff“. Max hätte tatsächlich 300 Kröten löhnen sollen, obwohl er selbst nichts Böses getan hatte, mit dem er dort vielleicht trötende Kröten hätte stören können? Nur, weil er die freie Natur angeblich nicht nur „zu Zwecken der Erholung“ betreten hatte?

Da werfen sich Fragen wie von alleine auf: Wie und wo erholt sich denn ein Jugendlicher im Allgemeinen und im Besonderen, vor allem abends und nach bestandener Abi-Prüfung? Darf man sich unter einer vielbefahrenen Eisenbahnbrücke überhaupt als Kröte aufhalten, weil ja der Lärm des Zugverkehrs den Menschen, ja sogar den Jugendlichen beim Feiern stört? Was stört Kröten, die sonst den ganzen Tag von Bahnlärm gestört werden, überhaupt? Stehen unsere Kinder nicht ein wenig unter störungsfreiem Naturschutz oder gilt der nur für Kröten, Fledermäuse und anderes Getier, für das Millionen beim Autobahnbau ausgegeben werden müssen und sogar können?

Das Gericht sollte im Rahmen seiner Aufklärungspflicht nicht noch „über Gebühr“ bei der Planerfüllung seiner sonst wirklich wichtigen Prozesse gestört werden und so wurde das Verfahren gegen Max kurzerhand einvernehmlich eingestellt. Bravo – da kann man nur anerkennend beipflichten.
Besonderer Dank, indes ohne jegliche Anerkennung, geht allerdings an den anonymen „Meckerus“ aus Magdeburg, der mit seiner beflissenen Anzeige letztlich den Grundstein für diese wahre Geschichte legte. Weiter so! Wir berichten gern von jedem Fall – auf jeden Fall!

Und die Moral von der Geschicht:
Willst Du wissen, wie die Kröten tröten?
Dann betrete bitte nur
zum Zwecke der Erholung die hiesige Natur.
Sonst ruft der „Meckerus“ bei der Sitte an
und fordert Deinen Kopf,
damit die ach so arg geschockten Kröten
wieder in Ruhe dürfen tröten.

Rechtsanwalt Andreas Dahm