Von Hundert auf Null: Wie der Magdeburger Automobil-Rennfahrer Dominique Schaak mit den Folgen der Corona-Pandemie zurechtkommt.

Wie der Magdeburger Automobil-Rennfahrer
Dominique Schaak mit den Folgen der Corona-Pandemie zurechtkommt. | Von Rudi Bartlitz

Für einen Mann, bei dem Geschwindigkeit einen gehörigen Teil der DNA ausmacht, stellt die gegenwärtige Phase der nahezu totalen Entschleunigung eine Herausforderung besonderer Art dar. „Ja“, räumt Dominique Schaak, Sachsen-Anhalts einziger professioneller Automobil-Rennfahrer, ein, „mit dem gegenwärtigen Corona-Stillstand tue ich mich zuweilen schon etwas schwer. Manchmal fällt einem schon die Decke auf den Kopf.“

Normalerweise würde der 29-Jährige zu dieser Jahreszeit in schnellen Boliden irgendwo in Europa über die Asphalt- oder Betonstrecken jagen, ob zu Tests oder Rennen. Doch für die Männer in ihren fliegenden Kisten gilt dasselbe Motto wie für alle Sportveranstaltungen in diesen Tagen – nichts geht mehr. „Man muss es akzeptieren, wie es ist. Die Gesundheit geht einfach vor“, sagt er im Gespräch mit der KOMPAKT Zeitung. „Dieses Schicksal teile ich mit allen anderen Leistungssportlern. Es ist für alle eine schwere Zeit. Man muss nur schauen, den körperlichen Fitnesszustand zu erhalten und sofort bereit zu sein, wenn das Signal zum Neustart kommt. Selbst wenn es schwerfällt, sich Tag für Tag neu zu motivieren. Denn ich habe keinen Trainer und kein Team, die mich immer wieder anschubsen. Dafür bin ich schon ganz allein verantwortlich.“

Noch ist jedoch eine weitere Tugend gefragt: nämlich Geduld. „Ich habe in diesem Jahr, da bisher alle Tests der Pandemie zum Opfer fielen, nicht einen Moment in einem Auto gesessen – natürlich nur rennmäßig. Die einzige Ausnahme waren ein paar Kilometer für Werbezwecke in einem elektrogetriebenen Porsche Taycan auf meiner Heimstrecke in Oschersleben.“ Der besitzt satte 750 PS und beschleunigt von Null auf Hundert in 2,8 Sekunden. „Das war auch für mich eine neue Erfahrung.“

Bereits zweimal wurde das eigentlich für Ende März angesetzte Auftakt-
rennen verschoben. Jetzt soll es, wenn die Politik mitspielt und grünes Licht gibt, Mitte August auf dem Nürburgring losgehen. Dann sollen im engen Zeittakt sechs Veranstaltungen (Red-Bull-Ring in Österreich, Zandvoort in Holland, Hockenheimring, Sachsenring, Oschersleben) mit zwölf Rennen über die Bühne gehen. „Der eigentlich für die Sommerpause geplante zweiwöchige Urlaub fällt dem Rotstift zum Opfer. In dieser Zeit müssen wir testen.“ Als wären die ständigen Umplanungen nicht Stress genug, kommen für Schaak 2020 noch andere Hürden hinzu. Er hat das Team gewechselt, pilotiert künftig für den Dresdner Stall T3 Motorsport, sitzt in einem neuen Auto (anstelle des avisierten Porsche Cayman nun in einem 260 km/h schnellen Audi A8), fährt in einer für ihn neuen Serie (den ADAC GT4 Germany) – und muss sich zudem auf eine andere Disziplin einstellen. Statt Langstreckenrennen, die in der Regel vier Stunden dauern, heißt es jetzt, sich auf Sprintdistanzen (eine Stunde) einzustellen. Den Magdeburger werfen all die neuen Gegebenheiten nicht um, schließlich sitzt er seit über 15 Jahren in diversen Autos. „Rennen fahren ist mein Beruf. Da muss man mit den unterschiedlichsten Bedingungen klarkommen.“
Würden dazu auch die in diesen Tagen vielzitierten sogenannten Geis-ter-Veranstaltungen zählen? Schaak: „Natürlich lebt der Motorsport auch vom Publikum an der Strecke. Selbst wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag, weil wir in einiger Entfernung im Höllentempo an den Zuschauern vorbei rasen. Als Pilot regis-trierst du es schon, ob die Tribünen gefüllt sind, ob Fahnen geschwenkt werden. Gerade auf meiner Heimstrecke in Oschersleben, wenn da 30.000 bis 40.000 Fans kommen, ist das schon ein Faktor. Sollten Rennen unter Ausschluss der Öffentlichkeit die einzige Möglichkeit sein, überhaupt zu fahren, würde ich sie befürworten. Zudem werden alle Veranstaltungen ja bei Sport1 live übertragen. Geisterrennen sind immer noch besser als ein gänzlich verlorenes Jahr ohne jede Einnahme.“

Stichwort Beruf. Als eigenständiger Unternehmer und Ein-Mann-Team setzt Corona ihm, wie vielen anderen, besonders zu. „Ich habe mich finanziell auf eine Durststrecke eingestellt“, gibt er offen zu. „Man muss deutliche Abstriche machen, sich von manchem, was man sich für das Jahr gewünscht oder vorgenommen hat, verabschieden. Ich hoffe jedoch, gemeinsam mit meinen Sponsoren wieder aus dieser misslichen Lage herauszukommen. Das dies nur Stück für Stück gehen wird, ist mir klar. Und vielleicht fällt der eine oder andere meiner derzeit rund 35 Unterstützer aus oder kann nicht mehr so viel wie bisher geben, weil sein eigenes Unternehmen selbst in große Schwierigkeiten geraten ist.“ Eine Finanzhilfe des Staates, die ihm als Solo-Unternehmer zustünde, hat er übrigens nicht in Anspruch genommen. Warum nicht? „Ich wollte das einfach nicht beantragen“, erklärt er, „ich versuche, die Krise aus eigenen Mitteln, und natürlich mit erheblichen Abstrichen, zu überstehen.“

Es wurmt Schaak ein bisschen, dafür in diesen Tagen nichts anderes tun zu können, als sich topfit zu halten. Von einem Home-Simulator, wie ihn sich jetzt der eine oder andere Formel-1-Akteur für Trainingszwecke zulegt, hält er nicht allzu viel. „Mir bringt das wenig. Und für die richtig guten Anlagen musst du schon eine vierstellige Summe hinblättern. In Corona-Zeiten nicht unbedingt die beste Idee …“ Also: weiter vier Mal die Woche auf die Piste und viele, viele Kraftübungen obendrauf. Mit seinem körperlichen Zustand sei er, sagt der 1,74 Meter große Pilot, „sehr zufrieden“. Zeigte die Waage im Winter noch 74 Kilo an, pendelt sie sich inzwischen bei 69 Kilo ein. „Ich muss mir sogar das eine oder andere an neuer Konfektion zulegen …“

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