Vorlesungen mit Erfahrung bereichern

Im Ruhestand noch einmal ein Studium beginnen? Als quasi Senior mit jungen Menschen gemeinsam lernen? Ein Erfahrungseinblick von Jost Riecke.

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Nach Ende meiner beruflichen Tätigkeit habe ich oft die Frage beantworten müssen, wie ich denn so meine Tage verbringe. Wenn ich dann sagte, dass ich jetzt nochmal studiere, kam meist die Frage nach dem „warum“ und wieso gerade Journalismus.

Plötzlich war statt der voll durchterminierten Tage viel Zeit vorhanden mit der Chance, endlich das zu tun, was ich schon immer erledigen wollte. Eigene Unterlagen sortieren, Versicherungen auf Sinnhaftigkeit prüfen, aufräumen, ausmis-ten, mehr Sport treiben und öfters Familie und Freunde besuchen. Und es war Zeit, ein bisschen mehr ehrenamtlich im Sportverein oder gesellschaftlich tätig zu sein. Irgendwie war dies noch nicht alles, dachte ich mir nach einigen Wochen und überlegte, was ich eigentlich außerdem gerne machen würde. Und wenn ja, warum und wie das wohl ablaufen würde. Das Warum war schnell beantwortet. Mit 63 Jahren in den Schaukelstuhl setzen, fernsehen, warten bis die noch voll berufstätige Frau nach Hause kommt oder Kreuzworträtsel lösen, war eben keine Option. Etwas Interessantes mit geistiger Betätigung, damit das Hirn nicht einrostet, war schon meine Vorstellung. Vielleicht hatte ich meinen Vater als Vorbild im Kopf. Er hatte nach seiner Pensionierung entschieden, dass er seine Sprachkenntnisse wieder auffrischt und sich der Familiengeschichte widmet.

Meine Idee war ein Journalismus-Studium. Hintergrund sicherlich meine berufliche Tätigkeit mit fast 30 Jahren als Verbandsvertreter, der viel mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Journalisten beschäftigt war. Wohl auch, weil ich mich in den Jahren oft über die Qualität der Medienbeiträge geärgert hatte, weil nicht immer das in Medien veröffentlicht wurde, was man den Journalisten schriftlich gegeben oder persönlich erzählt hatte. Oder sogar bei Interviews in die Kamera gesprochen hatte, um hinterher festzustellen, dass alles sinnlos zusammengeschnitten war. Also selbst die Grundlagen des Journalismus studieren, um zu sehen, wie es eigentlich theoretisch vermittelt wird und wie es praktisch ankommt. Wieder studieren mit vielen jungen Menschen, sich den Anforderungen stellen, neugierig sein, ob man es noch drauf hat und ob man noch lernen kann. Sich den Herausforderungen stellen, verstehen, wie Jüngere denken und handeln. Das war der Plan und die Umsetzung war leichter als gedacht. Kurze Recherche im Internet bei der Hochschule Magdeburg- Stendal, Sichtung der Anforderungen für die Einschreibung mit der Feststellung, dass es sogar für ältere Studieninteressierte gesonderte Möglichkeiten gab. Dann die gezielte Suche nach den notwendigen alten Zeugnissen, verbunden mit vielen schönen persönlichen Erinnerungen an die Studienzeit 1975 bis 1980. Alles hin zur Hochschule, wenig später kam tatsächlich die Bestätigung und mit Zahlung des Studienbeitrages war ich immatrikuliert.

Und so saß ich knapp 40 Jahre nach Beendigung meines Jura-Studiums mit rund 80 Studenten, die heute angeblich gendergerecht Studierende heißen, in der Einführungsveranstaltung, die von den zuständigen Professoren, die heute Lehrende heißen, wieder in einem großen Hörsaal. Als einziger über 60 in der Gruppe der Jugend. Sicherlich habe ich im Familien- und Freundeskreis viele Kontakte zur Generation Y und Z, aber nun in geballter Form. Eine interessante Erfahrung aufgrund der sich ergebenden Kontakte untereinander mit den zumeist 20- bis 25-jährigen Kommilitonen. Die Zusammenarbeit in den Seminaren oder kleinen Lerngruppen zeigte meinen unendlichen Rückstand bei der Anwendung von neuen technischen Geräten und der Nutzung sozialer Netzwerke. Hier habe ich viel gelernt. Gleichzeitig hatten wir einen guten Austausch zu vielen Themen, bei denen die Sichtweisen von Jung und Alt immer zu interessanten Diskussionen führten. Meine Erfahrung konnte ich auch einbringen, zumeist wenn es um strukturierte Arbeitsabläufe und Kenntnisse aus dem vorigen Jahrtausend ging. Da war die langjährige Praxis hilfreich, jugendlichen Elan mit konstruktiver Erledigung zusammenzubringen und so erstellten wir erfolgreich viele gemeinsame Referate, Audio- und TV-Beiträge in den letzten zwei Semestern. Als Fazit bis heute kann ich sagen, dass ich jedem Interessierten so ein Studium oder etwas ähnliches empfehlen kann. Ich habe viel gelernt zum Thema Journalismus, aber auch über die jüngere Generation. Weitestgehend habe ich mithalten und auch mit Altwissen oftmals die Vorlesungen bereichern können.

Als sozusagen unabhängiger Student, der nicht wirklich vom Bestehen des Studiums abhängig ist, kann ich, weil es mich interessiert und ich es für wichtig halte mit Blick auf eine gute Ausbildung, mir vielleicht auch erlauben, viele Abläufe an der Hochschule anders und vor allem kritisch zu sehen. Ein großes Themenfeld wäre daher die Lehre als solche und insbesondere in Corona-Zeiten. Hier wurden und werden die Stärken, leider aber auch besonders die Schwächen sichtbar. Für den Studiengang Journalismus kann ich nach einem Jahr nur feststellen, das bereits die Unterschiedlichkeit der Vorkenntnisse der Studierenden und die unterschiedlichen Lehrmethoden der Lehrenden nicht wirklich gut zusammenpassen und die Digitalisierung der Lehre noch zu viele Schwachstellen hat.

Der Autor Jost Riecke ist Jahrgang 1957, II. Staatsexamen Rechtswissenschaften 1983, Verbandsvertreter für den Deutschen Mieterbund und den Verband der Wohnungswirtschaft von 1988-2019, Student an der Hochschule Magdeburg-Stendal seit WiSe 2019/20.

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