Dienstag, November 29, 2022

Wann sind wir in der Matrix?

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Das Digitale ist die Zukunft. So versprechen es uns alle Losungen dieser Zeit. Mit der Digitalisierung wachsen der Energiebedarf und die Abhängigkeit von künstlichen Welten. Eine Betrachtung der digitalen Durchdringung des Lebens.

Die inzwischen vier produzierten Matrix-Filme scheinen einerseits für manche eine absurde Fiktion zu zeigen. Doch die Kraft der Digitalisierung erzeugt längst Tendenzen, die mancher Matrix-Erzählung näherkommen. Verfolgt man politische, wissenschaftliche und Wirtschaftsdiskurse, sind wir im Bereich der Digitalisierung einfach nicht weit und schnell genug.

Doch was meinen wir eigentlich mit dem Einzug des Digitalen in allen Lebenssphären? Laut dem DESI-Index (Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft fasst Indikatoren für die digitale Leistung Europas zusammen und verfolgt die Fortschritte der EU-Länder) liegt Deutschland mit einem Wert von 54,1 im Mittelfeld. Dänemark führt mit 70,1, gefolgt von Finnland. Am Ende stehen Bulgarien, Rumänien und Griechenland. Im privaten Bereich ist der Digitalisierungsgrad wohl weiter fortgeschritten als in öffentlichen Bereichen. So verfügen inzwischen 92, 3 Prozent (Stand 31.12.2021) aller Haushalte über Computer und 92 Prozent sind mit einem Internetanschluss ausgestattet. Der Digitalisierungsindex der Privathaushalte ab einem monatlichen Haushaltseinkommen von 3.000 Euro wird mit dem Faktor 72 angegeben. 

Die nüchternen Hardware-Zahlen sind jedoch nicht aussagekräftig darüber, wie sich digitale Einflüsse im Leben breit machen. Dazu muss man ein paar andere Zahlen betrachten. Laut einer Umfrage belief sich im Jahr 2022 der Anteil der Gamer (Computer- und Consolen-Spieler) unter den 30- bis 49-Jährigen in Deutschland auf 71 Prozent. Die Gesamtzahl der deutschen Gamer-Gemeinde wurde 2020 mit insgesamt 34 Millionen angegeben. Bei so einer hohen Zahl wird deutlich, dass nicht nur Kinder und Jugendliche dem Zocken am PC, der Console, dem Tablet oder dem Smartphone verfallen sind. Das Durchschnittsalter der Gamer beträgt inzwischen über 37 Jahre. Und wer glaubt, dass Computerspiele vorrangig ein Phänomen des „verspielten“ Mannes sei, ist ebenfalls auf dem Holzweg. In Sachen Spiellust am Bildschirm haben die Geschlechter gleichgezogen. Das meistverkaufte Spiel der Welt ist Minecraft, das inzwischen zum Microsoft-Konzern gehört und bislang 238 Millionen mal verkauft wurde. Die Weltgemeinschaft der Gamer stieg von 2019 bis 2021 von 2,8 Milliarden Menschen auf inzwischen knapp 3,2 Milliarden. Es wird prognostiziert, dass bis Mitte dieses Jahrzehnts die Hälfte der Menschheit Videogamer sein würden.

Eine Befragung von Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren ergab, dass diese pro Woche 39 Stunden mit dem Smartphone online wären. So viele Stunden, wie junge Erwachsene heute mit technischen Endgeräten beschäftigt sind, geht die Mehrzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter noch nicht einmal arbeiten. Und obwohl die statistische Jahresarbeitszeit seit Jahrzehnten rückläufig ist, steigen die Fälle psychischer Beeinträchtigungen. Da diese offenbar weniger während sinkender Arbeitszeiten zunehmen könnten, sollte dringend das gesamte tägliche Nutzungsverhalten digitaler Endgeräte untersucht werden.

Dass unter dem Einfluss von Bildschirmnutzungen motorische Fähigkeiten verloren gehen, die Konzentrationsfähigkeit gemindert wird und Leistungsbereitschaft nachlässt, ist längst eine Binsenweisheit. Dennoch wächst der Druck, sich immerfort digitalisieren zu müssen. 

Wenn die überwiegende Tageszeit vor inszenierten Inhalten verbracht wird, was wird aus den geistigen Bewertungen im Hirn? Hyperdokumentation des eigenen Lebens – Fotos und Videos von jedmöglicher Situation zu machen – ist bereits zu einer Zwangshandlung geworden. Oft ist man nicht einmal selbst dazu in der Lage, die eigenen Dokumente anzuschauen. Je älter ein Mensch wird, umso weniger Zeit wird bleiben, die eigenen Zeitzeugenschaften zu betrachten. Geschweige denn, dass andere sich dieser Pixelflut angemessen widmen könnten. Man darf annehmen, dass der digitale Müll im Internet das Potenzial an sinnvollen Informationen schon lange verdrängt hat. Entsteht unter solchen Trends eine aufgeklärte Wissenswelt?

Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas veröffentlichte kürzlich einen Essay unter dem Titel „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“. Darin beschreibt er, dass die Übertreibung längst zum Standard geworden ist und dies das Leben und die Sichtweise darauf verändert haben. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass unser Verständnis von der Welt tendenziell eine von realen Bedingungen abweichende wird. Eine wachsende Anzahl an Individuen befindet sich täglich länger in einer künstlichen Welt, als mit Realität konfrontiert zu sein. Unter dieser Entwicklung leiden auch echte soziale Beziehungen. Wer mehr vor dem Bildschirm hockt, hat logischer weniger Zeit, sich anderen Menschen zuzuwenden. Wenn man meint, dass die Wesen in den Matrix-Filmen an Schläuchen angeschlossen seien und dass wir Menschen davon weit weg sein würden, sollte sich vor Augen führen, was heute durch die Digitalisierung alles in die Wohnung gespült wird. Neben Wasser, Strom, Telekommunikationskanälen und Heizungsleitungen purzeln auch die Online-Einkäufe direkt in die eigenen vier Wände. Je mehr die Menschheit diese Möglichkeiten nutzt, umso mehr wird sie davon abhängig werden. Die ersten Anschlüsse an die Matrix sind längst gelegt. Nun soll hier aus der Betrachtung kein Untergangsszenario entwickelt werden. Es gibt ja auch gegenteilige Trends. Allerdings sind die Weichen der Menschheitsentwicklung eher in Richtung weitere Digitalisierung gestellt. Das treibt uns dann doch weiter in eine Matrix um uns herum.

Text: Thomas Wischnewski, Seite 23, Kompakt Zeitung Nr. 219

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