Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Warum der Höhenflug der SCM-Handballer kaum zu stoppen zu sein scheint.

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Von Rudi Bartlitz | Erwartungen hat es im Magdeburger Handball eigentlich zu allen Zeiten gegeben. Egal, ob in den Siebzigern, den Achtzigern oder nach der Jahrtausendwende. Und sie wurden damals meist erfüllt, zuweilen sogar weit übererfüllt. Selbst in jener Phase zwischen 2008 und 2015, als es für die Grün-Roten nicht reichte, in der Beletage mitmachen zu dürfen, schwand die Hoffnung nie vollends. Nun ist sie zurückgekehrt. Mit voller Wucht sozusagen. Dreimal nacheinander Dritter in der Liga, 2021 Gewinn der European League und der inoffiziellen Klubweltmeis-terschaft – da muss, so ist aus den Kreisen der Fans wie auch von Experten wie Bundestrainer Alfred Gislason („Der SCM kann nach den vorangegangenen dritten Plätzen diesmal vielleicht sogar zwei Schritte nach vorn machen.“) zu hören, im Titelkampf um die deutsche Krone doch etwas drin sein.

Nach den Ereig­nis­sen der vergan­ge­nen Tage sind die Erwartungen nicht gerade klei­ner geworden. Im Gegenteil. Der Höhenflug von 14 Siegen in 14 Pflichtpartien hält an. Nach dem 29:27 (16:15) am Sonntag in der Schlacht beim Rekordmeister THW Kiel, die so etwas wie eine Reifeprüfung darstellte, stehen die Wiegert-Schützlinge mit makelloser Weste (16:0 Punkte) da. Ihr Rezept könnte einer alten englischen Fußball-Weisheit entlehnt sein: Run and Gun, also Rennen und Schießen. Und natürlich treffen. Die Ankündigung von Linksaußen Lukas Mertens „Wir haben noch viel im Tank“ dürfte auf die Konkurrenz in diesen Tagen wie ein lässig hingeworfener Fehdehandschuh wirken. Wer in Kiel gewinne, so Ex-Löwen-Trainer Martin Schwalb, „der ist für höchste Aufgaben bereit“. Selbst der bei Erwartungen und Prognosen stets zurückhaltende Bennet Wiegert meinte, in den letzten eineinhalb Monaten habe sein Team die Sache „sehr gut gemacht“. Genau da wurde nämlich der Grundstein für Erfolge wie jetzt im Topspiel gelegt.

Kurzer Blick zurück. In einem begeis­tern­den Finale besieg­te der SC Magde­burg Anfang Oktober im saudi-arabischen Jeddah den FC Barce­lo­na 33:28 und wurde zum ersten Mal in der ­Vereinsgeschichte Sieger des Super Globe, was de facto einer Klub-Welt­meis­terschaft gleichkommt. Mit teils acht Toren führte Wiegerts Team, erleb­te gegen den Cham­pi­ons-League-Sieger einen ziem­lich entspann­ten Abend, weil vieles klapp­te. „Wir wuss­ten auf alles eine Antwort“, sagte Natio­nal­spie­ler Phil­ipp Weber. Jeder der einge­setz­ten Spie­ler hatte eine Antwort, müsste man ergän­zen, denn es gab zwölf Magde­bur­ger Torschüt­zen – der Coach nutzte die ganze Breite seines Kaders. Das Rezept für diese Spiel­zeit scheint aufzu­ge­hen.

Norma­ler­wei­se ist der Super Globe für euro­päi­sche Teams bis auf ein schwie­ri­ges Spiel im Finale ein „Spazier­gang“, weil die ande­ren Konti­nen­tal­meis­ter eigent­lich kein Maßstab sind. Dies­mal aber war neben Barcelona Aalborg Håndbold als aufstre­ben­des Team dabei, und so stand der däni­sche Cham­pi­ons-League-Final­teil­neh­mer dem SCM im Halb­fi­na­le im Weg. Davor hatte der SC Magde­burg schon zwei Spiele zu absol­vie­ren, und die Leis­tung beim hohen Sieg im Achtel­fi­na­le über die Amateu­re aus Sydney hatte dem Perfek­tio­nis­ten Wiegert über­haupt nicht gefal­len. Im Vier­tel­fi­na­le gegen al-Duhail aus Katar sah der Coach dann die gefor­der­te Ernst­haf­tig­keit.

„Das Geld hat mich nicht interessiert. Ich wollte, dass wir uns einen Namen in der Welt machen. Gegen den FC Barcelona ein Pflichtspiel zu absolvieren, diese Erfahrung haben wir ganz lange nicht machen dürfen. Es war wichtig für uns, uns so zu präsentieren. Die Trophäe ist mir persönlich mehr wert als die 400.000 Dollar. Aber für den Verein ist das nach der Pandemie wichtig”, erklärte Wiegert gegenüber Sky. „Es war ein Titel, das möchten wir alle. Ich möchte diesem Verein und dieser Stadt etwas zurückgeben. Das haben wir damit gemacht”, schloss sich Torjäger Michael Damgaard an.

Ruhig und vergleichs­wei­se beson­nen nahm Wiegert den Erfolg hin. Er hatte vor dem Endspiel von einer „Jahr­hun­dert­chan­ce“ gespro­chen. Die nutzte sein Team und darf sich nun Vereins­welt­meis­ter nennen. Das war zuvor nur dem THW Kiel und gleich zwei­mal den Füch­sen Berlin gelun­gen. In diesem Rausch darf nicht vergessen werden, dass der SCM schon knapp fünf Monate vorher international mit einem Titel für Furore gesorgt hatte. Da gewann er das Finale der erstmals ausgetragenen European League, der früher als EHF-Cup firmierte, gegen den ewigen Bundesliga-Konkurrenten Füchse Berlin.
Eine weise Entschei­dung hatten Wiegert und Geschäftsführer Marc Schmedt schon vor der Saison getrof­fen. Die Macher erwei­ter­ten die Gruppe der Hand­ball­pro­fis auf 17 Spie­ler; auch eingedenk der Tatsache, dass Linksaußen Matthias Musche (Meniskusschaden und andere schwere Verletzungen) noch geraume Zeit fehlen wird. „Eine Lehre aus der vergan­ge­nen Saison ist, dass man einen großen Kader benö­tigt, um die Bean­spru­chung in drei Wett­be­wer­ben zu über­ste­hen“, sagte Wiegert. Gerade am Kreis und im Rück­raum haben sich die Magde­bur­ger verstärkt – dort ist der Verschleiß am größ­ten.

Um in Meis­ter­schaft, DHB-Pokal und in der Europe­an League auf der Höhe zu sein, haben Schmedt und Wiegert nun eine ausge­gli­che­ne Mann­schaft, die auf allen Posi­tio­nen doppelt und auf manchen gar drei­fach besetzt ist. So stehen, wenn alle gesund sind, beispielweise für die beiden originären Rechtshänder-Positionen im Rückraum gleich fünf Mann parat: Marko Bezjak, Philipp Weber, Chris-tian O‘Sullivan, Michael Damgaard und Gisli Kristjansson. Wiegert hat also nicht nur die Qual der Wahl, er kann dosieren und die ihm für den jeweiligen Gegner (und der Spielsituation) am geeignetsten erscheinende Konstellation wählen. Genau das war auch gegen Kiel ein Erfolgsfaktor. Ähnlich sieht es am Kreis aus: Hier stehen für das „Eins-aus-Drei-Spiel“ Magnus Gullerud, Magnus Saugstrup und Moritz Preuss zur Verfügung.

Dieser hochkarätig besetzte Kader ist denn auch so etwas wie ein Schlüssel, will man den Geheimnissen des SCM ein wenig auf die Spur kommen. „Für jeden, der ausgewechselt wird, kommt gleichwertiger Ersatz“, analysiert der Bundestrainer. Ein anderes Stichwort ist, so scheint es, eine neu gewonnene Stabilität. „Der SCM spielt voller Selbstbewusstsein“, meint Flensburg-Coach Maik Machulla. „Sie bestrafen Fehler der Gegner gnadenlos.“ Kapitän Chris-tian O‘Sullivan sieht die Unterschiede zu früher hauptsächlich in den Resultaten: „Wir haben die engen Spiele für uns entschieden, das ist uns im Vorjahr nicht gelungen. Da haben wir entweder hoch gewonnen oder gefühlt mit einem Tor verloren.” Cleverer seien die Magdeburger geworden. Einig sind er und sein Trainer darin, dass die Zuschauer eine wichtige Rolle spielen. „Hier mit oder ohne Fans zu spielen ist ein Riesenunterschied”, sagt O‘Sullivan. Wiegert ist überzeugt, dass „wir letztes Jahr einer unserer größten Stärken beraubt wurden – diese Halle, dieser Heimvorteil. Diese Halle kann uns natürlich tragen.” Dennoch, so der 40-Jährige ob der gegenwärtigen Hochgefühle, sollte das Team weiter demütig bleiben. Wichtig sei jetzt eine „ordentliche Periodisierung“. Zum Ende des Jahres hin will er einen möglichen teilweisen Abbau der Kräfte jedenfalls nicht ausschließen.

Der Gilde der Warner schloss sich Ex-Bundestrainer Heiner Brand an. „Die Leute in Magdeburg erwarten einiges von dieser Mannschaft. Da kann auch schnell eine Enttäuschung kommen”, sagte der Sky-Experte. Einer wie Michael Damgaard lässt sich von derartigen Äußerungen den Optimismus nicht nehmen. Auf die Frage, warum das so sei, antwortet er lakonisch: „Wir haben viel trainiert.“ Sein schelmisches Lächeln dabei ist nicht zu übersehen …

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