Freitag, September 30, 2022
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Warum Fußball-Drittligist 1. FC Magdeburg unter seinem neuen Trainer kaum wiederzuerkennen ist.

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Hymnen sind in den letzten Wochen einige über Christian Titz gesungen worden. Vom „Mann mit dem Wecker“, von „einer Art Menschenfänger, der die Mannschaft wieder wach macht“ bis zum „Coach, der den Wundertrank angerührt hat“ reicht die Lobes-Skala über den neuen Cheftrainer des 1. FC Magdeburg. Wer ist nun dieser Christian Titz, der seit Mitte Februar am Krügel-Platz das Sagen hat? Jedenfalls auf dem Rasen. Der den lange in der Abstiegszone taumelnden Traditionsverein regelrecht wachküsste. Der nach nunmehr neun Spielen ohne Niederlage wieder viel Licht am Horizont erblicken lässt? Und, fast genauso wichtig: Der, so scheint es, dabei ist, nach ermüdenden Monaten (ja fast schon Jahren) des Holperns und Stolperns dem Wort Fußball in Magdeburg wieder seinem ursprünglichen Sinn näher zu bringen.

Kein Wunderheiler
Eines vorweg: Von einem Wunderheiler ist er vielleicht genauso weit entfernt wie Magdeburg von seiner Heimatstadt Mannheim. Und mit purem Handauflegen ist es ebenso wenig getan. Im Gegenteil: Drei Niederlagen gab es für den 50-Jährigen zu Beginn in Magdeburg, das 0:4 gegen den SC Verl war ein früher Tiefpunkt. Ist der Effekt des Trainerwechsels verpufft bevor er zum Tragen kommt, fragten die Medien; diese Zeitung einbegriffen. Doch inzwischen hat sich der FCM berappelt. Mit 23 von 27 möglichen Punkten aus den vergangenen neun Partien ohne Niederlage ist er so etwas wie die Mannschaft der Stunde in der dritten Liga. Der Coach kann auf einen Punkteschnitt von 1,92 verweisen – eher Werte eines Aufstiegskandidaten.

Die Liebe zu Traditionsvereinen
Wer wissen will, worauf sich all das gründet, wie das System Titz funktioniert, wie der Coach tickt, der sollte zunächst einen Blick in dessen Vergangenheit werfen. Die Liebe zum Trainerberuf vermittelte ihm der Vater. „Als ich 15 war, war in meinem Heimatverein ein Posten bei den E-Junioren vakant“, erzählte er einmal in einem Interview. „Mein Vater riet mir, es zu machen. Schnell habe ich gemerkt, dass es mir Spaß bereitet.“ Titz blieb. Zumal die eigene Spielerkarriere wegen einer Sportinvalidität frühzeitig beendet war. Was auffällt: Nach Stationen u. a. bei Viktoria Köln und dem FC Homburg zog es ihn zu großen Traditionsvereinen, die es ihm offenbar angetan haben. 2015 ging er als Nachwuchs-Coach zum Hamburger SV, anschließend trainierte er die Norddeutschen sogar in der 1. und 2. Bundesliga. Anschließend folgte Regionalligist Rot-Weiß Essen, wo sich im Sommer 2020 die Wege trennten. Da war Titz mit einem Punkteschnitt von 2,28 Zählern immerhin einer der erfolgreichsten RWE-Trainer in der Geschichte. Nun also der 1. FC Magdeburg.

Aber der Fußball-Lehrer agierte in den zurückliegenden Jahren nicht bloß als Vereinstrainer. Er ist staatlich geprüfter Betriebswirt, diplomierter Sportmanager, arbeitete als Individualtrainer selbstständig und ist Autor von Büchern über Spielsysteme, Taktiken und Feinheiten im Fußball. Auch in den USA war Titz für einige Projekte unterwegs. Zudem betreibt er ein eigenes Coaching-Portal. Wichtig also, um das System des Kurpfälzers besser zu verstehen: Er hat schon die verschiedensten Seiten der Kicker-Welt kennengelernt, zieht daraus viele Impulse.

„Eher ruhig und kommunikativ“
Sich selbst bezeichnet Titz als „als einen eher ruhigen und kommunikativen Trainer“. Was nicht damit gleichzusetzen ist, ihn permanent mit den Händen in den Taschen schweigend die Linie auf und ab flanieren zu sehen. Wenn es die Lage erfordert, kann er schon mal regelrecht explodieren; anfangs schauten selbst die eigenen Spieler ein wenig erschrocken drein, wenn er wie ein tasmanischer Springteufel durch die Coachingzone fegte. Seine generelle Spielauffassung beschreibt er, wie er in einem MDR-Podcast kundtat, so: „Ich bin ein Trainer, der versucht, mit Ballbesitz dem Spiel den Stempel aufzudrücken.“ Es ist genau das, so scheint es dem Außenstehenden, was dem FCM über lange Zeit gefehlt hat: Weg vom langen Hafer und weg von den zahllosen unseligen Rück- und Querpässen. Hier liegt die Wurzel für die zuletzt unübersehbaren spielerischen Fortschritte der Blau-Weißen. Er verfolgt, stellt Club-Ikone Achim Streich fest, „eine klare Spielphilosophie“. Aber Titz weiß auch: „Ohne Kampf, Leidenschaft und Laufbereitschaft wird es in einer Klasse wie der dritten Liga schwierig.“

Wenn das Gespräch auf bestimmte Leitbilder der Trainer-Gilde kommt, nennt Titz einen Namen: Johan Cruyff. Wie der Niederländer beim FC Barcelona „Fußball spielen ließ“, beeindruckte den Deutschen: „Wie man den Ball hat laufen lassen, die Eins-Eins-Situationen gelöst hat. Das hat mir sehr gut gefallen. Cruyff war seiner Zeit sehr weit voraus.“ Fußball, fügt er hinzu, habe sich in den zurückliegenden Jahren noch einmal „enorm verändert“. Ganz wichtig seien dabei gerade die Veränderungen in der Taktik. Und: „Unser Spiel ist schneller und laufintensiver geworden.“

Die Spieler entscheiden selbst
Als bevorzugte taktische Formation des neuen FCM-Chefs nennt das Fußball-Portal tranfermarkt.de ein 4-1-4-1-System. Dennoch plädiert er dafür, dass sich seine Spieler nicht sklavisch an eine bestimmte Formation halten: „Es gibt eine Grundformation. Aber ob Dreier-, Vierer- oder Fünferkette, das ist gar nicht so wichtig. Während einer Partie müssen die Spieler selbst entscheiden, wie sie eine Situation lösen. Sie haben eine hohe Verantwortung dafür.“ Da wären wir bei einer weiteren Korsettstange im System Titz: Dem engen Zusammenwirken zwischen Team und Trainerstab. Auf die anfangs immer wiederkehrende Frage, was er denn zuerst in Magdeburg geändert habe, kam die fast schon stereotype Antwort: „Nicht ich habe etwas geändert, sondern wir zusammen als Mannschaft haben etwas geändert.“ Übrigens: Die Spieler können Titz, wie er im MDR preisgab, „siezen, duzen oder einfach Trainer zu mir sagen, das ist egal“.

Geändert haben sie vor allem etwas in der Abwehr. In Vor-Titz’schen Zeiten oft eine Schießbude, war sie zuletzt kaum wiederzuerkennen. Bis zum Gegentor in Meppen blieb Keeper Morten Behrens in sechs Begegnungen 592 Minuten sogar ohne einen einzigen Gegentreffer. „Was uns als Mannschaft momentan auszeichnet ist die Art, wie wir bereit sind, gegen den Ball zu arbeiten, den Gegner anlaufen und auch immer wieder die Eingaben, hohen Bälle und Standards verteidigen und nicht aufgeben”, lobte Titz seine Truppe nach dem 2:0-Erfolg beim Spitzenteam Hansa Rostock. „Wir bauen immer wieder Druck auf, dass der Gegner keinen kontrollierten Ball spielen kann.“

„Er gehört nicht in die 3. Liga“
„Er gibt uns einen klaren Plan“, lobt Stürmer Sören Bertram seinen Coach. „Wo wir früher noch den langen Ball geschlagen haben, versuchen wir das heute spielerisch zu lösen“. Abwehrspieler Dominik Ernst sagt: „Jeder Spieler ist unter ihm besser geworden.“ Titz sei ein Trainer, „der auf Kleinigkeiten extrem eingeht”, beschreibt Mittelfeldmann Thore Jacobsen den Umgang des Coaches mit der Mannschaft. „Das merkt man auch an dem Miteinander auf dem Spielfeld und der Art, wie wir im Moment spielen. Wir haben ein oder auch zwei Steps nach vorne gemacht.” Sogar noch weiter geht Sturm-Star Baris Atik in seiner Begeisterung: „Er ist ein Top-Trainer, der meiner Meinung nach nicht in die 3. Liga gehört. Wie professionell er arbeitet, was für einen Plan und eine Idee er hat, das habe ich selten erlebt.” Da kann Sportchef Otmar Schork nicht zurückstehen: „Er ist genau der richtige Trainer. Er hat es geschafft, dass alle mitziehen.” Man könnte es in sechs Worten zusammenfassen: Die Mittel von Titz zeigen Wirkung.

Und noch etwas fällt auf: die Kommunikation (auch die nach außen), sie hat sich verändert. Titz unterstreicht, so ganz nebenbei, den hohen Stellenwert von Kommunikation nicht nur im Fußball: „Sie ist ein wichtiges Tool, weil sich Menschen über ihr soziales Zusammenleben definieren, also durch Kommunikation.“ Natürlich bleibt auch bei ihm, gerade auf Pressekonferenzen vor Spielen, einiges im Vagen – und entfleucht nach kurzer Zeit wieder dorthin. Mag die Frage noch so konkret sein, dem Trainer gelingt es, sie ins Ungewisse umzuleiten. Ein Beispiel: Wie schätzen Sie die Lage in der Liga derzeit ein? Antwort: Wir schauen nur auf uns. Und ja, Zwickau ist ein starker Gegner. Andererseits: Kam früher auf Journalistenfragen nicht selten der Return: Was meinen Sie denn damit?, umschifft Titz so manche Klippe mit einer eleganten Bemerkung: „Ich verstehe die Frage. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Aber sehen Sie …“ Punkt für Titz.

„Ich bin nur Wegbegleiter“
Anfangs, als noch als ziemlich unsicher galt, ob es dem FCM überhaupt gelingt, die Klasse zu halten, wurde der Trainer – der einen nur für die dritte Liga gültigen Vertrag bis 2022 besitzt – gefragt, ob er bei einem Abstieg trotzdem bleibe. Titz resolut: „Die Frage stellt sich für mich gar nicht. Ich bin überzeugt vom Klassenerhalt. Gemeinsam werden wir es schaffen. Ich bin dabei nur der Wegbegleiter.“ Das System Titz, wie es leibt und lebt. | Von Rudi Bartlitz

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