Freitag, September 30, 2022
Anzeige

Was haftet und klebt trotzdem nicht?

Anzeige

Folge uns

Der Handball ist seit längerer Zeit auf der Suche nach einem Harz-Ersatz. Ein Durchbruch soll jetzt wieder einmal bevorstehen. | Von Rudi Bartlitz

Es war bei der Europameisterschaft 2020, als sich etwas zutrug, das einmal in die Annalen des Championats eingehen sollte. Der spätere Titelträger Spanien traf in der Hauptrunde auf Belarus. Die Iberer siegten standesgemäß 37:28. Business as usual also. Bis auf jene Szene, in der der spanische Rückraum-Shooter Joao Canellas zu einem Wurf ansetzte. Doch dessen Aufsetzer landete nicht im Tor. Kurzzeitige Verwirrung allerseits. Der Ball war wie vom Erdboden verschwunden: nicht im Netz, nicht auf den Zuschauerrängen, nicht irgendwo unter der Hallendecke. Nein, er klebte ganz oben im Eck, zwischen Innenpfosten und Querlatte. Es sah aus, als schwebe er da. Allein gehalten durch die Kraft des Harzes, das überall am Spielobjekt haftete. Der belarussische Schlussmann irrlichterte sekundenlang durch den Sechs-Meter-Raum. Bis ihm der Referee zu Hilfe kam, freundlich in die obere Ecke des Gehäuses deutete und entschied – kein Tor.

Wer sich heute Gedanken über den Gebrauch von Harz als scheinbar unverzichtbares Hilfs- und Haftmittel im Handball macht, der wird diese kuriose Nummer so schnell nicht aus dem Gedächtnis verlieren. Zeigt sie doch, über welch phänomenale Klebkraft dieses schmierige Gemisch – mit dem die Spieler vor und während jeder Partie ihre Hände geradezu imprägnieren – verfügt. Dass sich in diesen Tagen viele in der Handballwelt erneut Gedanken über den Einsatz von Harz machen, kommt nicht von ungefähr. Kein Geringerer als der Präsident des Weltverbandes IHF, der Ägypter Hassan Moustafa, ist es, der seit Jahren einen regelrechten Feldzug gegen den Harz-Einsatz in seiner Sportart führt. Der Gebrauch soll, wenn es nach ihm geht, weltweit bei allen Spielen mit dem kleinen Ball verboten werden. Von den Begegnungen der Jugendlichen auf Kreisebene bis zu Olympia. Der Grund dahinter: Das chemische Produkt ist gesundheitsgefährdend und verschmutzt die Böden in den Sporthallen. Von den Trikots und Hosen der Akteure ganz zu schweigen.

Als die Ideen Moustafas, den in der Ballwerfer-Szene alle wegen seiner vermeintlichen Allgewalt nur den „Pharao“ nennen, erstmals vor sechs Jahren in die Öffentlichkeit getragen wurden, erhob sich in der Handball-Welt eine globusumspannende Protestwelle. Fassungslosigkeit allenthalben. Tenor des Widerstands: Das wäre nicht mehr unser Sport. Harz sei, sagten einige, für Handballer wie Stollenschuhe im Fußball, Spikes beim Sprint, Magnesia im Turnen. Unverzichtbar eben. Es sei ein Hilfsmittel, das die Sportart auf ein höheres Niveau bringt. Ohne es wären Trickwürfe wie die berühmten Dreher oder das Fangen und anschließende Werfen mit derselben Hand kaum mehr möglich. Einhergehen damit würde ein deutlicher Niveauabfall.

Auch in Deutschland stieß Moustafas Vorstoß auf scharfe Kritik. Die meisten Spieler glaubten, dass ein Harzverbot den Sport zu sehr verändern und bestimmte Spielzüge und eben Trickwürfe unmöglich machen würde. Andreas Michelmann, Präsident des Deutschen Handball-Bunds (DHB) sagte seinerzeit, er könne nicht beurteilen, ob ein selbstklebender Ball entwickelt werden könne, „mit dem man Leistungssport auf höchstem Niveau ohne Harz spielen kann“.

Es schien zunächst so, als sollte das Vorhaben des Mannes, der einst an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig studiert hatte, zum Scheitern verurteilt sein. Moustafa musste fortan Abstriche machen, sprach nur von einer Testphase. Sein Ziel, den Handball mit dem Entzug des Haftmittels zu „revolutionieren“, verlor er jedoch, wie man heute weiß, nie aus den Augen. „Ich denke, in einem Jahr sind wir soweit, Harz komplett verbieten zu können“, sagte er hoffnungsfroh 2021 in einem Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“.

Das Wundermittel dafür hat einen Namen: der selbstklebende Ball. Der Weltverband IHF beauftragte bereits einen Hersteller, einen speziell haftenden Ball zu entwickeln, der den Einsatz von Harz unnötig macht. „Bisher wurde knapp eine Million Euro in das Projekt gesteckt, die Arbeit ist zu 80 Prozent erledigt“, berichtete Moustafa. Bisher waren die Versuche, derartige Spielgeräte zu entwickeln, jedoch noch keine reine Erfolgsgeschichte.
Alles, was bisher vorlag, müsse „noch weiterentwickelt werden“, schrieben die Blocker von „hndbllr“. Die Klebkraft der bisherigen Modelle halte im Spiel bestenfalls zehn Minuten. Man müsste also entweder öfter einen neuen Ball ins Spiel bringen oder eben einen besseren entwickeln. Ein zweites, noch zu lösendes Problem bei selbstklebenden Bällen sei, dass sich alles an ihnen festsetzt, was am Hallenboden an Staub, Sandkörnern und Flusen zu finden ist. Ein selbstklebender Ball, der ein komplettes Spiel überstehen würde, könnte jedoch, so die Schlussfolgerung, das Problem „der Harzverbote in Sporthallen ein für alle Mal erledigen“.
Seit Mitte August liegt nun ein neues Forschungsresultat vor. Die japanische Firma Molten entwickelte ein Spielgerät, das den vom Weltverband geforderten Parametern entsprechen soll. Durch ein komplett neu entwickeltes und so noch nicht eingesetztes Oberflächenmaterial überzeuge das Modell, so die Eigenwerbung, durch „extremen Grip und Kontrolle – und das ohne den Einsatz von Harz“. Das Geheimnis stelle zum einen eine „wasserabsorbierende Oberfläche dar, welche den Schweiß der Hände aufnimmt und absorbiert, aber gleichzeitig den Ball nicht rutschig werden lässt“. In Kombination mit einer „verbesserten und dickeren Dämpfungsschicht erhält man ein neuartiges Ballgefühl auf höchstem Level“. Hinzu kämen tiefe Konturrillen, die ebenfalls zu einer verbesserten Griffigkeit beitragen.

Noch stehen aber auch hier die Praxistests aus. In der Bundesliga (die am 4. September wieder startet) und den anderen europäischen Top-Ligen wird jedenfalls, wie von Moustafa erhofft, auch in der Saison 2022/23 noch nicht auf den selbsthaftenden Ball zurückgegriffen. „Uns liegen bisher keinerlei Informationen in dieser Frage vor“, sagte SCM-Geschäftsführer Marc Schmedt auf KOMPAKT-Anfrage. Wie auch immer, eines darf als sicher angesehen werden: Solange Moustafa (78) noch auf dem Pharaonen-Thron herrscht, wird die Harz-Diskussion weitergehen.

WEITERE

Magische Lichterwelt

Mit Didine auf neuem Kurs

Grüße aus Fernost

Magdeburg
Mäßig bewölkt
10.6 ° C
11.6 °
10.6 °
74 %
2.2kmh
38 %
Fr
10 °
Sa
14 °
So
15 °
Mo
16 °
Di
19 °

E-Paper