Dienstag, Juli 5, 2022
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Was war, was ist Kultur wert?

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Von der Staatskultur in den frei(heitlich)en Fall? Wohin entwickelte sich die Kultur nach dem Ende des (Kultur)Landes DDR? Das war einst stolz auf seine Kulturschaffenden, förderte viel und leistete sich so viele Kulturangestellte wie kaum ein anderes Land. Von Kunst ließ es sich (oftmals) ganz gut leben, Künstler waren hoch angesehen und hatten entsprechende Privilegien. Kultur war aber auch für jeden erschwinglich, als Teil der (Bevölkerungs-) Bildung. Allerdings nur, wenn staatlich akzeptiert. Wolf Biermann und Manfred Krug gehören zu den berühmtesten Negativ-Beispielen. Arbeitsverbot. Ausbürgerung. Auch in unserer Region gab es unliebsame Künstler wie die „Klosterbrüder“, deren Name allein den Regierenden nicht passte, und selbst nach der Umbenennung in Gruppe Magdeburg blieben die Musiker im Fokus. Ausreiseanträge waren die Folge. Andere Künstler wie Kabarettisten lebten von wörtlicher Doppeldeutigkeit, die schwer nachzuweisen, aber vom Volke doch verstanden wurde. Die „Kugelblitze“ hatten Kultstatus, die Kartenvoranmeldungslisten waren lang. Dem Kabarett wurde sogar ein Neubau am Breiten Weg errichtet. Doch dann … kam alles anders.

Mit der „Wende“ begann eine harte Zeit für viele Künstler. Plötzlich musste sich Kultur selbst finanzieren. Was war Kultur wert, was ist sie heute? Folgte der Staatskultur der frei(heitlich)e Fall? Mit einem schlichten, aber energischen „Ja!“ antwortet Hans-Günther Pölitz, Gründer des Privatkabaretts „Zwickmühle“, auf diese Frage beim Kompakt-Salon am 26.Februar. 1984-89 Direktor der „Kugelblitze“, wusste er von Kultur-Abbau und menschlichem Missverhalten zu berichten, von unwissenden „Kulturbeauftragten“ und Desinteresse. „Natürlich sollten wir uns selbst finanzieren, aber unsere Meinung war nicht gefragt.“ Von den Kabarettis- ten erarbeitete Konzepte wurden nicht beachtet. Ein Beispiel von vielen. Die berühmten „Berater aus den Altbundesländern“ waren nicht unbedingt die Crème de la Crème, im Osten wurden alle für unfähig gehalten und die Kultur war nichts mehr wert. Abbau hieß das „Zauberwort“, was nicht immer nur mit den Finanzen zusammenhing. So sollte beispielsweise das Puppentheater von 40 Mitarbeitern auf 2-3 Spieler reduziert dem Theater angegliedert werden. Weil das im Westen nun mal so üblich war. Dass es Positives in den neuen Bundesländern geben könnte, war kein Thema. Es ging ums Reduzieren. „Wechsel von der politischen in die ökonomische Diktatur“, formuliert es Hans-Günther Pölitz. Dazu fehlende Zuständigkeiten, fehlende Kenntnisse. Innerhalb von fünf Jahren gab es neun (!) mehr oder weniger Zuständige auf politischer Seite und bis 1995 kein wirkliches Kulturkonzept. Dann kam Rüdiger Koch. Und blieb. Von 1995-2004 prägte er als Beigeordneter für Kultur, Schule und Sport fast 20 Jahre lang die kulturelle Entwicklung in der Stadt, machte Magdeburg wieder zu einer Kulturstadt, mit freier Szene, großen und kleinen Projekten, mit städtischer Unterstützung. „Natürlich sind dabei auch Fehler passiert“, resümiert er heute mit Blick auf die Anfangszeit. Aber „die Zeit drängte, war schnell und atemlos“.

Das Gespräch zwischen beiden Kulturvertretern beim Kompakt Salon entwickelte sich interessant und unterhaltsam und lässt viele weitere Gedanken kreisen. Bis zu den heutigen Problemen der Kunst, wovon die Finanzen nur einen Punkt einnehmen, vielmehr fehle ein Zusammenhalt – so eine Kritik –, besonders bedauernswert im Blick auf die Bewerbung Kulturhauptstadt 2025. Birgit Ahlert

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