Freitag, Dezember 2, 2022

Weltkrieg oder regionaler Konflikt –

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Eine Einschätzung zum anhaltenden Nahost-Konflikt | Von Dr. Jörg Fröhlich

„Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen.“ Carl von Clausewitz (1780 – 1831)

Seit Januar 2020 überschlagen sich die Printmedien, genauso die TV- oder online- Medien mit stets neuen, aufregenden, panikverbreitenden Meldungen zur weltweiten Corona-Pandemie. Es ist heute schon eindeutig erkennbar, dass im Zuge der Pandemie in Größenordnung die Grundlage menschlicher Existenz ‒ die Wirtschaft und das Finanzwesen zerstört werden wird. Offen ist die Größe des Schadens für die Menschheit insgesamt, für einzelne Regionen und Staaten und für jeden Einzelnen. Es ist aber heute schon erkennbar, dass die Corona-Krise ein existenzielles Sozialexperiment ist, das sich ganz schnell zu einem Systemwettkampf entwickeln kann. Wir erleben einen Zivilisationstest, der liberale Demokratien im Innersten erschüttern wird. Aber darüber wird nicht berichtet! Über die Politiker und Medienleute, die heute ‒ im März 2020 ‒ fast ausschließlich die Pandemie als ihr Betätigungsfeld sehen, wird die Zeit richten. Mir scheint es allerdings angezeigt, durchaus auch andere, weiterhin existierende Krisen und Kriege und deren Hintergründe und zukünftigen Entwicklungen zu analysieren. Also wenden wir uns anderen, aber für die Menschheit ebenso wichtigen Themen zu.

Einem aufmerksamen Beobachter geopolitischer, internationaler Ereignisse und Entwicklungen entgeht nicht, dass sich die Welt aktuell in einer Transformation befindet, die nicht allein durch Globalisierungsprozesse initiiert wurde. Diese weltweite Transformation, die auch den Westen erfasst, wird durch die Globalisierung beschleunigt und sicher auch durch die weltweite Corona-Pandemie mit all ihren schädlichen Wirkungen massiv beeinflusst werden. Es ist also für eine sachliche Analyse wichtig, lokale und regionale Konflikte genauer zu betrachten und deren Ursachen und Wirkungen auf die Weltordnung zu analysieren!

Bevor wir uns dem aktuellen Weltgeschehen widmen, kann ein Blick in die Vergangenheit ganz hilfreich sein. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges war zum Beispiel die politische Ordnung Europas durch eine strikte Trennung zwischen Staatenkrieg und Bürgerkrieg gekennzeichnet. Staaten oder auch Imperien ‒ wie die USA und Russland ‒ trugen ihre Konflikte bzw. Machtansprüche in Form von Kriegen zu Land, zu Wasser und in der Luft aus. Als Beispiele dafür sind die zwei Weltkriege zu nennen. Typisch für diese Kriege war, dass sie immer auf dem Schlachtfeld ausgetragen wurden. Militärische Macht stand militärischer Macht gegenüber, die in großen Schlachten und langwierigen Kämpfen unter Einsatz aller verfügbaren Mittel und Methoden ihre Interessen durchsetzen wollten. Vielfach waren diese Kriege echte Flächenbrände. Der Krieg endete stets mit dem Sieg über den Feind! Selbst den Kalten Krieg kann man dazu zählen, wenngleich die Geheimdienste sich erbitterte Schlachten im Geheimen ‒ nicht wahrnehmbar für die Bevölkerung ‒ lieferten.

Dem Sieg folgte die Beendigung des Krieges und es entstand zumindest für eine bestimmte Zeit eine Epoche des Friedens. Zeiten des Krieges und des Friedens waren deutlich zu unterscheiden. Opfer unter der Zivilbevölkerung wurden immer als Kollateralschäden angesehen und standen fast nie im Zentrum strategischer oder taktischer Überlegungen der Kriegsparteien. Nur am Ende des 2. Weltkrieges setzten die Kriegsparteien zielgerichtet Luftkampfmittel gegen die jeweilige Bevölkerung des Gegners ein. Bekannte Beispiele dafür sind die Bombardements deutscher Großstädte oder der Abwurf von Atombomben auf japanische Großstädte. Diese beschriebene Form eines Krieges ist heute immer noch tief in den Vorstellungen der Lebenden, was Krieg ist, verwurzelt und wird als Lehrstoff oder in Erzählungen der Großeltern an die junge Generation weitergegeben.

Anders die aktuellen Nachrichten, die regelmäßig über regionale Konflikte berichten. Über Krieg wird fast nie gesprochen. Es wird zum Beispiel ein Bild vermittelt, dass bereits über einen längeren Zeitraum im gesamten Raum von Libyen bis Afghanistan, der Türkei bis zum Jemen und natürlich in Syrien selbst ‒ also vor der Haustür Europas ‒ nur langwierige „regionale Konflikte“ ausgetragen werden. Erst der zweite Blick vermittelt den Interessierten die Ahnung, dass es sich nicht nur um regionale Konflikte, sondern um einen neuen Typus von Krieg handelt, bei dem nicht Sieg oder Niederlage auf dem Schlachtfeld entschieden werden. Auch schlagen Versuche, von außen Frieden zu stiften, stets fehl.

Betrachten wir das im Detail. Die strikte Trennung zwischen Krieg, den Staaten oder Staatengruppen gegeneinander führen, und den meist als Guerilla- kriegen empfundenen militärischen Konflikten zwischen einer imperialen Besatzungsmacht und den nach Unabhängigkeit strebenden nationalen Konfliktpartnern finden wir in seiner Reinstform ‒ wie z. B. in Vietnam ‒ kaum noch. Innergesellschaftliche und/oder religiöse Konflikte ‒ charakterisiert durch Bürgerkriege ‒ und zwischenstaatliche Kriege fließen ineinander. Es entsteht eine Situation, in der nicht mehr klar zwischen Krieg und Bürgerkrieg unter- schieden werden kann. Das bedeutet aber in der Praxis auch, dass Freund und Feind nicht immer klar auseinandergehalten werden können. Das drückt sich z. B. darin aus, dass die Kräfte, die soeben noch Verbündete waren, plötzlich zum Feind werden oder umgekehrt. Das führt auch dazu, dass Akteure, die sich gerade bekämpften, plötzlich als Freunde oder gar Verbündete gemeinsam auftreten und agieren. Gut zu sehen am gemeinsamen Agieren ‒ gemeinsame Militär-Patrouillen ‒ zwischen Russland und der Türkei in Nord-Syrien oder auch zwischen den USA und den Taliban in Afghanistan.

Aber diese plötzlichen „Freundschaften“ sind alle durch eines charakterisiert: So schnell wie sie entstanden, können sie wieder vergehen, denn das Misstrauen bleibt groß, so dass keiner sich auf den anderen „Partner“ wirklich verlassen kann. Daraus ist auch abzuleiten, dass mögliche oder gar vollzogene Friedensschlüsse eigentlich nicht dauerhaft halten können. Deshalb ist der „Frieden“ in solchen Kriegen nie als Frieden zu bewerten, sondern stets als „Unterbrechung der Kriegshandlungen“.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, realistisch zu erkennen, dass allein eine Teilnahme an Friedensverhandlungen, wie wir sie regelmäßig unter UNO-Hoheit erleben, noch lange keine Garantie für ernsthafte Absichten und somit für einen echten Friedensvertrag sind. Das sehen wir in der Ostukraine genauso wie im Raum Idlib in Syrien.
Wenn wir uns die schon lange anhaltenden Konflikte in Syrien anschauen, so finden wir dort ein gutes Beispiel für o. g. Bewertung. Russland und die Türkei wissen inzwischen, was viele temporäre Friedenserklärungen wert sind. Sie scheren sich einfach nicht darum! Deshalb steht bei diesen beiden Staaten auch nicht ein Friedensvertrag für Ganzsyrien im Vordergrund ihrer Handlungen, sondern nur solche zeitweiligen Waffenruhen, die die geopolitischen Ziele von Putin und Erdogan nicht stören, denn die beiden Männer verfolgen nach wie vor ihre Eigeninteressen. Die USA haben das genauso wie die Sowjetunion in Afghanistan erleben müssen. Deshalb ist auch nachvollziehbar, warum Trump sich aus diesen Konflikten heraushält bzw. dieses Ziel anstrebt. Er wird die USA nicht in einen Konflikt führen, in dem bereits andere äußere Mächte aktiv sind. Anders die Westeuropäer, allen voran Deutschland. Da man sich aus bestimmten Gründen nicht als Kriegspartei engagieren kann, schlüpft man unter den Mantel der NATO oder der UNO. Aber ohne eigenes militärisches Agieren in einem Syrienkrieg kann Deutschland auch nicht zu einem Friedensschluss beitragen. Dazu fehlt schlicht und einfach das politische und militärische Gewicht!

Zurück zur Frage, als was diese weltweit zu erkennenden Konflikte, insbesondere die von Libyen bis Afghanistan, von der Türkei bis Jemen oder in Mali zu verstehen sind. In Mali zum Beispiel kämpfen die Huthi-Rebellen gegen eine Koalition unter Führung von Saudi Arabien. Frankreich und Deutschland versuchen zu vermitteln, indem sie ausbilden. Oder in Syrien mutierte ein Kampf gegen den Islamischen Staat zu einem Konflikt oppositioneller (militärischer) Kräfte gegen das staatliche Regime, was in westlichen Medien vielfach als „nationaler Befreiungskrieg“ dargestellt wird.

Es ist zunächst offensichtlich, was diese vielen Konflikte nicht sind. Es sind keine Bürgerkriege, wenngleich sie meist als solche durch äußere Mächte angezettelt wurden. Aber früher oder später, mischen äußere Mächte (auch militärisch) mit, die sehr leicht zu erkennen sind. Dadurch kann man deren geopolitische Ziele gut herauslesen. Diese Mächte müssen aber nicht unbedingt mit militärischen Mitteln intervenieren. Viel häufiger unterstützen sie heute die eine und morgen vielleicht eine andere Konfliktpartei mit Ausrüstung, Geld und anderem. Das war sehr gut in Afghanistan zu erkennen, wo die USA zunächst die Mudschahedin im Kampf gegen die Sowjetunion einsetzten und heute mit den Taliban fragwürdige Friedensverträge schließen. All diese betrachteten Konflikte werden durch äußere Kräfte mit militärischem Gerät gefüttert und somit auch „am Leben erhalten“. Und da man auch hier die Empfänger der Unterstützung ganz schnell mal wechselt, haben Kräfte von außen immer die Möglichkeit, diese Konflikte so lange am Kochen zu halten, wie es ihnen passt. Was ist so typisch für diese Kriege „David gegen Goliath“? Es sind keine Konflikte, sondern asymmetrisch geführte Kriege! Ein asymmetrischer Krieg ist eine mit militärischen Mitteln geführte Auseinandersetzung zwischen Parteien, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch unterschiedlich ausgerichtet sind.

Eines wird offensichtlich, nämlich dass die Kampffähigkeit der beteiligten Parteien nicht nur ungleich, sondern auch viel billiger geworden ist. Kaum noch Panzer oder schweres Militärmaterial auf Seiten der Guerillas. Die Kämpfer sind leicht bewaffnet mit Kalaschnikows und gleichzeitig sind sie hochbeweglich, weil sie sich in den Besitz von Pickups gebracht haben. Das Tragische, aber gut Nachvollziehbare ist, dass die Guerillas die Pickups den Hilfsorganisationen der UNO entwendet haben und Waffen durch Plünderung von Militärbeständen erlangen konnten.

Aber ein weiteres Moment ist für diese Konflikte neu. Mehr und mehr dienen auf Seiten der Guerillas und auch auf Seiten bestimmter staatlicher Armeen internationale Söldner. Das ist nachweisbar in der syrischen Armee, in den Truppen der Separatstaaten in der Ostukraine, im Kampf der Türkei gegen die Kurden oder der USA in Afghanistan. Diese Söldner leben vom Krieg und sie leben für den Krieg. Sie sind erst durch die Vielzahl neuer Konflikte nach dem Ende der Bipolarität entstanden und kommen bestimmten Staatenlenkern gerade recht, denn nun muss kein Staat seinem Volk mehr Rede und Antwort stehen, warum die Söhne des eigenen Landes im Krieg gefallen sind, wie es die USA im Vietnamkrieg und die Sowjetunion in der Afghanistan-Niederlage noch erleben mussten. Auch entstanden nach dem Ende des Kalten Krieges in vielen Staaten der Welt private militärische Dienstleistungsunternehmen ‒ private military companies ‒ wie z. B. „Black Water“ in den USA oder neuerdings die „Wagner Einheiten“ Russlands. Mit der weltweiten Reduzierung der Armeen aufgrund des Endes des Kalten Krieges seit etwa 1990 entstand ein Überangebot an arbeitslosen ausgebildeten Soldaten. Die USA und Großbritannien verschlankten ihre Streitkräfte, genauso wie Russland und andere ehemalige Staaten des Ostblocks. Die Armeen hinterließen eine große Anzahl arbeitsloser Soldaten.

Die Welt wird noch Jahrzehnte mit diesen Konflikten und deren Hintergründen leben müssen. Die Anzahl der heute aktiven Konflikte ist groß und fast über den ganzen Erdball verteilt. Diese Konflikte können nicht mit großen Schlachten aufwarten, aber die Anzahl der aktiven Kämpfer, die große Zahl der Getöteten ‒ sowohl Kämpfer wie auch Zivilbevölkerung ‒ und die Vernichtung von Ressourcen erlauben ganz sicher, diese Konflikte mit einem Weltkrieg zu vergleichen.

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