Dienstag, September 21, 2021
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Weniger arbeiten, erzeugt viel Stress

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Haben wir heute verzerrte Bilder über die Arbeitswelt und resultieren daraus wiederum falsche Schlüsse, wie diese verändert werden sollte? Oder warum die
Attraktivität von Jobs im Öffentlichen Dienst zunimmt.

Arbeit ist wichtig für ein selbstbestimmtes Leben. Es wird sogar für ihre Aufnahme in die Menschenrechtscharta plädiert. Wir brauchen Tätigkeiten zur Entwicklung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, sie sind sinnstiftend, wertschöpfend und gewährleisten sozialen Zusammenhalt. So könnte man die positive Seite des modernen Arbeitslebens bezeichnen. Allerdings gibt es auch die Schattenseiten der Arbeitswelt. Und oft werden diese in der Darstellung enorm zugespitzt. Vor allem für solche Aspekte wie Stress, Depressionen und Ängste muss häufig der Arbeitsplatz als Ursache herhalten.

31 Prozent der für den Statista Global Consumer Survey in Deutschland befragten Menschen geben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten vor der Umfrage psychische Probleme hatten. Darunter versteht die Erhebung ein breites Spektrum von Symptomen wie Stress, Depressionen und Ängste. Über die tatsächliche Verbreitung sagt das indes wenig aus. Besonders widersprüchlich erscheint im Ergebnis der Umfrage, dass Schweden – allgemein wird das skandinavische Land mit der höchsten Zufriedenheit seiner Bevölkerung angegeben – mit 46 Prozent an der Spitze bei den Angaben zu Stress, Depressionen und Ängsten steht. Nach Schweden folgt die USA mit 42 Prozent. Das Land mit Angaben zu den wenigsten psychischen Beeinträchtigungen war übrigens China (22 Prozent), gefolgt von Frankreich (26 Prozent). Die Umfrage gibt natürlich keine Antwort darauf, ob Franzosen oder Chinesen psychisch gesünder sind. Offenbar sind psychische Probleme möglicherweise davon abhängig, wie das Thema gesamtgesellschaftlich bewertet wird. Möglicherweise steigen die Belas-tungsempfindungen innerhalb eines Landes, je häufiger und negativer über Belastungen berichtet wird.

Objektive Faktoren lassen sich aus dem subjektiven Empfinden von Menschen nicht ableiten. So häufig wie über psychische Beeinträchtigungen in den vergangenen zehn Jahren berichtet wurde, scheint es kein Herauskommen aus dem Phänomen zu geben. Entsprechend steigt die Anzahl niedergelassener Psychotherapeuten ständig. Im Jahr 2019 betrug ihre Anzahl in Deutschland insgesamt 28.116. 2015 waren es deutschlandweit noch 16.761 Einzelpraxen von Psychotherapeuten. Im bevölkerungsreichsten Bundesland, in Nordrhein-Westphalen, betrug ihre Anzahl 6.362. In Sachsen-Anhalt wurden 2019 insgesamt 489 psychologische Psychotherapeuten (d. h. ärztliche Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Ärztinnen und Ärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten, psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten) gezählt. Obwohl in der Öffentlichkeit vielfach positiv über den Fortschritt, von Erleichterungen und Modernität geredet wird, erzählt die wachsende Versorgungsdichte psychotherapeutischer Praxen eher das Gegenteil.

Eine weitere statistische Zahl, nämlich die über die durchschnittliche Jahresarbeitszeit, verdeutlicht die widersprüchliche Sicht auf die Arbeitswelt. Laut dem statistischen Bundesamt betrug 2020 die jährliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigen in Deutschland 1.577 Stunden bei Vollzeiterwerbstätigen. Im Jahr 1970 lag die durchschnittliche Jahresarbeitszeit noch bei 2.000 Stunden. Eine allgemein sinkende Arbeitszeitbelastung fördert offenbar keine psychische Gesundheit. Nun wird die Komplexität der Moderne, die Einflüsse von Informationsfluten und Leistungsdruck – in kürzeren Zeiten mehr schaffen zu müssen – als Gründe für das Belastungsempfinden angegeben. Da Arbeitszeitvolumen offenbar geringer werden, muss auch das gewachsene Freizeitpotenzial kritisch unter die Lupe genommen werden.

Jugendliche am Ende ihres Studiums äußerten kürzlich in einem Gespräch, dass sie den Einstieg ins Berufsleben möglichst mit einer 30-Stunden-Woche angehen wollten. Länger könnte man ja in späteren Jahren noch arbeiten. Dass junge Menschen noch nichts vom Belastungsempfinden älterer Arbeitnehmer wissen bzw. nachempfinden können, ist verständlich. Dennoch zeigt diese naive Sicht, das heute von vornherein eine geringere Leistungsbereitschaft vorhanden zu sein scheint. Entsprechend müsste man mutmaßen, dass also relativ normale Arbeitsanforderungen heutiger Erwachsenengenerationen vom Nachwuchs als unangemessen und beeinträchtigend angesehen werden. Nur was man tatsächlich geleistet und geübt hat, kann als Leistungspotenzial abgerufen werden. Theoretische Vorstellungen darüber, was viel oder wenig Arbeit bedeuten, helfen nicht, eine realistische Einschätzung über die eigene Leistungsfähigkeit abzugeben.

So verwundert es nicht, dass junge Frauen zu Zweidritteln den Wunsch äußern, nach der Ausbildung im Öffentlichen Dienst arbeiten zu wollen. In diesen Wünschen drücken sich beispielsweise Sicherheitsdenken und Ängste aus. Genauso wenig überrascht dann, dass ein geringer Leistungsdruck in sicheren öffentlichen Gefilden dennoch zu einem hohen subjektiven Belastungsempfinden führt. Dass Entscheidungsfreiheiten im öffentlichen Sektor häufig enger sind, als in Unternehmen, die die Selbstständigkeit ihrer Mitarbeiter fördern und fordern, kann ein Grund für das Entstehen negativer Bewertung zur eigenen Arbeit sein, andererseits münden geringe Arbeitsanforderungen oft zu mehr Grübelzeit. Und das kann die Einstellung zum Job verschlechtern und ein psychisches Belastungsempfinden fördern.
Axel Römer

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