Samstag, Oktober 16, 2021
Anzeige

Wenn der Nobelpreis Verwirrung stiftet

Anzeige

Folge uns

Es kommt immer wieder vor, dass Prominente mit kontroversen Meinungen Schlagzeilen machen. Ein aktuelles Beispiel ist die Pandemie. Bei Nobelpreisträgern hat man jetzt die Nobelitis dafür verantwortlich gemacht, die einen enormen
Selbstbewusstseinsschub auslösen soll. Dieser Diagnose widerspricht allerdings, dass nur sehr wenige der Ausgezeichneten davon infiziert wurden. | Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

Gelegentlich passiert es, dass man in der Presse kontroverse Ansichten oder Kommentare zu grundlegenden Erkenntnissen liest, die von der wissenschaftlichen Community längst akzeptiert sind. Das ist immer dann besonders irritierend, wenn diese von solchen Prominenten kommen, die die begehrteste aller wissenschaftlichen Auszeichnungen, den Nobelpreis, für außergewöhnliche Leistungen erhalten haben. Wie soll man das auch verstehen, dass Repräsentanten der wissenschaftlichen Hocharistokratie plötzlich kontroverse Meinungen vertreten? Kann es denn sein, dass ein gestern noch für seine scharfsinnige, glasklare Sachlichkeit und revolutionäre Originalität ausgezeichneter Wissenschaftler einen nicht nachvollziehbaren geistigen Sichtwechsel vollzogen hat? Nach einem in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ, 6. Juni 2021) erschienenen Beitrag gibt es dafür eine Diagnose: die Nobelitis. Kurz gesagt, die Verleihung des Nobelpreises verleiht dem Laureaten ein grenzenloses Selbstvertrauen, das ihn dazu verführt, sein enges Spezialgebiet zu verlassen und sich auf Gebiete zu begeben, in denen er kein Experte ist.

Es begann mit explosivem Öl
Die Geschichte des Nobelpreises beginnt in Italien. Dort beschrieb der Turiner Arzt und Chemiker Ascanio Sobrero 1847 erstmalig die Herstellung von Nitroglycerin, einer farblosen, öligen Flüssigkeit, die unkontrolliert explodiert. Vielleicht erinnert sich einer der reiferen Leser noch an den frühen Blockbuster „Lohn der Angst“. Dieser Film erzählt von verwegenen Freiwilligen, die für viel Geld in Tankwagen abgefülltes Nitroglycerin zu einer brennenden Ölquelle in der Wüste transportieren sollen. Einer schafft es mit der explosiven Ladung bis zum Feuer, erhält das Geld, bringt sich aber auf der Rückfahrt im euphorisierten Zustand um dessen Ausgabe.

Aus dem Nitroglycerin wurde das Dynamit, eine Erfindung des Schweden Alfred Nobel (1833-1896). Sein Vater war im Dienst des Zaren Nikolaus II. mit der Entwicklung von Sprengminen und anderem Kriegsgerät wohlhabend geworden. In dieser Zeit lebte die Familie in St. Petersburg und dort wurden die Söhne von Hauslehrern unterrichtet, unter denen auch namhafte Chemiker waren. Obwohl Alfred als junger Mann schöngeistigen Aktivitäten nachging, machte er sich später zum Ziel, das unberechenbare Nitroglycerin zu zähmen. Er begab sich auf die Suche nach Materialien, die im Gemisch mit dem Öl dessen Stoßempfindlichkeit vermindern. Ein solches fand er im Kieselgur, einem großporigen, weißen Pulver aus den Schalen abgestorbener Kieselalgen. Kieselgur saugte das Öl auf und ebnete so den Weg für das Dynamit. Dieses neue, handhabungssichere Sprengmittel fand durch den weltweiten Bau von Eisenbahnstrecken, den Bau des Panama-Kanals und kriegerischen Auseinandersetzungen reißenden Absatz. Alfred Nobel, der auch gut mit Geld umgehen konnte, war sowohl als Erfinder (Sprenggelatine) und Unternehmer (auch im Erdölgeschäft) erfolgreich, was ihn zu einem der reichsten Männer seiner Zeit machte.

Der Preis
Die auch für Laien leichte Herstellung seiner Sprengmittel führte zu zahllosen, politisch motivierten terroristischen Aktivitäten in Russland und Westeuropa. Viel gelesene Schriftsteller rückten Nobel mit ihren Romanen (Emil Zola, „Paris“; Jules Verne, „Die Erfindung des Bösen“) in die Nähe einer literarischen Figur, der des verrückt-bedrohlichen Sprengstoffchemikers. Ein Buch von der späteren Friedensaktivistin Bertha von Suttner („Lay down your arms“) bestärkte Nobel in seiner späteren, resignierenden Bilanz, dass die kriegerische Verwendung von Dynamit sein Lebenswerk entwertet. Diese Frau, um deren Hand er jahrelang erfolglos angehalten hatte, brachte ihn trotzdem dazu, ein Testament zur Förderung nutzbringender Erfindungen zu verfassen. In diesem wurde festgelegt, dass mit den jährlichen Zinsen seines Vermögens, unabhängig von der Nationalität und dem Geschlecht, jene herausragenden Persönlichkeiten der Physik, Chemie, Medizin/Physiologie, Literatur und Friedensförderung auszuzeichnen sind, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. Den Nobelpreis für Literatur sollte derjenige erhalten, der „das Beste in idealistischer Richtung geschaffen“ hat. Mit dem Testament förderte er „das bürgerliche Bildungsstreben, schuf eine Nobelitierung frei von Herrscherwillkür und eine neue Aristokratie des Geistes“ (ChiuZ 35 (4) 2001). Jahrzehnte später stiftete die Schwedische Reichsbank einen Nobel-Gedenkpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Nobel starb relativ früh, weil er nicht den Ratschlag seines Arztes akzeptierten wollte, seine Herzprobleme (angina pectoris) mit Tropfen aus alkoholischem Nitroglycerin zu behandeln. Kurioserweise schlucken heute, nach einer hundertjährigen Beschäftigung mit der gefäßerweiternden Wirkung des Nitroglycerins, Millionen Männer Pillen mit dem die genitale Durchblutung erhaltenden Viagra-Wirkstoff.

Wilhelm Conrad Röntgen (Physik), Jacobus H. van’t Hoff (Chemie) und Emil von Behring (Medizin) waren die Ersten, die den Preis 1901 erhielten. Während des 1. und 2. Weltkrieges wurde die Verleihung des Nobelpreises zeitweise ausgesetzt, und später verbot Hitler deutschen Wissenschaftlern dessen Annahme. Über die Vergabe der Auszeichnung entscheiden rund 6.000 Personen, zu denen auch die ernannten Preisträger gehören. Das Preisgeld beträgt 870.000 Euro pro Preis (seit 2017) und der Tag der Preisverleihung hat in Schweden den Charakter eines Nationalfeiertages.

Juroren können sich uneinig sein
Das im Testament festgelegte – „im verflossenen Jahr“ – erwies sich als nicht praktikabel, denn eine bahnbrechende Leistung wird oft erst später erkannt. Das extremste Beispiel dafür ist die Verleihung des Nobelpreises für die Entdeckung eines krebsauslösenden Virus in einem Hühnertumor (Rous-Sarkom-Virus), die bereits 1911 beschrieben wurde. Obwohl der Entdecker Peyton Rous mehrmals für den Preis nominiert wurde, erhielt er ihn erst 55 Jahre später. Es ist auch vorgekommen, dass das Komitee bei der Bewertung einer Entde-ckung so verunsichert war, dass der Preisträger nicht für seine epochale Leistung ausgezeichnet wurde. So geschah es Albert Einstein. Er erhielt den Preis (1921) nicht für seine revolutionäre „spezielle Relativitätstheorie“, sondern für die Erklärung des photoelektrischen Effekts. Im Fall der Spaltung des Urans (Otto Hahn und Mitarbeiter) geringschätzten die Juroren die erklärende Leistung von Lise Meitner („sie hat ,nur‘ herausgefunden, wie viel Energie freigesetzt wird und hat dies mit relativ einfachen Formeln beschrieben“). Auch für falsche Entdeckungen und an Falsche sowie für eine verheerende medizinische Behandlungsmethode wurde der Preis vergeben. Ein Pathologe (Johannes Grib Fibiger) wurde mit dem Preis 1926 für die Entdeckung eines magenkrebsauslösenden Fadenwurms ausgezeichnet – ein Irrtum. Dem Amerikaner Selman Waksman wurde 1952 der Preis für die Entdeckung eines Antibiotikums (Streptomyzin) zuerkannt, das aber sein Student Albert Schatz gefunden hatte. Antonio Egas Moniz wurde der Medizinnobelpreis (1949) für einen chirurgischen Eingriff zur Behandlung von Geisteskrankheiten (Lobotomie) zuerkannt, der, wegen der dabei „produzierten“ lebenslangen Pflegefälle, heute zu einem der größten Untaten in der Geschichte der Psychiatrie zählt. Aber es gibt auch die ewigen Pechvögel, wie den norwegischen Meteorologen Vilhelm Bjerknes, der mehr als 50mal erfolglos nominiert wurde.

Nobelpreise werden für herausragende Einzel- leistungen, Lebensleistungen und kollektive Leistungen (so wiederholt beim Friedensnobelpreis) verliehen. Manchmal sind unter den Ausgezeichneten auch Exzentriker. Kary Mullis war nur kurz in der Wissenschaft tätig und lebte ansonsten vielfältige Inte-ressen aus. Der Washington Post nach ist er der „schrägste Mensch, der jemals den Nobelpreis für Chemie erhalten hat“. Nach seiner Promotion in der Biochemie kehrte er dieser den Rücken, versuchte sich als Schriftsteller, wurde Manager einer Bäckerei und später von einem ehemaligen Kollegen in der amerikanischen Biotechfirma Cetus Corporation angestellt. Dort entwickelte er die PCR, die Technik zur millionenfachen Vervielfältigung kleinster DNA-Proben. Vor der Verleihung des Nobelpreises entging er knapp der Verhaftung in Stockholm, weil er von seinem Hotelzimmer aus Passanten mit einem Laserpointer geärgert hatte.

Vitamin C und Krebs
Kehren wir zur Nobelitis zurück. Ausgerechnet bei einem von mir geschätzten Chemiker, der sich sehr verdient um das Verständnis der chemischen Bindung gemacht hat, glaubt man einen frühen Beleg für die Nobelitis gefunden zu haben. Es ist Linus Pauling, der mit den Nobelpreisen für Chemie (Proteinstruktur, 1954) und Frieden (Kampf gegen Atomwaffentests, 1963) ausgezeichnet wurde. Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts konvertierte der theoretische Chemiker zur Biochemie. Von da an beschäftigte er sich mit dem Vitamin C und verteidigte später sehr halsstarrisch seine Überzeugung, dass Vitamin C ein Allheilmittel ist, auch bei Krebserkrankungen. Das war nicht ganz so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheint, denn Vitamin C ist ja bekannt als „Zahnfleischfestiger“. Dieses wiederum legt den Gedanken nahe, dass eine Verstärkung der Bindegewebe im Körper die Ausbreitung der Metastasen bremst. Pauling nahm selbst eine Zeitlang täglich bis zu 18 Gramm Vitamin C ein, das 300-fache der von der US-Gesundheitsbehörde empfohlenen Menge (Wikipedia). Hochbetagt verstarben er und seine Frau an Krebs.

Virenerzeugende Radiowellen
und falsche Prophezeiungen
Als ein „Nobelpreis-Verwirrter“ gilt der französische Virologe Luc Montagnier. Für die Entdeckung des HI-Virus in seiner Arbeitsgruppe erhielt er den Nobelpreis 2008. In einem späteren Interview behauptete Montagnier, dass eine gesunde Ernährung, Antioxidantien und Hygiene im Kampf gegen AIDS wichtiger seien als einschlägige Arzneimittel. Seiner Überzeugung nach beseitigt ein intaktes Immunsystem in Verbindung mit einer gesunden Ernährung/Lebensweise das HI-Virus ohne Medikamente (Wikipedia). Er vertritt auch die Laborhypothese als Ursache für den Ausbruch der Corona-Epidemie, was bei Impfgegnern viel Gehör findet. Von Letzteren bekam er dann die Aussage untergeschoben, „dass alle Menschen zwei Jahre nach der Impfung sterben“. Mit wunderlichen Hypothesen zog er immer wieder Aufmerksamkeit auf sich. So behauptete er, dass Impfungen eine Ursache des plötzlichen Kindstodes sind, was an seiner Glaubwürdigkeit als seriöser Wissenschaftler erhebliche Zweifel weckte. Damit nicht genug, 2009 berichtete er der Öffentlichkeit, dass die DNA von Krankheitserregern Radiowellen abstrahlt und so die Struktur des Wassers bleibend verändert. Montagnier geht dann noch einen Schritt weiter und macht Radiowellen zu einem universellen Marker von unterschiedlichen Erkrankungen. Folgerichtig wurden seine neuen Forschungsschwerpunkte Alzheimer, Parkinson, multiple Sklerose und auch der kindliche Autismus. Deshalb schlug er auch vor, Autismus mit Antibiotika zu behandeln.

Ein Beispiel für einen Laureaten, der sich nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreis auf anderen Gebiete einen Namen machen wollte, ist Michael Levitt, ein aus Südafrika stammender Biophysiker. Den Chemienobelpreis (2013) bekam er für Arbeiten zur Ausbildung der Strukturen von Proteinen nach deren „Geburt“ in der Zelle. Von ihm gibt es mehrere Fehleinschätzungen. So sagte er im März 2020: „Ich wäre überrascht, wenn die Zahl der Toten in Israel zehn übersteigen würde“. Bis Juni 2021 sind in Israel mehr als 6.400 Covid-19-Infizierte verstorben. Im Juli 2020 prophezeite er, dass in den USA die Pandemie in vier Wochen vorbei sei. Dazu erklärte er später: „Mein Fehler war, dass ich die zweite Welle, die sich bereits abzeichnete, nicht gesehen habe“. Er vertrat auch die Meinung, dass es für die Herdenimmunität genügt, wenn sich 15 Prozent der Bevölkerung anstecken. Zu Beginn des Jahres behauptete er noch, dass die Infektionssterblichkeit in Schweden 0,06 Prozent nicht überschreitet, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits 0,12 Prozent der Infizierten verstorben waren.

Ein Resümee
Nach Erhalt des Nobelpreises sagte Michael Levitt einmal: „Es ist nicht einfach, wenn die Leute anfangen auf all den Unsinn zu hören, den man erzählt. Plötzlich gibt es vielmehr Möglichkeiten und Verlockungen, als man jeweils bewältigen kann“. Nobelpreisträger verhalten sich in der Mehrzahl nicht anders als Durchschnittsmenschen, was der renommierte Chemiker und „Science-in-Fiction“-Schriftsteller Carl Djerassi („Vater der Anti-Baby-Pille“) in seinem Roman „Cantors Dilemma“ kurzweilig beschreibt. Unter den Preisträgern gibt es solche mit einem Tunnelblick und solche, die auf vielen Feldern brillieren. „Universalgelehrte“ sind sie nicht. Auch haben ihre mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Leistungen ein „unterschiedliches Gewicht“. Einige der Preisträger waren pedantische Analytiker, andere scharfsinnige Gedankenakrobaten. Und dann gibt es noch jene, die im Chaos ein ordnendes Prinzip erkennen oder mit dem Mikroskop an Orten Dinge sehen, die dort eigentlich nicht sein sollten. Das Beispiel für Letzteres war die Entdeckung eines zerstörerischen Bakteriums (Helicobacter pylori) im sauren Milieu der Magenschleimhaut. Ein Kompass zum Nobelpreis wurde den Ausgezeichneten nicht in die Wiege gelegt. Zur rechten Zeit am rechten Ort und auf gleich Motivierte getroffen zu sein, hat auch eine Rolle für den Erhalt des Nobelpreises gespielt. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage und dem unauffälligen Verhalten der großen Mehrzahl der Nobelpreisträger erscheint „die Infektion durch die Nobelitis“ ein eher seltenes Ereignis zu sein. Die allermeisten der Preisträger haben sich an das Sprichwort gehalten: „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein kann aber auch einem späteren Preisträger schon vor der Verleihung eigen sein. Ein Beispiel dafür ist Winston Churchill, der beim Erhalt der Nachricht von der Auszeichnung nachgefragt haben soll: Auf welchem Gebiet? Ihm wurde 1953 der Literaturnobelpreis zugesprochen.

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Bedeckt
9.7 ° C
10.6 °
8.5 °
87 %
2.2kmh
95 %
Sa
11 °
So
11 °
Mo
14 °
Di
16 °
Mi
19 °

E-Paper