Mittwoch, August 10, 2022
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Wenn die Masse schweigt

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Die Mehrheit, die etwas hinnimmt, die sich den guten Ideen und Visionen angeblich verweigert, wird gern als gesellschaftlicher Bremsklotz bezeichnet.
Es gibt aber auch die positive Seite. Darüber wird allerdings selten gesprochen. | Von Thomas Wischnewski

Das Problem ist immer die schweigende Masse. Jeder kennt diese Generalkritik, mit der erklärt wird, dass gesellschaftliche Prozesse zu langsam sind oder dass Entwicklung und Fortschritt zum Stillstand kommen würden. Die übergroße Mehrheit sieht offenbar die richtigen Lösungen nicht, macht die Kreuze auf dem Wahlzetteln an der falschen Stelle und äußert sich nicht offensiv genug über notwendige Veränderungen bzw. verharrt in alten Verhaltensmustern. So oder ähnlich klingen die kritischen Stimmen, die fortwährend eine behäbige Mehrheit dafür in die Verantwortung nehmen, weil es zu wenig Wandel gibt. Und natürlich ist es einfach, auf eine anonyme Masse verbal einzuprügeln, weil man ja niemanden persönlich verletzt.

Die sogenannte „schweigende Masse“ muss stets auch als Untersuchungsgegenstand vor allem soziologischer Forschungen herhalten. Schließlich sind es die statistischen Erhebungen und die Deutungen der Ergebnisse, die letztlich Erklärungen liefern sollen, von welchen Einstellungen sich große Bevölkerungsanteile leiten lassen, was sie angeblich wünschten oder ablehnten. Neben Politikwissenschaftlern sind es insbesondere Politiker, die an der Meinungs-Beweglichkeit oder – Unbeweglichkeit von Wählern interessiert sind, um vom breiten Publikum zu erfahren, ob sie mit ihren Programmpunkten und Losungen richtig liegen. Dass sich an der Macht befindliche Parteienvertreter vorrangig von Lobbyisten-Interessen leiten ließen, ist ein ähnlich schwammiger General-Vorwurf, wie jegliche Schuld irgendeiner Masse überzuhelfen.

In unserer individuellen Konstitution als Mensch fühlt sich in der Regel selten jemand massenkonform. Stets wird das eigene Anderssein, dass sich Abheben von der Masse herausgestellt. An dieser Stelle dürfte man allen, die sich so außerordentlich anders als andere fühlen, zurufen, dass wir gerade im Anderssein alle gleich sind. Und damit jeder zur Einheitlichkeit der unübersichtlichen Unterschiede beiträgt.

Niemand steht über einer Masse, der nicht von derselben herausgehoben wurde

Den tatsächlichen positiven Kern der angeblich so destruktiven „schweigenden Masse“ nennt allerdings kaum jemand. Der Gleichklang in ähnlichen Verhaltensmustern ist nämlich das Fundament gesellschaftlicher Stabilität. Würden sich permanent viele oder gar eine Mehrheit in die eine oder andere Richtung reißen lassen, wären weder Demokratie, noch Rechtsstaatlichkeit oder gar Zusammenhalt in einer Gesellschaft möglich. Wahrscheinlich herrschten dauerhaft chaotische Zustände, ließen sich Lebensentwürfe nicht umsetzen oder wäre der Aufbau von Unternehmen, Vereinen, kulturellen Institutionen – egal welcher Art und Eigentumsform – nicht möglich. Und wollten viele Visionäre sein und mit ihren Ideen an möglichst viele appellieren, um Unterstützer zu gewinnen, wäre schon dies unmöglich, weil ja irgendwie jeder in eine andere Richtung marschieren wollte. Wenn die Masse angeblich schweigt, ist dies nicht unbedingt ein Hinweis auf Ignoranz, sondern vielmehr einer für Zustimmung. Diese muss nämlich nicht ständig neu erklärt werden.

Kein Mensch wäre nur durch sich selbst und seine Leistung, Erfindung, sein Werk bzw. seine Kreativität bekannt, gäbe es da nicht die große Masse der Fans, Zuschauer und Claqueure, durch die Einzelne erst von der Masse aus der Masse herausgehoben werden. Und so neidet man am Erfolg Einzelner eigentlich nur den Zuspruch durch die Masse. Jene also, die sich über eine Mehrheit erheben wollten – und sei es nur gedanklich – irren darin, dass sie sich über die vielen anderen stellen könnten. Insbesondere in der politischen Sphäre ist es fatal, wenn man sich selbstbezeichnend als „die Guten“ oder als besonders fortschrittlich hinstellt. Das gilt für jede politische Richtung. Wenn von rechts vor allem ein national-identitäres Konzept vorangestellt wird, ist dies genauso einseitig und verkürzend, als könne man das Leben von Millionen oder gar von Milliarden Menschen mit den Ideen aus wenigen Köpfen steuern. Alle ideologischen Visionen, die einen größtmöglichen gesellschaftlichen Sprung proklamieren wollten, sind bisher historisch gescheitert und haben vor allem Tod, Leid und Unfreiheit erzeugt.

Keinesfalls darf hier die negative Seite eines unbeweglichen Massenverhaltens ausgeblendet und relativiert werden. Vor allem die Akzeptanz nationalsozialistischer Macht und deren menschenverachtender Ideen durch eine Mehrheit hat ihren Anteil am zwölfjährigen deutschen Schreckensweg. Genauso hat die Duldung durch eine Mehrheit zu vierzig Jahren „Diktatur des Proletariats“ auf deutschem Boden geführt. Die Verantwortung allerdings mit dem Begriff von der „schweigenden Masse“ erklären zu wollen, ist genauso nebulös, wie diese Masse selbst.

Millionen Individuen in diesem Land oder in einem anderen bzw. in Europa gehen Pflichten, angenommener Verantwortung für Kinder, Familie, Kollegen und Kunden nach – also einem Zusammenwirken mit Menschen unter vielschichtigen Aufgaben. Diese Mehrheit bildet die oft gescholtene angeblich „schweigende Masse“. Man muss eher die Frage stellen, wie oft sollte diese übergroße Mehrheit aufschreien – heute sagt man auch gern „Zeichen setzen“ –, wie oft sollten diese Millionen an Menschen alles umwerfen, ohne Gefahr zu laufen, sich dabei selbst aus der Bahn zu werfen? Fatalistisch könnte man einwerfen, am Ende werden wir alle mit dem Tod aus dem Leben katapultiert. Und gerade deshalb braucht es eine gewisse Stabilität, eine Kontinuität in Abläufen und Gewissheiten zum Leben und über das Miteinander. Nicht nur die „Masse“ hat ihre schlechten Seiten, auch manche Aktivisten können jede Menge Schaden anrichten, obwohl sie zuvor nur das Beste wollten.

Bewegungen, die sich für den Schutz des natürlichen Lebensraumes, für weniger Ressourcenverbrauch und Artenvielfalt auf dieser Welt einsetzen, sind nötig und richtig. Aber man stelle sich vor, wenn eine überwältigende Menge an Menschen, getrieben aus denselben Beweggründen, in Krisengebiete aufbräche, um Hilfe und Unterstützung zu leisten oder eben Widerstand gegen Missstände zu organisieren, würde dann nicht Gefahr bestehen, dass die zurückgelassene Ordnung zusammenbricht, dass Menschen plötzlich Leid erführen, die eben noch in Sicherheit lebten. Und ist nicht zu vermuten, dass im Zielgebiet des Hilfsanliegens noch mehr Unruhe und Konflikte ausbrächen?

Die ausgerufene Corona-Pandemie reißt in ihren wirtschaftlichen Folgen deshalb so viele in einen existenziellen Abgrund, weil sich die überwiegende Mehrheit an die Regeln hält. Einerseits werden damit Menschen geschützt und andere wiederum schwer beeinträchtigt. Jeder sieht das Positive oder Negative dieser Zeit durch seine Brille. Es bleibt ein persönliches Orakel, zu glauben, dass es ohne Lockdown für viele besser oder eben schlechter gelaufen wäre. Die Welt wird stets so, wie sich eine Mehrheit verhält. Das mag aus der Sicht einiger von großem Nachteil sein. Für viele andere ist es indes von notwendigem Nutzen. Lassen Sie sich von manchen Protagonisten nicht in die „schweigende Masse“ einordnen. Diejenigen gehören in vielen Verhaltensweisen und Lebensaspekten genauso zu einer Masse wie jeder von uns.

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