Wer in der Krise schläft, wird in der Dystopie aufwachen

Im Science-Fiction-Genre war das Jahr 2020 immer ein verheißungsvolles Datum. 1965 weissagte der amerikanische Film „Voyage to the Prehistoric Planet“ für das gegenwärtige Jahr Reisen zur Venus, und zwar vom längst kolonisierten Mond aus. In „Mission to Mars“ aus dem Jahr 2000 nehmen wir heuer auf dem Roten Planeten Kontakt mit Außerirdischen auf.

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Doch obwohl das Kalenderjahr 2020 zukunftsfrohe Assoziationen evoziert, wird es als annus horribilis in die Geschichte eingehen. Das lässt sich jetzt schon sagen, obwohl erst das erste Halbjahr vergangen ist. Nicht die Verheißungen der Zukunft stellen sich, sondern Gespenster der Vergangenheit stehen auf: Seuchen, Rassenunruhen, kalter Krieg.

Das bestimmende Thema ist Unsicherheit und Zukunftsangst. Immer neue Wellen von Panik und Wut überspülen die vorherige. Angetrieben und beschleunigt wird dies noch von den sozialen Medien, die die Intensität dieser Trends potenzieren und für eine sich immer mehr zuspitzende Polarisierung sorgen. Augenfälligstes Zeichen dieser Verunsicherung sind Proteste, die friedlich beginnen und für völlig berechtigte Anliegen streiten, oft aber in Radikalismus oder sogar Gewalttätigkeit abgleiten.

Eine hochgradig nervöse Gesellschaft droht dabei an sich selbst irre zu werden, die Fähigkeit zum konstruktiven und toleranten Dialog schwindet. Die digitale Filterblase, in welcher sich nicht nur Trolle und Provokateure, sondern auch schlicht Andersdenkende leicht blockieren lassen, in der nicht Maß und Mitte, sondern die schrillsten Wortmeldungen für die größte Zustimmung sorgen, überträgt sich auf das reale Leben. An die Stelle des argumentativen Wettbewerbs und der Meinungstoleranz tritt der Wunsch, das unliebsame Gegenüber unsichtbar und mundtot zu machen. Diese schwindende Fähigkeit zum Diskurs ist nicht nur der Ausdruck von Unsicherheit angesichts der Krise, sondern verschärft sie noch: Wenn für die nächsten Jahre und Jahrzehnte wenig gewiss erscheint, höchstens der Niedergang und die Katastrophen, wird der Verteilungskampf kompromissloser.

Diese Veränderung der Lebenswelt geht einher mit einer gänzlich anderen Wirtschaftswelt. Der sich ankündigende Wandel wird ähnlich tiefgreifend ausfallen wie die Ära der Industrialisierung. Aus dieser erwuchsen gleichzeitig Fortschritt, riesige Vermögen, massenhaftes Elend und ein Aufstieg der Ideologien, welcher zum Gift für ein ganzes Jahrhundert wurde. Der Mixtur aus Digitalisierung, Robotik, künstlicher Intelligenz sowie unregulierter Globalisierung wohnen ähnlich ambivalente Potenziale inne, auch wenn natürlich die gewaltigen Chancen der neuen Technologien und der Entgrenzung nicht in Abrede gestellt werden sollten.

Die Covid-19-Krise ist ein Beschleuniger dieser Entwicklung. Sie erzwingt die Digitalisierung und setzt angeschlagene Branchen, Geschäftsmodelle, Nationen und Gesellschaften unter einen ganz erheblichen zusätzlichen Druck. Die pessimistische Rezeption unserer Gegenwart und die dystopischen Erwartungen an die Zukunft werden damit noch weiter untermauert. Es gilt aber, dieser wuchtigen Entwicklung vorzubauen, bevor sich die Katastrophenangst in einen tatsächlich katastrophalen Zerfall der Gesellschaft verwandelt. Dabei geht materielle Sicherheit allen ideellen Ansätzen voraus. Brechts vielzitiertes Wort, dass vor der Moral das Fressen komme, ist die aphoristische Zusammenfassung einer Tatsache.

Dementsprechend muss die Wirtschaftsverfassung anders organisiert werden. Unter den Vorzeichen von Globalisierung und Automatisierung ist die Kapitalseite automatisch im Vorteil. Dem muss politisch begegnet werden, ohne die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu ruinieren und Unternehmertum zu stigmatisieren.

Es existiert ein ganzes Bündel guter Vorschläge: Eine sogenannte Tobin Tax, also eine Finanztransaktionssteuer als Steuer, könnte beispielsweise dafür sorgen, dass die Spekulation eingedämmt würde, ohne die Realwirtschaft zu strangulieren. Eine Robotersteuer könnte dafür sorgen, dass der Sozialstaat trotz fortschreitender Automatisierung finanzierbar bleibt und die Arbeitskosten sinken, ohne die Reallöhne zu schmälern. Auch Friedrich Merz‘ Beteiligungsmodell, nämlich der Vorschlag, dass ein Teil der Altersvorsorge pflichtig mit Aktien erfolgt, ist eine Möglichkeit, abhängig Beschäftigte am Wachstum zu beteiligen. Dieser Vorschlag wurde zu Unrecht als neoliberales Teufelszeug denunziert. Vielmehr ist es eine Chance auf Teilhabe am Kapitalzins. Generell muss vermieden werden, als Reaktion auf die heraufziehende Weltwirtschaftskrise in traditionelles Links-Rechts-Lagerdenken zu verfallen. Die alten Schlachtrufe von Markt versus Sozialismus funktionieren nicht mehr in einer Welt, in der der Nationalstaat einerseits globalisierungsbedingt schwächer dasteht und in den letzten Jahren dem internationalen Deregulierungs- und Sozialdumping und der Steueroptimierung durch Konzerne wenig entgegenzusetzen hatte, er aber andererseits als gefragter Akteur wieder machtvoll auf die von Handelskonflikten und Corona-Shutdown dominierte Bühne zurückkehrt.

Gleichzeitig sollte es aber gerade in der Bundesrepublik vermieden werden, die Lasten noch weiter zu erhöhen. Anstelle einer Ausweitung der Staatsquote wären eine Modernisierung der Sozialstaatsfinanzierung und die Entlastung der Arbeitnehmer und des Faktors Arbeit sinnvoll. Eine Reform des Bismarckschen Modells der Sozialversicherung, welches hierzulande immer noch die Norm ist, aber zunehmend schlechter in eine sich wandelnde Arbeitswelt passt, wäre hier ein starker Hebel. Denn Arbeitnehmer schultern in Deutschland nicht ungewöhnlich hohe Steuern, aber sehr hohe Sozialbeiträge. Eine Erhöhung des Steueranteils bei der Sozialstaatsfinanzierung würde die Lasten breiter verteilen und der modernen Arbeitswelt besser gerecht werden. Einhergehen könnte das mit einer Steuerreform, die das überkomplizierte Steuerrecht entschlackt und zugleich den Missstand beendet, dass Arbeitseinkünfte höher besteuert werden als Kapitaleinkünfte. Bewusst ist das in der politischen Klasse schon länger, eine dementsprechende Großreform ist aber keiner Koalition der letzten Jahrzehnte gelungen – trotz vollmundiger Ankündigungen und ganz gleich welcher politischen Ausrichtung.

Das 2020 eine Krise auf die nächste folgt und bislang eigentlich keine gelöst werden konnte, erhöht den Handlungsdruck enorm. Die Politik muss raus aus dem Katastrophenmodus und dringend Zukunftsstrategien finden, bevor es zum Vorbeugen zu spät ist und sich die altbekannte Welt ganz aufgelöst hat, ohne dass die neue irgendwie geordnet worden wäre.

Der Autor: Prof. Dr. Markus Karp, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Marketing, Kommunikation und Dienstleistungsmanagement an der Technischen Hochschule Berlin-Wildau.

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