Samstag, Juni 25, 2022
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Wer reich ist, siegt öfter

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Zwei britische Wissenschaftler beschreiben in einer Studie, warum der Unterhaltungswert des Fußballs zu schwinden droht. | Von Rudi Bartlitz

Wer sich heute, oft ein wenig vergangenheitsverliebt, Fußball aus den, sagen wir, fünfziger, sechziger oder selbst noch den siebziger Jahren anschaut und ihn mit Clips aus der Gegenwart vergleicht, reibt sich zuweilen verdutzt die Augen. Hat er, fragt der Betrachter sich dann, auf der Fernbedienung unbeabsichtigt eine Zeitlupentaste gedrückt oder warum laufen die Spieler so langsam. Der zweite Gedanke folgt auf dem Fuß: Mein Gott, was für lasche Schüsse! Die gleichen ja eher Rückgaben. Irgendwann muss schließlich selbst der noch so nostalgisch Veranlagte erkennen: Nein, die Optik trügt nicht, der Fußball hat sich wirklich so rasant entwickelt. Er ist deut­lich schnel­ler, athle­ti­scher und dyna­mi­scher gewor­den. Kurz: Er ist besser als früher. Räume, die einst Mittel­feld­spie­lern zuge­stan­den wurden, um den Ball anzu­neh­men, ein wenig mit ihm zu traben, zu schauen und ihn dann – im Idealfall mit einem Günter-Netzer-Gedächtnispass – weiterzubefördern, sie sind dahin.

Die Verbesserung des spie­le­ri­schen Niveaus hat viel mit der Kommer­zia­li­sie­rung des Sports zu tun. Seit die Aussich­ten für Klubeigner, Spie­ler und Trai­ner gewach­sen sind, durch Fußball reich zu werden, wird härter gearbeitet, leben die Stars profes­sio­nel­ler. Gleich­zei­tig hat sich in den Ligen ein ande­rer, in gewis­ser Weise gegen­läu­fi­ger Trend entwi­ckelt. Gute Mann­schaf­ten erzie­len über­pro­por­tio­nal höhere Einkom­men als schwä­che­re Teams. Sie können es sich leis­ten, besse­re Spie­ler (und besse­re Trai­ner) zu verpflichten, die wieder­um die Erfolgs­aus­sich­ten ohne­hin guter Mann­schaf­ten weiter verbes­sern. In der Folge droht der Unter­hal­tungs­wert des Fußballs zu schwin­den, weil Erfol­ge vorher­seh­bar werden.

Man könnte es auch mit einem allgegenwärtigen Slogan umschreiben: Geld schießt eben doch Tore. Wer daran bisher immer noch Zweifel gehegt haben sollte, dem helfen zwei britische Forscher endgültig auf die Sprünge. Und zwar mit der wohl umfangreichsten Erhebung, die es in der Geschichte der Fußballstatistik je gegeben hat. In einer ambi­tio­nier­ten Daten­ana­ly­se unter­such­ten die beiden Briten Victor Martins Maimone und Taha Yasseri von der Universität Oxford sage und schreibe 88.000 Spiele in elf euro­päi­schen Ligen (inklu­si­ve Bundes­li­ga und Premier League). Die Spanne dehnt sich dabei über 26 Jahre, exakt von 1993 bis 2019. Das Ergeb­nis ist so eindeu­tig wie ernüchternd: Reiche Mannschaften gewinnen immer häufiger, der Sport wird langweiliger. Weil es einfacher wird, den Sieger vorauszusehen. Ganz wichtig: Hier wird nicht nur eine These in den Raum gestellt, sondern sie wird anhand erdrückender Zahlen bewiesen.

Geld spielt bei allem offen­kun­dig eine dominante Rolle. Die Forscher stel­len fest, dass die Vorher­seh­bar­keit der Ergeb­nis­se höher ist, je reicher eine Liga ist. Wich­ti­ger noch ist ihre Erkennt­nis, dass in Ligen, bei denen zwischen den Mannschaften ein sehr großes finanzielles Gefälle herrscht, der Ausgang der Partien beson­ders gut vorher­seh­bar ist. Die Auto­ren der Unter­su­chung spre­chen hier von einer Gentri­fi­zie­rung des Fußballs. Also jenem aus der Soziologie entlehnten Begriff, der die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte durch wohlhabendere in innerstädtischen Top-Lagen beschreibt. Auf den Fußball übersetzt heißt das so viel wie: die konti­nu­ier­li­che Besser­stel­lung erfolg­rei­cher Teams auf einem Level, das für schwä­che­re Mann­schaf­ten kaum mehr zu errei­chen ist.

Maimone und Yasseri gingen sogar noch einen Schritt weiter: Sie entwickelten auf der Grundlage der Unmenge an ermittelten Daten ein Modell, um Spielergebnisse vorherzusagen. Erfreut stellten sie fest, dass ihre Vorhersagen im Laufe der Jahre immer besser wurden, die Ähnlichkeiten leichter vorhersehbar waren. Sie fanden heraus, wie die Zeitschrift „Royal Society Open Science“ schrieb, dass das Modell „im Allgemeinen ziemlich genau war und das Ergebnis aller Spiele mit einer Genauigkeit von etwa 75 % richtig vorhersagte“.

Eine weitere Tendenz, die auch in anderen Studien schon zutage trat, haben die britischen Wissenschaftler bekräftigt: Der Heim­vor­teil ist in den letz­ten Jahren geschrumpft. Er exis­tiert zwar weiter­hin, spiel­te aber mit den Jahren eine immer gerin­ge­re Rolle – in allen unter­such­ten elf Ligen. Die Bundesliga hatte dies mit Daten gerade für die Corona-Zeit belegt (in Folge von Geisterspielen deutlich mehr Auswärtssiege als zuvor). Eine weitere interessante Erkenntnis, warum der Heimvorteil zurückgeht, liege darin, heißt es in der Oxford-Studie, dass gute (soll heißen: finanzstarke) Teams erfah­re­ner mit Auswärts­spie­len umgehen, weil sie im Gegensatz zu ihrer schwächeren Konkurrenz in inter­na­tio­na­len Wett­be­wer­ben vertre­ten sind. Der Vorteil der Heimteams habe im Laufe der Zeit so weit abgenommen, dass Maimone und Yasseri ihn in ihrem Modell der Ergebnis-Prognosen gar nicht mehr berücksichtigen.

Die beiden Forscher bleiben, so schrieb die „FAZ“ dieser Tage, nicht bei einer reinen Analyse ihrer Daten stehen. Um den Fußball weniger vorher­seh­bar (und lang­wei­lig) zu machen, sollten sich die europäischen Ligen von ameri­ka­ni­schen Profi­sport­ar­ten inspi­rie­ren lassen, lautet ihre Empfehlung. Im Ameri­can Foot­ball der NFL gilt beispiels­wei­se ein soge­nann­ter Salary Cap (Gehalts­de­ckel). Er limi­tiert die Ausga­ben eines Teams für seine Spie­ler. Weil die Mann­schaf­ten zudem noch über die Hälfte der Erlöse teilen, ist eine Wett­be­werbs­fä­hig­keit erreicht, die es auch finanziell nicht so gut gestellten Team erlaubt, realis­tisch nach Trophä­en zu schie­len. Ramy Elit­zur, Finanz­pro­fes­sor an der Univer­si­tät von Toron­to, spricht deshalb von der NFL schon von einer „der sozialistischen Ligen der Welt“.

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