Mittwoch, Juli 6, 2022
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Wie bestellt und nicht abgeholt

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Eigentlich konnten wir uns zu DDR-Zeiten in dem Institut nicht beklagen, dass nicht ausreichend Büromaterialien zur Verfügung standen. Brauchten wir Schreibpapier, einen neuen Kugelschreiber oder einen Locher, es war alles immer da. Nur wenn es um größere Objekte ging, sagen wir mal, um einen neuen Stuhl oder gar um eine Schreibmaschine (die waren ja sowieso Mangelware, weil wahrscheinlich so viele in den Westen geliefert wurden), da rief die Verwaltungsleiterin, die für all das Material zuständig war, aus: „Also da muss ich eine Bestellung auslösen!” „Bestellung auslösen”, nicht nur einfach etwas bestellen, nein, eine „Bestellung auslösen”. Da dachte ich mir, weil wir ja in der DDR Planwirtschaft hatten, da muss sie vielleicht umfangreiche Fragebögen ausfüllen, Begründungen schreiben oder ähnliches. Oder aber, hinterhältig gesagt, sie wollte sich damit wichtigtun. Denn „eine Bestellung auslösen”, das klingt doch gewichtig, das klingt nach viel Arbeit, das unterstreicht die Bedeutung des Amtes als Verwaltungsleiterin im Gefüge des Betriebsgeschehens. So waren also meine Gedanken zu „eine Bestellung auslösen”. Aber falsch gedacht. Denn vor ungefähr zwei Jahren hörte ich ein Interview im Radio mit dem Vorsitzenden des Vorstands einer Aktiengesellschaft. Sie wollen ihre Produktionskapazitäten stark erweitern, was mit vielen Bauarbeiten und der Errichtung neuer Produktionsanlagen, natürlich mit Milliardeninvestitionen, verbunden ist. Und dazu, so der Vorstandschef, „haben wir schon Bestellungen ausgelöst.” Denkste, dass es so etwas nur unter DDR-Bedingungen gab, das Auslösen von Bestellungen. Und der Vorstandschef, mit seinem Jahresgehalt von mehreren Millionen Euro, hat es auch nicht nötig, sich als wichtige Person zu produzieren.

Es geht hier, liebe Leserinnen und Leser, um „bestellen”. So, wie wir viele andere Wörter in unserer Sprache auch verwenden, denken wir häufig gar nicht nach, wie vielfältig die Bedeutung eines Wortes doch sein kann. Sie werden bemerken, dass im Prinzip nur der Zusammenhang, der sogenannte Kontext, bestimmt, welche Bedeutung einem Wort zukommt.

Für einen wie mich, der auf dem Lande aufgewachsen ist, war das erste Mal, dass ich „bestellen” hörte, wenn von Bauern gesprochen wurde, die ihr Feld zu bestellen hatten. Liebe Kinder, „Feld bestellen”, das heißt, der Bauer bringt mit der Hand oder mit einer Maschine, meist einer sogenannten Drillmaschine, Körner in die Erde, und aus diesen Körnern werden große Pflanzen mit ganz vielen Körnern dran. Und im Supermarkt, liebe Kinder, könnt ihr dann Kuchen kaufen, der aus dem Mehl von vielen gemahlenen Körnern gebacken ist.
Und der Chef oder die Chefin des Supermarkts sorgt dafür, dass immer viele Waren bestellt werden, damit ihr immer schön einkaufen könnt. Er oder sie ruft dann bei einer Zentrale an und sagt, was für Waren und in welcher Menge diese benötigt werden. Das nennt sich dann „bestellen“.

Gegenwärtig hätten es die Gastronomen gern, wenn viele Gäste in ihren Gaststätten viel und häufig bestellen würden – solange sie noch Bedienungskräfte haben, die diese Bestellungen entgegennehmen können.

Oder ihr habt ein Haus, ein Eigenheim. Aus irgendwelchen Gründen funktioniert die Heizung nicht mehr richtig. Der Vater vermutet, dass da ein Defekt in der elektronischen Steuerung besteht. „Ich muss einen Handwerker, einen Heizungsmonteur, bestellen.” Er ruft eine Firma an, und tatsächlich kommt noch am Abend – weil es ja im Winter ist –der Handwerker und repariert die Heizungsanlage.

Nun stellt euch vor, ihr fühlt euch gesundheitlich nicht gut und geht zu einem Arzt oder einer Ärztin. Da könntet ihr im Wartezimmer ein Schild lesen: „Sprechstunde für unbestellte Patienten von 11:00 Uhr bis 12:00 Uhr.” Unbestellte Patienten? Was ist das? Da muss es doch auch bestellte Patienten und, gendermäßig, Patientinnen geben? Klein-Fritzchen in seiner Naivität stellt sich das dann so vor: Der Herr oder die Frau Doktor sagt zu den Schwestern: „Mädels, ihr habt ja sowieso nicht viel zu tun, deshalb setzt euch ans Telefon und bestellt ein paar Patienten.” Es soll ja sogar Ärzte geben, die arbeiten nur auf Bestellung! Und während der Pandemie, da waren doch oft Aushänge bei den Friseuren zu lesen: „Nur für bestellte Kunden!” Liebe Leserinnen und Leser, Sie verstehen schon, hier ist es mit dem „Bestellen” das ganze Gegenteil. Als Hausbesitzer mit einem Problem an der Heizung oder an einer anderen technischen Anlage Ihres Heims geht die Initiative von Ihnen aus, um jemand zum Reparieren zu bestellen. Wollen Sie aber eine Behandlung in einer ärztlichen Einrichtung oder zur Verschönerung Ihrer Frisur, dann geht die Initiative zwar auch von Ihnen aus, aber Sie werden in der Einrichtung oder beim Friseur als „bestellt” eingetragen. Ihnen wird gesagt, an welchem Tage und zu welcher Uhrzeit Sie sich einfinden sollen.

Diskos als Einrichtungen gibt es seit rund 50 Jahren. Eigentlich ist selbst dieser Ausdruck sprachlich nicht mehr zeitgemäß, denn ‚Disko‘ ist abgeleitet von ‚Diskothek‘. Und diese Silbe ‚thek‘ bedeutet ‚Sammlung, Ansammlung‘ – siehe ‚Bibliothek‘. („Der schönste Platz ist an der Theke” – das ist die Gläsersammlung beim Kneipenwirt.) Die ersten Diskotheken waren Ansammlungen von Scheiben (‚disk‘), gemeint sind Schallplatten. Die heutigen Diskobesucher haben sicherlich nie mehr einen DJ mit Scheiben hantieren gesehen. Das aber nur nebenbei. Unsere älteren Mitbürger können sich noch erinnern, wie sie früher zu den Tanzabenden gingen. Da spielte eine kleine Kapelle, drei oder vier Mann, eventuell noch eine Sängerin dabei, live, wie wir heute sagen, also direkt zu hören, lebendig, zum Anfassen nahe. Gewöhnlich spielten sie drei Melodien hintereinander, so insgesamt vielleicht 10 bis 12 Minuten lang. Dann machte die Kapelle eine verdiente Pause, vielleicht 5 bis 6 Minuten lang, schließlich mussten sich die Musikanten auch mal ausruhen. Und dann ging es wieder los mit der Musik. Die jungen Männer spurteten los, hatten sich vielleicht schon vorher ein Mädchen ausgeguckt, das sie auf den Tanzboden führen wollten. Kleine Verbeugung „Darf ich bitten?”, und los ging es. In der Regel jedenfalls war es so. Aber es kam auch vor, dass das junge Fräulein sagte: „Tut mir leid, ich bin schon bestellt.” „bestellt”, da haben wir es wieder. Da hatte also jemand schon im Vornherein mit dem Mädchen eine Verabredung für den gerade laufenden Tanz getroffen.
Vielfältig, dieses ‚Bestellen‘. Wenn Sie in Arbeit sind und zu Ihrem Vorgesetzten bestellt werden, können Sie vielleicht unsicher sein, ob das positiv oder negativ ist. Unangenehm kann es auch sein, wenn Frau Karnickle zu Ihnen sagt: „Bestellen Sie mal Ihrem Sohn, er soll nicht so viel Lärm machen, wenn er von der Disko kommend halb besoffen die Treppe hochstolpert.” Bei den Olympischen Spielen in Peking hat die deutsche Mannschaft nicht schlecht abgeschnitten. Aber es gab Disziplinen, da hatten unsere Sportler nicht viel zu bestellen.

Nun aber noch eine Warnung an unsere Englisch-Fans. Steht da nicht an erster Stelle im Deutsch-Englischen Wörterbuch für den Eintrag ‚bestellen‘ ‚to order‘? Ja, richtig, jetzt bestellen wir doch nicht mehr, wir ‚ordern‘! Und jetzt versuchen Sie mal bitte, überall in den Situationen, die wir hier oben angeführt haben, das deutsche Wort ‚bestellen‘ durch ‚order‘ zu ersetzen. Ob das dann auch bei den ausländischen Mädchen, mit denen Sie ausgehen wollen, gut ankommt?

Die Phrase in der Überschrift „wie bestellt und nicht abgeholt” haben Sie sicherlich schon oft gehört. „blöd aus der Wäsche gucken”, „blöd dastehen”, „dumm dastehen”, „dumm aus der Wäsche gucken” haben eine ähnliche Bedeutung.

Ganz zum Schluss, liebe Leserinnen und Leser, die Frage: “Wenn es bei Ihnen mit den Finanzen gut aussieht, wie ist es dann mit Ihrer Gesundheit bestellt?”

Dieter Mengwasser, Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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